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„Sprachlos“, Tränen, Messi: Der linke und der rechte Fuß Gottes

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 16, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Maradona machte es mit der Hand, nun bricht Messi Englands Herzen mit einem WM-Comeback des Wahnsinns. Auf der Insel wie in Argentinien werden sie diesen Tag niemals vergessen, im Stadion wechseln sich Tränen, Fassungslosigkeit und Ekstase ab.

Viele Jahre später noch wird sich ganz England an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem es im heißen Atlanta den linken und den rechten Fuß Gottes kennenlernte. Die Hand des Allmächtigen kannte die Nation bereits 40 Jahre lang. Nur schickten sie seine Zaubertreter nach Hause – und Weltmeister Argentinien ins zweite WM-Finale nacheinander.

Lionel Andrés Messi Cuccittini. 39 Jahre und 21 Tage alt. Drei Endspiele beim größten Turnier auf dem Planeten. Als erster Argentinier. Der unglaubliche 2:1-Comebacksieg im Halbfinale gegen den Erzrivalen England, bei dem der argentinische Kapitän zwei Vorlagen gibt, ist mehr als ein Fußballspiel: Er wird ein ganzes Land prägen, geht ab heute in die nationale Erzählung des fußballbegeisterten Argentiniens ein und wird von Generation zu Generation erneut gefeiert werden.

Messi liefert dabei eine der großartigsten Darbietungen an Fußball und Herzblut seiner Karriere ab. Seine Mannschaft, die schon vor vier Jahren in Katar den WM-Pokal in den Abendhimmel recken durfte, ist nun die beste Nationalelf in der ruhmreichen Fußballgeschichte Argentiniens und eine der größten aller Zeiten. Dank der immer wieder aufs Neue göttlichen Füße des Flohs. „La Pulga“, wie Messi liebevoll gerufen wird.

Englands finale Erniedrigung

Absurde Szenen spielen sich nach der Partie in den Katakomben ab. Freud und Leid sind so eng beieinander wie selten im Fußballer. Während die bedröppelten englischen Nationalspieler mit unter Kapuzen versteckten und hängenden Köpfen von dannen ziehen, während Jude Bellingham, das Käppi tief ins Gesicht gezogen, sein „gebrochenes Herz“ erklärt, lacht Messi nur drei Meter entfernt in ein Meer von Kameras. Die England-Profis müssen sich an ihm und seinen Füßen vorbeiquetschen. Die finale Erniedrigung auf den letzten Metern im großen Rivalitätsduell.

Messi weiß natürlich um die Brisanz und widmet den Sieg seinen Tausenden Anhängern im Stadion und den Millionen in der Heimat und überall auf der Welt: „Die Fans haben sich diesen Sieg mehr als jeden anderen gewünscht, denn es bedeutet sehr viel, im Halbfinale gegen England anzutreten und erneut das WM-Finale zu erreichen“, sagt er – und lächelt auch noch auf den letzten Metern des Medientunnels. Der Superstar weiß: Er hat es wieder getan. Über ihn gibt es nichts mehr zu schreiben, was nicht bereits geschrieben wurde. Und er selbst kann eigentlich bei seinen unglaublichen Leistungen auch nichts mehr drauflegen. Dennoch tut er es in einem fort.

„Wir sind wirklich einzigartig, und das ist keine Arroganz“, stammelt sein Trainer Lionel Scalonis nach dem großen Sieg. Aus tiefstem Herzen: Diese Spieler haben uns zum Sieg geführt. Ich bin sprachlos.“ Und Giuliano Simeone sagt über seinen Kapitän: „Bei Leo sind Worte überflüssig. Er ist 39 Jahre alt und will immer mehr. Er ist der Erste beim Training, der Erste im Fitnessstudio. Er arbeitet weiter, treibt alle an.“

Messi dreht auf nach Mate-Pausentee

In seinem ersten Spiel überhaupt gegen England erlebt die Nummer 10 eine miserable erste Hälfte. Einmal spielerisch, weil Argentinien hackt und holzt, wie große Firmen im Gran-Chaco-Trockenwald, wo von 1998 bis 2021 fast sieben Millionen Hektar Naturwald vernichtet wurden. Die Partie ist bis zur Halbzeit eine unansehnliche Katastrophe, beinahe komplett ohne Chancen.

Aber auch persönlich läuft es bis dahin überhaupt nicht. In den ersten 45 Minuten verliert der Megastar ganze 15 Mal den Ball – so oft wie noch nie in der ersten Hälfte eines Nationalelfspiels bei einem großen Turnier seit 2018. Seine nur 36 Ballkontakte zeugen davon, dass das Spiel selbst an ihm etwas vorbeiläuft. Immerhin kann er sich darüber freuen, dass seine Fans dennoch unentwegt das Stadion zum Kochen bringen und etwa die englische Nationalhymne komplett übersingen.

Diese argentinische Nationalmannschaft lebt von Emotionen. Aufgefrischt mit Mate nach dem Pausentee, und erweckt durch die englische 1:0-Führung durch Anthony Gordon (55.), dreht Messi mächtig auf. Seinen WM-Abtritt will er so lange hinauszögern, wie es nur möglich ist. Angepeitscht von der frenetischen Stimmung und angeführt von Messi brennen die Gauchos einen wütenden Angriff nach dem Angriff ab.

England schrumpft, weil Messi wächst

Je mehr Messi wächst, desto mehr schrumpft England. Selbst mit 39 Jahren trägt er seine Mannschaft noch auf den Schultern und merkt schnell, dass der Gegner das Zentrum extrem verdichtet, um ihm den Abschluss zu rauben. Also schaltet er um auf den Vorlagemodus. Zwei hochkarätige Kopfballchancen bereitet er bereits mit großartigen Flanken vor, der Ball will nur noch nicht ins Tor.

Aber Panik kennt Lionel Messi nicht. Wohl eine seiner eher weniger beleuchteten Stärken. Völlig gelassen, eiskalt und abgebrüht spielt der Kapitän weiter seinen Gottesstiefel runter. Als wäre das hier nicht das WM-Halbfinale und in fünf Minuten wäre nicht alles vorbei. In einem äußerst emotionalen Spiel gelingt es ihm, sich von der Rivalität mit England, dem unermesslichen Druck einer gesamten Nation auf seinen Schultern und von der tickenden Uhr zu distanzieren.

Dann aber: Sein erster Assist ist simpel. Argentinien spielt eine Ecke kurz aus, wie schon so oft in dieser Partie, und dennoch kann niemand Messis einfachen Pass verhindern. Über wenige Meter schiebt er die Kugel zärtlich auf Enzo Fernandez, der fulminant per Fernschuss trifft (85.). Der Jubel auf den Rängen ist grenzenlos und ohrenbetäubend laut. Zwischen Englands Führung und diesem Tor hat England nur klägliche zwölf Prozent Ballbesitz.

Zeit bleibt stehen beim 2:1

Nur sieben Minuten später folgt der zweite Streich. Diesmal nimmt Messi mit seinen kleinen, schnellen Schritten auf der rechten Außenseite Fahrt auf. Genau dort, wo er schon auf dem Bolzplatz in Rosario gedribbelt, und vor allem in den ersten Jahren beim FC Barcelona so unglaubliche Tore eingeleitet hat. Diesmal können zwei Engländer, die beinahe halb so alt sind wie er, ihn nicht stoppen. Messi schlägt mit seinem vermeintlich schwächeren, dem rechten Fuß Gottes, die perfekte Flanke. Für einen Moment schwebt der Ball förmlich, die Zeit scheint beinahe stehenzubleiben. Messi schaut hinterher, kurz wird alles still: Dann erst dreht sich der Sekundenzeiger weiter und die Kugel landet exakt auf dem Kopf von Lautaro Martinez (90.+2).

Unglaubliche Szenen spielen sich auf den Rängen ab: Fans springen wie von einer der über 50 Vogelspinnenarten Argentiniens gestochen auf und ab, kommen aus dem Schreien gar nicht mehr heraus. Männer, Frauen und Kinder haben Tränen in den Augen.

Auch der Torschütze weint und fällt seinem Kapitän in die Arme. „Seit mein Vater mir zum ersten Mal ein Paar Fußballschuhe gekauft hat, habe ich immer davon geträumt, dieses Tor zu schießen“, sagt er später komplett aufgelöst vor den TV-Kameras. Messis Assist, sein vierter im Turnier, schiebt ihn im Rennen um den Goldenen Schuh an Frankreichs Kylian Mbappé vorbei (drei Vorlagen, beide acht Tore).

Weltmeisterlich von Messi, der auch die patriotischste aller seiner bisherigen Missionen gegen den Erzrivalen bravourös besteht. Weltmeisterlich von Argentinien. Es steht 2:1, das Halbfinale ist gedreht. Mal wieder. Der Rest geht in die Geschichtsbücher ein. Dort steht nun für immer niedergeschrieben, wie England zum ersten Mal den linken und den rechten Fuß Gottes kennenlernte.

Verwendete Quelle: ntv.de

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