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Startseite»Politik»Der Brexit und die Wirtschaft: Auch nach zehn Jahren „nur Verlierer“
Politik

Der Brexit und die Wirtschaft: Auch nach zehn Jahren „nur Verlierer“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 23, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 23.06.2026 • 15:02 Uhr

Das britische Brexit-Votum war eine Zäsur – auch für die deutsche Wirtschaft. Für Unternehmen, die mit Großbritannien Handel treiben, brachen chaotische Zustände aus. Die Bilanz nach zehn Jahren bleibt ernüchternd.

Mit einer knappen Mehrheit von 51,9 Prozent stand es am Morgen des 23. Juni 2016 fest: Die Briten wollen raus aus der Europäischen Union. Der Rest Europas rieb sich ungläubig die Augen.

Bis zum tatsächlichen Austritt aus der EU sollten nach dem Referendum noch dreieinhalb Jahre vergehen. Erst Ende Januar 2020 sagten die Briten der EU auch praktisch „bye bye“. In der Wirtschaft beider Länder hat der Brexit bis heute spürbare Spuren hinterlassen.

„Chaotisch“: Einzelhändler erinnert sich

Orangenmarmelade, Parfums oder Toffees: Viele der Artikel, die Oliver Spiller in seinem kleinen Geschäft, dem „Rosegardens“ am Rand der Nürnberger Altstadt, in den Regalen hat, bekommt er im normalen Großhandel nicht. Spiller muss sie direkt aus Großbritannien importieren.

Vor dem Brexit machten die Importe von der Insel bis zu 40 Prozent seines Sortiments aus. Spiller hat den Brexit deshalb genau verfolgt. Vor dem tatsächlichen Austritt der Briten aus der EU machte der Nürnberger Einzelhändler sein Lager voll, hortete Waren. Und trotzdem: „Es war am Anfang schon sehr chaotisch“, sagt Spiller.

In Erinnerung geblieben sind ihm Zollpapiere „ohne Ende“ und Lieferzeiten von bis zu vier Monaten. In der Folge des Brexits hat der Einzelhändler den Anteil seiner speziellen, aus Großbritannien importierten Waren zeitweise halbieren müssen. Erst jetzt, viele Jahre später, pendle sich der Import „nach und nach“ wieder ein, sagt er.

Lkw-Fahrer tagelang im Grenzstau

Kaum etwas veranschaulichte das Brexit-Chaos besser als die Bilder, die kurz nach dem EU-Austritt im Januar 2020 an der britischen Grenze entstanden: ein Stau unzähliger Lkw. Die Folgen spürt damals auch die Nürnberger Spedition Amm. „Viel Stau, viel Ärger, verärgerte Kunden, Zollbürokratie“, fasst Speditionsleiter Max Pemsel seine Erinnerungen zusammen.

In den Staus an der britischen Grenze stehen damals auch Laster von Partnerunternehmen der Nürnberger Spedition. Nach drei Tagen seien bei den Fahrern Essen und Wasser knapp geworden, sie mussten in ihren Lkw versorgt werden, erinnert sich Pemsel. Mittlerweile habe sich die Lage – zumindest aus Sicht des Nürnberger Logistikers – aber normalisiert.

Zehn Jahre nach dem Brexit gibt es „nur Verlierer“

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zieht zehn Jahre nach der Brexit-Abstimmung eine verheerende Bilanz. „Der Brexit hat unter dem Strich nur Verlierer hinterlassen“, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. Der EU-Austritt der Briten sei eine „Zäsur für Europa“ und beschäftige die bayerische Wirtschaft „bis zum heutigen Tage“.

So liege das Handelsvolumen des Freistaats mit Großbritannien etwa ein Fünftel unter dem Vor-Brexit-Niveau. „Trotz des 2021 in Kraft getretenen Handels- und Kooperationsabkommens sind unsere Unternehmen immer noch tagtäglich mit Hemmnissen im Außenhandel mit dem Vereinigten Königreich konfrontiert“, sagt Brossardt. Er sieht in Großbritannien – aus Sicht der exportorientierten bayerischen Wirtschaft – aber „viel ungenutztes Potenzial“.

Großbritannien rutscht als Handelspartner Deutschlands ab

Aus polit-ökonomischer Sicht ist der Brexit ein Drama, meint Stephan Fröhlich vom Institut für Politische Wissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg. Im Vorfeld des EU-Austritts habe es viele Warnungen gegeben – doch das habe die Briten nicht abgehalten, für den Brexit zu stimmen. Rückblickend halten die meisten das Votum für einen Fehler, sagt Fröhlich und verweist auf aktuelle Umfragen.

Vor allem die britische Landwirtschaft und die Fischerei hätten die Folgen des EU-Austritts zu spüren bekommen. Aber auch die gesamtdeutsche Wirtschaft spüre die Folgen deutlich. Vor dem Brexit sei Großbritannien der fünftwichtigste Handelspartner der Bundesrepublik gewesen. Nun rangiere das Land auf der Liste gerade noch unter den Top Ten. „Das sind schon erhebliche Verluste“, hält Fröhlich fest.

Der Wissenschaftler sieht mittlerweile aber wieder eine Annäherung Großbritanniens mit der EU. Vor allem, aber nicht nur, bei Sicherheitsfragen. Der Ukraine-Krieg sei hier „ein Katalysator“ gewesen. Eine Rückkehr der Briten in die EU hält Fröhlich dennoch nicht für wahrscheinlich. Auch wegen rechtspopulistischer Strömungen und einer „verfahrenen“ politischen Situation in dem Land.

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