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Politik

Deutsches Schulbarometer: Verhalten der Schüler belastet Lehrer zunehmend

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 23, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 23.06.2026 • 19:42 Uhr

Für das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung wurden Lehrer nach der größten Herausforderung in ihrem Arbeitsalltag gefragt. Das Ergebnis: Es sind die Schüler – und zwar mit zunehmender Tendenz.

Jenni Rieger

Mucksmäuschenstill – und das in der vierten Stunde, noch dazu bei 34 Grad. Die 4a der Hardtschule in Durmersheim ist hoch konzentriert, unterhält sich im Flüsterton. Und jede Schülerin und jeder Schüler arbeitet an seinen Aufgaben. In Eigenverantwortung.

„Das ist toll, oder?“, sagt Klassenlehrerin Diana Fleischhauer, ebenfalls flüsternd. Und strahlt. Denn sie weiß: „Es läuft sicherlich ganz anders an anderen Schulen. Da gibt es große Klassen, wilde Klassen, Maßregelungen ohne Ende.“

Verhalten der Schüler als Hauptproblem?

Tatsächlich sehen laut Deutschem Schulbarometer 46 Prozent der befragten Lehrkräfte die größte Herausforderung ihres Arbeitsalltags im Verhalten der Schüler – das sind elf Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2024. Als Hauptursache wird mit 25 Prozent problematisches Sozialverhalten genannt, gefolgt von mangelnder Motivation und fehlendem Lernwillen (13 Prozent) und psychischen Problemen (sieben Prozent).

Sind die Schüler also das größte Problem der Schule? Volker Arntz, Rektor der Durmersheimer Hardtschule, würde es umdrehen: Schule ist das größte Problem der Schülerinnen und Schüler. Denn Schule in ihrer alten Form habe immer weniger mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen zu tun.

Zur Veranschaulichung vergleicht er das Schulsystem mit Computersystemen: „Das Betriebssystem, mit dem heute Schule gemacht wird, passt einfach nicht mehr zum Erwartungshorizont dieser Maschine Schule“, sagt der Rektor. „Es würde keiner auf die Idee kommen, heute ein Windows 3.1 laufen zu lassen und dann zu sagen, damit mache ich jetzt Homebanking. Heute haben wir ganz moderne Anforderungen an Bildung und Erziehung, die eine Schule, die mit diesem Betriebssystem läuft, einfach nicht mehr leisten kann.“

Lebensrealitäten gehen auseinander

Auch die Robert Bosch Stiftung, die für das Deutsche Schulbarometer 1.547 Lehrerinnen und Lehrer befragt hat, sieht in den auseinanderdriftenden Lebenswirklichkeiten einen Grund dafür, dass Schülerinnen und Schüler im Unterricht abschalten.

„Die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler und das, was an den Schulen vermittelt wird, geht weit auseinander“, sagt Katharina Thuren und verweist etwa auf die Ergebnisse der Studie zur Nutzung Künstlicher Intelligenz. Immerhin 48 Prozent der Lehrkräfte geben an, sich im Umgang mit KI-Tools wie ChatGPT oder DALL-E sicher zu fühlen (2025: 38 Prozent). Bei 29 Prozent der Befragten dürfen die Schüler KI im Unterricht nutzen. Aber genügt das, um die Jugendlichen zu motivieren?

„Für Motivation brauchst du zwei Dinge“, sagt Rektor Arntz. „Das, was sinnvoll ist, und das, was machbar ist. Jetzt stellt sich die Frage, eine Schule ohne WLAN, Schule ohne KI, Schule ohne Lebenswirklichkeit, wie viel Sinn macht die?“

In der Aula sitzen vier Mädchen. Pia, Matilda, Lina und Leok, alle 13, 14 Jahre alt. Auch sie bemerken, dass manche ihrer Mitschüler zunehmend abdriften, nicht verstehen, was sie in der Schule sollen. „Manche denken, Schule ist unwichtig, denn es gibt ja zum Beispiel Influencer, die jetzt auch nicht unbedingt gut in der Schule gewesen sind“, sagt Matilda. Und Lina ergänzt: „Aber ich finde, was die Erziehung angeht, ist das eigentlich Aufgabe der Eltern.“

Schwierige Weltlage wirkt sich auf Kinder aus

Dass das längst nicht mehr der Fall ist, wird im Lehrerzimmer klar. An der Hardtschule arbeiten die Lehrer in Teams, unterstützen sich gegenseitig bei Problemen, entwickeln gemeinsam Lernpläne und tauschen sich aus, wenn die Kinder ihre Probleme aus der Welt da draußen hinein in die Schule tragen.

„Die Einflüsse, die auf sie einprasseln, die ganze Medienwelt, die Kriege und Krisen, mit denen sie konfrontiert sind“, zählt Diana Fleischhauer auf. „Die Weltlage ist schwierig“, sagt ihr Kollege Christoph Trauth, „und dann kommen die Schüler in den Unterricht und dann heißt es, ihr müsst für eure Zukunft lernen.“ Da komme es automatisch zu Spannungen – die letztendlich auch die Lehrer erreichten.

Teambuilding statt Einzelkämpfer

Im Deutschem Schulbarometer gaben 89 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer an, gerne an ihrer Schule zu arbeiten. Gleichzeitig sagen neun Prozent, dass sie nicht noch einmal Lehrer werden würden, zehn Prozent würden den Beruf wechseln, wenn es möglich wäre. Auch klagen viele Lehrkräfte (24 Prozent) darüber, dass sie sich mehrmals in der Woche von ihrer Arbeit emotional erschöpft fühlen.

An der Hardtschule ist die Stimmung gut – aber dieser Zustand ist hart erkämpft. Elf Jahre Transformationsprozess liegen hinter dem Kollegium, elf Jahre, so Rektor Arntz, in denen die Mitarbeiter lernen mussten, vom Einzelkämpfer zum Team zu werden. Und vor allem, enge Beziehungen zu den Schülerinnen und Schülern aufzubauen – und dennoch die Bildung der Kinder nicht aus dem Blick zu verlieren. Aber eben nicht nur im klassischen, akademischen Bereich:

„Wenn es maßgeblich wichtig ist, dass sich Kinder sozialkompatibel austauschen können, wie die Studie zeigt, dann müsste das in der Schule auch ein großer programmatischer Ansatz sein, genau das zu erreichen“, findet der Rektor. „Aber wir haben immer noch den Zitronensäurezyklus auf dem Lehrplan.“

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Dr. Heinrich Krämer
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