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Politik

Rassistische Unruhen in Belfast: Gewalt weckt düstere Erinnerungen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 11, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 11.06.2026 • 17:09 Uhr

„Troubles“ – im Englischen steht das für den jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Nordirland. Viele in Belfast fühlen sich gerade daran erinnert. Die zweite Nacht in Folge gab es Randale – angestachelt von Rechtsextremen.

Franziska Hoppen

Die zweite Nacht in Folge brannten in Belfast Fahrzeuge, errichteten Randalierer Barrikaden. Das Ausmaß blieb zwar hinter den Ausschreitungen der Nacht zuvor zurück. Doch die Angst bei Menschen mit Migrationshintergrund bleibt. In den sozialen Netzwerken waren nach Medienberichten Listen aufgetaucht mit Adressen, an denen angeblich Migranten lebten.

Mit Tränen in der Stimme erzählte Twasul Mohammed im BBC-Radio, wie sie in der Nacht ängstlichen Bewohnern half: „Es waren schreckliche Szenen. Ich komme selbst aus dem Sudan, und die meisten Familien waren ebenfalls Sudanesen. Sie hatten schreckliche Angst, die Kinder, die Frauen weinten.“ Es seien Menschen, die erst kürzlich vor dem Krieg im Sudan geflohen sind. Sie würden dieselben Szenen erneut erleben und wieder dasselbe durchleben.

Polizeichef: Mögliche Beteiligung paramilitärischer Gruppen

Doch auch bei vielen Belfastern, die schon lange in der Stadt leben, weckte die Gewalt düstere Erinnerungen. Stadtrat Paul Doherty etwa sagte, die Situation erinnere ihn an die „Troubles“ – also die Unruhen im vergangenen Jahrhundert, bei denen Unionisten und Nationalisten in Straßenschlachten aufeinander trafen. „Diese Gewalt versetzt selbst mich zurück in die sehr dunklen Tage des Konflikts, als Häuser brannten und Menschen mit Masken auf den Straßen standen“, berichtet Doherty.

Und Polizeichef Jon Boutcher schloss einen Einfluss der noch immer vorhandenen paramilitärischen Strukturen nicht aus. Es sei noch zu früh, um das jetzt zu sagen, aber „ich scheue nicht vor der Wahrheit über eine mögliche Beteiligung paramilitärischer Gruppen zurück. Lassen Sie uns erst die Ermittlungen in Gang bringen, um herauszufinden, wer das online und vor Ort orchestriert hat.“

Rechte Agitatoren stacheln Gewalt an

Bislang lasse sich nur eines sicher sagen, meint Johanne Devlin Trew, Kriminologin der Universität Ulster: „Was wir über diejenigen wissen, die umherziehen und in manchen Fällen Menschen auffordern, ihre Häuser zu verlassen, ist, dass es sich um Männer handelt, die maskiert und größtenteils wahrscheinlich relativ jung sind.“

Viele der Proteste hatten sich in Arbeitervierteln abgespielt. Doch daraus wagte die Kriminologin vorerst keine Schlüsse zu ziehen. Sie verwies stattdessen auf die rechten Agitatoren, im Inland wie Ausland, wie etwa Tommy Robinson, Großbritanniens bekanntesten Rechtsextremen, der zu den Protesten angestachelt hatte. Damit gebe es Parallelen zu den rassistisch motivierten Ausschreitungen der zurückliegenden Jahre.

Rechtsextreme Influencer nutzen einzelne Ereignisse

Das sagt auch Julia Ebner, Expertin für Online-Radikalisierung, im ARD-Interview: „Es hat sich in den letzten Jahren und vor allem auch letzten Wochen immer mehr abgezeichnet, dass es einzelne Trigger-Ereignisse gibt, die von rechten Akteuren und rechtsextremen Influencern ausgenutzt und instrumentalisiert werden.“

Als Beispiele nennt Ebner die Southport-Krawalle 2024 – damals kam es nach dem Mord an drei Mädchen im nordenglischen Southport wochenlang zu Ausschreitungen – und die Ausschreitungen vor wenigen Wochen, nachdem das Video bekannt wurde, das den Angriff auf den Studenten Henry Nowak zeigt.

Die Krawalle in Belfast seien der jüngste Fall nach diesem Schema, gepusht von den Algorithmen in den sozialen Netzwerken. Die gewalttätigen Ausschreitungen seien eine Mischung gewesen aus ausländerfeindlichen Gruppen und Anhängern, zum Beispiel von Tommy Robinson, die ihm online folgten, so Ebner.

Social-Media-Betreiber sollen Verantwortung übernehmen

Hilary Benn, Minister für Nordirland, forderte mehr Verantwortung von den Social Media Plattformen: „Wir werden nächste Woche neue Vorschläge vorlegen, um Social-Media-Unternehmen in Krisenzeiten – die dann definiert werden – zu bewegen, solche Inhalte zu entfernen.“ Es gebe Menschen, die weit, weit weg von Nordirland leben und nichts über Nordirland wüssten, die aber dennoch versuchen würden, diese Unruhen anzufachen und zu schüren.

Für den Samstag jedoch ist in Belfast eine Solidaritätskundgebung geplant unter dem Motto „Gemeinsam gegen Hass“. Denn dafür dürfe es in Belfast keinen Platz geben, heißt es in dem Aufruf.

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Dr. Heinrich Krämer
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