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Startseite»Politik»Grenzen der Kunstfreiheit: Wo werden aus Klassikern Streitfälle?
Politik

Grenzen der Kunstfreiheit: Wo werden aus Klassikern Streitfälle?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 28, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 28.06.2026 • 07:56 Uhr

Wie umgehen mit alter Kunst, wenn sich moralische Maßstäbe ändern? Mit der Diskussion um Wim Wenders‘ Film „Falsche Bewegung“ von 1975 ist der Streit um eine grundsätzliche Frage neu entbrannt.

Von Wiebke Keuneke und Viktoria Kleber, RBB

Barbara Rohm bildet Intimitätskoordinatorinnen für Film- und Fernsehproduktionen aus. Einen Beruf, den es in Deutschland seit etwa sechs Jahren gibt. Sie sorgen bei Film- und Fernsehproduktionen dafür, dass Schauspielende sich bei intimen Szenen sicher fühlen, ihre persönlichen Grenzen gewahrt bleiben und sie besprechen intime Darstellungen mit allen Beteiligten.

„Intimitätskoordinatorinnen erarbeiten mit Schauspielenden eine Choreografie, ähnlich wie ein Tanz“, erklärt Rohm. So würden Schauspielende keine Überraschungen erleben oder improvisieren müssen.

Debatte um Wenders‘ Film „Falsche Bewegung“

Barbara Rohm hat die Debatte um Wim Wenders Film „Falsche Bewegung“ aus dem Jahr 1975 verfolgt. Darin ist die damals 13-jährige Schauspielerin Nastassja Kinski mit nacktem Oberkörper zu sehen. So eine Szene sollte nicht vorkommen, meint Rohm. Nicht früher und nicht heute. Denn es gäbe Alternativen: „Man könnte mit einem Körperdouble arbeiten, beispielsweise einer sehr jung aussehenden erwachsenen Frau. Oder man könnte mit Filmschnitten arbeiten, so dass man keinen nackten Oberkörper sieht, sondern es in die Fantasie der Zuschauenden legt.“ So könnten darstellende Kinder und Jugendliche geschützt werden, sagt Rohm.

Intimacy-Koordinatorin: Leitragende im Blick haben

Die Debatte, wie wir Filme aus vergangenen Jahrzehnten bewerten, beginnt für Rohm nicht beim fertigen Werk, sondern früher: bei den Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Oft seien die Mächtigen der Produktion von damals auch die Mächtigen von heute.

„Wer hat die Entscheidungskraft zu bestimmen, dass etwas am Film geändert wird? Und in welcher Position sind die Leidtragenden?“ Diese Fragen, sagt Rohm, müssten in die Bewertung miteinfließen – auch im Falle von Wim Wenders. Wenders hat den Film vorerst zurückgezogen, er wolle sich mit Kinski einigen, sagt er. Rohm hofft, dass er Kinskis Wunsch nachkommt, die Szene aus dem Film zu nehmen.

Maßstäbe haben sich verändert

Der Film von Regisseur Wenders reiht sich ein in eine Vielzahl von Fällen, bei denen deutlich wird, dass sich gesellschaftliche Maßstäbe verändert haben. Nicht nur beim Film, auch in Literatur, bildender Kunst und Musik wird diskutiert, wie wir heute mit Werken umgehen sollten, die unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen entstanden sind.

Anlässlich des 80. Geburtstags von Udo Lindenberg und dem Blick auf sein Lebenswerk geriet etwa auch Lindenbergs Song „Nina“ aus dem Jahr 1976 in den Fokus. Das Lied thematisiert die Zerrissenheit eines erwachsenen Mannes, der sich zu einem 14-jährigen Mädchen hingezogen fühlt. „Wir sollten uns erstmal nicht mehr wiedersehen, weil das zu gefährlich ist. Ich hätte dich heute beinahe geküsst.“, heißt es in Lindenbergs Song.

Die 40-jährige Sängerin Mine setzt sich auf Instagram mit dem Lied auseinander. „Ich kritisiere, dass man Minderjährige so sexualisiert“, sagt sie. „Man kokettiert damit: Eigentlich würde ich gerne, aber ich bin brav und mache das nicht. Aber das allein schon ist die Sexualisierung eines Kindes.“, so Mine.

Aufklären, einordnen oder ändern?

Was Mine sich wünscht, ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Sache, dabei geht es ihr nicht um einzelne Personen. „Man kann nicht sagen, dass alle Leute, die irgendwann etwas moralisch Schwieriges gemacht haben, gecancelt werden müssen.“ Wichtig sei, Fehlverhalten nicht zu normalisieren, sondern aufzuklären.

Dinge im historischen Kontext zeigen

Doch wann reicht Aufklärung, wann genügt eine Einordnung, wann verändert man ein Kunstwerk und wann bewahrt man es vielleicht sogar? Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich sagt im Gespräch mit dem RBB, es komme immer auch auf den Ort an: „Museen haben unter anderem die wertvolle Eigenschaft, dass sie Dinge in ihrem historischen Kontext zeigen können“, sagt er – und plädiert dafür, hier stets die historischen Original-Versionen zu zeigen.

Maßstäbe verschieben sich

Anders könne es sein, wenn Kunst einem Publikum begegne, das nicht bewusst einen historischen Kontext suche. Etwa im öffentlichen Raum oder an Orten, an denen sich Menschen der Kunst nicht gezielt aussetzen. „Dann sollten die herrschenden Moralmaßstäbe Vorrang gegenüber dem absoluten Recht auf eine Originalversion haben“, so Ullrich.

Dass es immer wieder zu Debatten über ältere Werke kommt, bewertet Ullrich positiv. „Wir sollten froh sein, dass es diese Debatten gibt. Sie zeugen auch davon, dass eine Gesellschaft lebendig ist und dass sich Maßstäbe verschieben.“

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