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Startseite»Politik»Venezuela nach Maduro: Gerade so viel Öffnung wie Trump will
Politik

Venezuela nach Maduro: Gerade so viel Öffnung wie Trump will

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 7, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Weltspiegel

Stand: 07.06.2026 • 17:51 Uhr

Fünf Monate nach dem Sturz Maduros spüren die Venezolaner etwas mehr Freiheit. Doch eine Demokratisierung steht noch aus. Zugleich sehen sich Investoren um, aber der Finanzbedarf bleibt enorm.

Marie-Kristin Boese

Horacio Velutini wirkt aufgeregt, wenn er über seine Heimatstadt spricht. Der Geschäftsmann öffnet das Fenster seines Büros über den Dächern von Caracas. Da hinten, sagt er und zeigt in Richtung Süden, sei jetzt mit Immobilien gutes Geld zu holen. „Der beste Ort, um zu investieren, big business“, sagt Velutini.

Velutini ist Chef der Investmentfirma Invanca. Er habe Venezuela nie den Rücken gekehrt und immer an sein Land geglaubt, betont er. In seinem Büro hat er auf einem Whiteboard wichtige Stationen der jüngsten Geschichte des Landes festgehalten, die Wirtschaftskrise und Hyperinflation 2017, die politischen Proteste, der maximale Druck von US-Präsident Donald Trump. Ihm fehlt noch 2026, die Gefangennahme von Machthaber Nicolás Maduro.

Aber er ist sicher: Das, was passiert ist, habe eine Zeitenwende ausgelöst. „Was im Jahr 2026 geschieht, ist größte Chance, die Venezuela in den vergangenen 30 Jahren hatte, um zu wachsen und sich zu entwickeln“, sagt Velutini. Venezuela sei fünf Monate nach der Entführung Maduros ein anderes Land. Einst ideologische Feinde, seien die USA und Venezuela jetzt Verbündete.

Die Propaganda hat sich noch nicht geändert

Vorerst ist Maduro im Straßenbild noch präsent. Riesige Plakate mit seiner Frau Cilia hängen entlang der Stadtautobahn von Caracas. „Wir wollen euch zurück“, steht darauf. Die Propaganda des Staats funktioniert noch. Tatsächlich dürften ihn aber nur wenige Venezolaner und Venezolanerinnen vermissen. „Es geht uns besser, allein weil er weg ist“, sagt eine Frau in der Fußgängerzone der venezolanischen Hauptstadt.

Regierungschefin ist jetzt Delcy Rodríguez. Zuvor war sie Maduros rechte Hand, Vizeministerin, Ölministerin und mitverantwortlich für viele Menschenrechtsverletzungen. Doch seit Januar öffnet sie, unter dem Druck der USA, das Land für Investoren.

Rodríguez hat inzwischen Maduro-treue Minister entmachtet, eigene Vertraute eingesetzt und so ihre Macht mit dem Wohlwollen von US-Präsident Donald Trump gefestigt. Den mächtigen Verteidigungsminister degradierte sie etwa zum Landwirtschaftsminister.

Die Menschen hätten nun etwas weniger Angst, reden etwas offener als noch vor einem halben Jahr, sagen Beobachter. Wenngleich es auch wieder Rückschritte geben könne, fürchtet Phil Gunson von der International Crisis Group. „Die Lage hat sich zwar deutlich entspannt. Aber alle repressiven Gesetze, die vor Maduros Festnahme galten, sind noch in Kraft.“

Als ob sich nichts verändert hätte: An vielen Häuserwänden in Caracas finden sich noch Bilder von Ex-Präsident Maduro.

Investoren sondieren das Feld

Trotzdem spürt Elias Ferrer Aufbruchstimmung. Der Berater führt seit Januar dutzende Investoren durch Caracas‘ Prachstraßen. Es sind Brasilianer, US-Amerikaner und Europäer, die sich für Öl, Gas und Immobilien interessieren. Er verknüpft sie mit seinem Netzwerk, auch mit Regierungsvertretern. „Die Wirtschaft bessert sich bisher wenig, aber der Optimismus ist riesig“, beobachtet Ferrer. Auf dem Immobilienmarkt seien die Preise gestiegen. „Die Menschen bereiten sich auf das Gute vor, das kommen könnte.“

Das größte Hindernis, sagt Ferrer, sei die Unsicherheit. Wer garantiert, dass eine künftige, womöglich demokratisch gewählte Regierung, jetzt beschlossene Wirtschaftsgesetze beibehält? In Venezuela gibt es keinen echten Rechtsstaat.

Ölkonzerne agieren noch vorsichtig

Im Fokus steht international vor allem der Ölsektor. Etwa 100 Milliarden US-Dollar müsste man investieren, um die maroden Förderanlagen zu reparieren. Ein neues Gesetz gibt internationalen Firmen jetzt zwar mehr die Freiheit, das Öl unabhängig von der staatlichen Ölgesellschaft PDVSA zu vermarken. Doch viele agieren noch vorsichtig.

Der US-Konzern Chevron plant zwar, die Ölförderung in den nächsten beiden Jahren um 50 Prozent zu steigern. Doch zunächst soll nur das wieder investiert werden, was das Unternehmen im Land erwirtschaftet.

Und mittelfristig, sagt Oswaldo Felizzola von der Wirtschaftshochschule IESA, müsse Venezuela seine Wirtschaft breiter aufstellen. Es wäre riskant, wieder komplett aufs Erdöl zu setzen, wo doch viele Länder fossile Brennstoffe mit erneuerbaren Energien ersetzen wollen.

Massives Wachstum erforderlich

Einstweilen aber braucht Venezuela die Öleinnahmen. Die Wirtschaft müsste ungefähr 15 Jahre jeweils um zehn Prozent wachsen, um sich zu stabilisieren, rechnet Felizzola vor. Insgesamt seien Investitionen von 450 Milliarden US-Dollar nötig, um Infrastruktur zu reparieren und Schulden zu tilgen.

Bis die Menschen Verbesserungen spüren, etwa durch höhere Gehälter, kann es aber/also? noch dauern. Derzeit leben rund 70 Prozent in Armut. Lehrerin Higinia etwa braucht mehrere Jobs, um sich über Wasser zu halten. Mit ihrem Gehalt und staatlichen Sonderzahlungen komme sie auf rund 240 Dollar monatlich, sie brauche aber das dreifache. Also bietet sie zusätzlich Kurierdienste an. „Viele Kollegen sagen, das Gehalt reiche nicht mal für den Weg zur Schule“, berichtet Higinia.

Fast alle machen noch etwas anderes, eröffnen ein Nagelstudio, verkaufen Sandwiches oder fahren Taxi. „Immerhin gehen wir jetzt mit weniger Angst auf Demonstrationen“, sagt Lehrerkollegin Yuri.

Interimspräsidentin Rodríguez drängt prominente Vertreter der alte Garde nach und nach an den Rand. Doch sie selbst steht für das Überleben eines Teils des Maduro-Regimes.

Immer noch viele politische Gefangene

Von Demokratisierung ist Venezuela allerdings noch weit entfernt. Etwas außerhalb von Caracas, im Gefängnis „El Rodeo“, sitzen weiter politische Gefangene, je nach Zählweise seien es landesweit zwischen 400 bis 600, sagen Menschenrechtler. Draußen haben Angehörige ein kleines Protestcamp eingerichtet, damit die Inhaftierten nicht vergessen werden in all der Euphorie über Venezuelas vorsichtigen Wandel.

Einmal die Woche darf Andreína ihrem Bruder etwas Seife und Waschmittel schicken. „Die Regierung will überhaupt nichts ändern“ sagt sie. „Sie versuchen, Zeit zu gewinnen und die internationale Gemeinschaft zu täuschen.“ Die Regierung rede zwar von Versöhnung, lasse aber viele politische Gefangene weiter hinter Gittern.

Auch die bekannteste Oppositionspolitikerin, María Corina Machado, hält sich weiter im Ausland auf. Bei Einreise nach Venezuela droht ihr die Verhaftung.

Vor dem Gefängnis „El Rodeo“ kämpfen Angehörige von politischen Gefangenen dafür, dass die Inhaftierten nicht in Vergessenheit geraten.

Demokratisierung eher später

Ohne den Druck der USA und von der Straße dürfte es keine baldigen Wahlen geben. Rodríguez wird die Macht kaum freiwillig übergeben. Stabilisierung, wirtschaftliche Erholung und dann erst Demokratisierung – das sieht der Plan der USA für Venezuela vor.

Stabil wirkt das Land, der wirtschaftliche Aufschwung soll nun beginnen, die Demokratisierung muss warten. Venezuela ist derzeit ein Land der Kontraste, in dem wohl beides stimmt: Die Regierung von Rodríguez öffnet sich so weit, wie es nötig ist, um die USA zufriedenzustellen. Sie spielt aber auch auf Zeit.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Weltspiegel – am Sonntag um 18:30 Uhr im Ersten.

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