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Startseite»Bildung»Kontra: Social Media und Jugendliche – warum ein Verbot zu kurz greift | Bildung
Bildung

Kontra: Social Media und Jugendliche – warum ein Verbot zu kurz greift | Bildung

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 17, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Die Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche wird derzeit intensiv diskutiert – häufig mit Blick auf Risiken wie Desinformation, Hassrede, Radikalisierung oder psychische Belastungen. Diese Sorgen sind berechtigt (Ribeiro et al., 2021). Plattformen wie TikTok oder Instagram sind keine neutralen Kommunikationsräume. Ihre Geschäftsmodelle beruhen darauf, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Algorithmen bevorzugen daher Inhalte, die starke Emotionen auslösen, wie Empörung, Angst, Scham oder Bewunderung. Gerade für junge Menschen kann dies problematisch sein, weil sie sich in einer sensiblen Phase der Persönlichkeitsentwicklung befinden (Kolleck, 2026). In dieser Phase werden politische Einstellungen, Selbstbilder und gesellschaftliche Deutungsmuster besonders stark geprägt. Digitale Plattformen haben damit auch Einfluss auf Prozesse politischer Sozialisation, also auf die Entwicklung von politischen Orientierungen und Werten.

Gleichzeitig sind soziale Medien längst zu zentralen Orten der Sozialisation geworden. Jugendliche nutzen sie nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch, um sich zu informieren, politische Positionen kennenzulernen und Zugehörigkeit zu erleben. Plattformen wirken damit auf Selbstbilder der Jugendlichen, ihre Beziehungen und Weltanschauungen. In gewisser Weise findet ein „Kampf in den Köpfen“ statt: Influencer, Algorithmen, Inhalte und Werte konkurrieren um Aufmerksamkeit und prägen, wie junge Menschen über sich selbst und die Gesellschaft denken. Studien zeigen zudem, dass soziale Ungleichheiten eine Rolle dabei spielen können, wie junge Menschen politische Informationen einordnen und welche Ideen sie überzeugend finden. So weist eine aktuelle Untersuchung darauf hin, dass soziale und wirtschaftliche Unsicherheit mit einer höheren Zustimmung zu Verschwörungserzählungen und geringerer Demokratiezufriedenheit unter Jugendlichen zusammenhängen kann (Kolleck & Schuster, 2025).

Weiter zum Beitrag „Handynutzung an Schulen erlauben? Das denken Jugendliche “ (© bpb)

Vor diesem Hintergrund werden derzeit bundesweite Verbote von Handys in Schulen sowie der generellen Nutzung sozialer Medien für unter 16-Jährige diskutiert. Ein allgemeines Verbot erscheint jedoch aus mehreren Gründen problematisch und wird voraussichtlich die aktuellen Herausforderungen nicht lösen (siehe dazu auch Goodyear et al., 2025). Erstens lassen sich Altersgrenzen im digitalen Raum nur begrenzt durchsetzen. Erfahrungen aus Australien zeigen, dass Jugendliche Verbote häufig umgehen. Zweitens verschiebt ein Verbot die Verantwortung vor allem auf Familien und Kinder, ohne die strukturellen Probleme der Plattformen zu adressieren. Drittens birgt ein reines Vermeidungsmodell die Gefahr, dass junge Menschen erst spät und dann unvorbereitet mit digitalen Öffentlichkeiten konfrontiert werden (siehe Video „Werkstatt diskutiert: Social-Media-Verbot für Kinder?“).

Werkstatt diskutiert: Social-Media-Verbot für Kinder?

Stattdessen stellt sich die Frage, wie junge Menschen befähigt werden können, sich in digitalen Räumen kritisch und selbstbestimmt zu bewegen. Medienkompetenz und politische Bildung spielen dabei eine zentrale Rolle. Schulen sollten Orte sein, an denen Jugendliche lernen, Desinformation zu erkennen, algorithmische Mechanismen zu verstehen und unterschiedliche Perspektiven einzuordnen. Gleichzeitig müssen Plattformen stärker reguliert werden: Offenlegen der Kriterien, nach denen Inhalte angezeigt, oder empfohlen werden, wirksamere Maßnahmen gegen Hassrede und Desinformation (z. B. klare Community-Standards, konsequente Moderation, leicht zugängliche Beschwerdeverfahren, Pflicht zum Entfernen illegaler Inhalte, Begrenzung der algorithmischen Verbreitung manipulativer Inhalte, Kennzeichnung falscher oder KI-generierter Inhalte) sowie ein stärkerer Schutz von Minderjährigen (u. a. altersgerechte Voreinstellungen, Schutz vor schädlichen Inhalten und personalisierter Werbung, Begrenzung von Nutzungszeiten oder „Endlos-Scroll“-Mechanismen, einfache Privatsphäreneinstellungen) sind zentrale politische Aufgaben.

Eine zusätzliche Frage sollte in der aktuellen Debatte stärker gestellt werden: Welche Rolle spielen der Aufbau und die Funktionsweise von Social-Media-Plattformen selbst? Oft wird das Verhalten einzelner Nutzerinnen und Nutzer problematisiert. Doch entscheidend ist auch, wie digitale Infrastrukturen Aufmerksamkeit steuern, Inhalte verstärken und damit öffentliche Debatten beeinflussen. Wer über den Umgang mit sozialen Medien spricht, muss daher nicht nur über Bildschirmzeit oder Altersgrenzen diskutieren, sondern auch über die Macht der Plattformen und ihre gesellschaftliche Verantwortung.

Die zentrale Herausforderung besteht darin, Kinder und Jugendliche nicht von digitalen Räumen fernzuhalten, sondern sie darin handlungsfähig zu machen. Demokratie im digitalen Zeitalter wird auch dort gelernt, wo junge Menschen heute kommunizieren: online.

Zum Weiterlesen:

  • Goodyear, V. A. et al. (2025): School phone policies and their association with mental wellbeing, phone use, and social media use (SMART Schools). The Lancet Regional Health – Europe 51, 101211.

  • Kolleck, N., & Schuster, J. (2025): Externer Link: Verschwörungserzählungen und soziale Ungleichheit: Ein Strukturgleichungsmodell zur Untersuchung der Demokratiezufriedenheit junger Menschen in Deutschland. Die Deutsche Schule, 1(2), 35–43.

  • Kolleck, N. (2026). Der Kampf in den Köpfen: Wie TikTok, Instagram und Co unsere Kinder manipulieren. Berlin: Rowohlt.

  • Ribeiro, M. H., Ottoni, R., West, R., Almeida, V. A. F., & Meira Jr., W. (2021). The evolution of the manosphere across the web. Proceedings of the International AAAI Conference on Web and Social Media, 15(1), 196–207.

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