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Startseite»Politik»Taliban wollen mehr eigene Diplomaten in Europa 
Politik

Taliban wollen mehr eigene Diplomaten in Europa 

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 27, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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exklusiv

Stand: 27.05.2026 • 06:00 Uhr

Nach Deutschland entsenden die in Afghanistan regierenden Taliban bereits Diplomaten. Geht es nach ihrem Willen, soll dies auch in weitere EU-Staaten geschehen, wie NDR-Recherchen zeigen. Als Gegenleistung – Zusammenarbeit bei Abschiebungen.

Peter Hornung, NDR

Die in Afghanistan regierenden Taliban wollen künftig in weitere EU-Staaten eigene Diplomaten entsenden – als Gegenleistung für eine Zusammenarbeit bei Abschiebungen. Nach NDR-Informationen ist dies eine zentrale Forderung bei dem geplanten Besuch einer Taliban-Delegation in Brüssel.

Staaten, die von den Radikalislamisten Unterstützung zur Rückführung von Afghanen in ihr Heimatland erhalten wollen, sollen nach dem Vorbild Deutschlands im Gegenzug mindestens einen Taliban-Vertreter in der jeweiligen afghanischen Botschaft akzeptieren. Das sagten übereinstimmend mehrere afghanische Diplomaten dem NDR. Kritiker warnen davor, dass die Taliban auf diese Weise die Kontrolle dieser diplomatischen Missionen übernehmen könnten. Bislang werden zahlreiche Botschaften Afghanistans noch von Diplomaten geleitet, die vor der Machtübernahme der Taliban im August 2021 entsandt worden waren.

Taliban-Diplomaten in Deutschland und Norwegen

In Europa entsenden die Taliban bislang lediglich nach Deutschland – als einziges EU-Land – und nach Norwegen eigene Diplomaten. So befinden sich seit vergangenem Jahr zwei Konsularbeamte in der Botschaft in Berlin und im Generalkonsulat in Bonn, unter anderem um Abschiebungen nach Afghanistan zu erleichtern.

Die beiden Taliban-Vertreter haben in beiden Missionen nach NDR-Recherchen faktisch die Leitung übernommen, jedoch ohne, dass dies die Bundesregierung akzeptiert hätte. In der norwegischen Hauptstadt Oslo ist ein Taliban-Vertreter seit 2025 offiziell Geschäftsträger und damit Leiter der Mission.

Hintergrund des geplanten Besuchs der Taliban-Delegation in Brüssel ist eine Initiative von Mitgliedsstaaten, die die EU-Kommission aufgefordert hatten, technische Gespräche über Abschiebungen zu koordinieren. Die Kommission hatte in der vergangenen Woche bestätigt, dass es Kontakte mit den Taliban beim Thema Abschiebungen gebe.

„Möglichkeiten ausloten“

Die Generaldirektion Migration und Inneres habe gemeinsam mit dem schwedischen Justizministerium einen Brief nach Afghanistan geschickt, um die Möglichkeit eines solchen Treffens in Brüssel auszuloten, sagte ein Sprecher vor zwei Wochen. Nach NDR-Informationen wird über einen Termin Mitte Juni gesprochen. Der Leiter der Taliban-Delegation, der Spitzendiplomat Abdul Qahar Balkhi, wollte den bevorstehenden Besuch in Brüssel auf NDR-Anfrage nicht kommentieren.

Der afghanische Botschafter in der Schweiz, Nasir Andisha, ein erklärter Taliban-Gegner, kritisierte im NDR die Pläne zum bevorstehenden Besuch einer Delegation aus Kabul: „Indem Europa sie in Brüssel willkommen heißt und ihnen eine Art militärische Übernahme der Botschaft in Berlin und des Generalkonsulats in Bonn sowie unserer Mission in Oslo gestattet, beschert es den Taliban meiner Meinung nach einen unverdienten PR-Sieg.“

Die Taliban feierten „diese ihnen gemachten diplomatischen Zugeständnisse – insbesondere in Deutschland und Norwegen – in den eigenen Reihen aktiv als ‚Fatah‘, als Sieg oder Eroberung“, so Andisha weiter. „Sie machen sich über westliche Schwächen lustig, während sie gleichzeitig ihren totalitären Würgegriff im eigenen Land, in Afghanistan, immer weiter festziehen.“ Afghanistans Botschafter in Belgien, Nazifullah Salarzai, sagte dem NDR, er würde sein Amt umgehend aufgeben, sollte ein Taliban-Vertreter in die Botschaft entsandt werden.

Keine Anerkennung für das „Islamische Emirat Afghanistan“

Auch fast fünf Jahre nach der Machtübernahme im August 2021 ist es den Taliban noch nicht gelungen, alle diplomatischen Missionen Afghanistans zu übernehmen. Dies liegt hauptsächlich daran, dass bislang außer Russland kein weiteres Land den Taliban-Staat, das „Islamische Emirat Afghanistan“, anerkannt hat.

Vor allem in islamischen Ländern wie dem Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Pakistan, gibt es allerdings bereits von den Taliban ernannte Botschafter. Andere Missionen werden zwar noch von Diplomaten geführt, die von der Vorgängerregierung Afghanistans entsandt worden waren. Diese arbeiten jedoch mit den Radikalislamisten in Kabul zusammen. In der EU sind das die afghanischen Botschaften in Tschechien, Bulgarien und den Niederlanden.

Lediglich eine kleinere Gruppe von Botschaften wird noch immer von erklärten Taliban-Gegnern geführt, so die Missionen in der Schweiz, in Belgien und in Österreich, wo es sogar noch eine Botschafterin gibt. Solche diplomatischen Vertretungen können jedoch nur stark eingeschränkte konsularische Dienstleistungen anbieten, da sie keine Kontakte zu den Behörden in Afghanistan haben. So stellen sie keine Reisepässe und keine Visa aus.

Mehr als 50 neue Webseiten

Unterdessen demonstrieren die Taliban auch im Internet ihren Anspruch auf die diplomatischen Missionen Afghanistans in Europa und weltweit. Nach NDR-Recherchen haben die Radikalislamisten in den vergangenen Wochen über eine private IT-Firma in Dubai mehr als 50 neue Webseiten ins Internet stellen lassen, über die konsularische Dienstleistungen wie die Ausstellung von Reisepässen oder Visa online angeboten werden.

Solche Webseiten wurden auch für Botschaften und Konsulate eingerichtet, die noch von Regimegegnern geführt werden. Diplomaten der betroffenen Missionen fürchten, dass die Taliban auf diese Weise versuchen, Antragsteller zu täuschen und auf ihre Seiten umzuleiten.

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Dr. Heinrich Krämer
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