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Startseite»Nachrichten»Wie Treibholz auf Asphalt: Wovon träumen junge, obdachlose Menschen?
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Wie Treibholz auf Asphalt: Wovon träumen junge, obdachlose Menschen?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 19, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Wie Treibholz auf AsphaltWovon träumen junge, obdachlose Menschen?

19.07.2026, 12:08 Uhr Von Sabine Oelmann
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Ein Teenager in dem Buch sagt: „Ich bin froh, dass ich jetzt obdachlos bin, besser als zu Hause ist es auf jeden Fall.“ (Foto: IMAGO/imagebroker)

Kobai Halstenberg lässt in ihrem Buch die zu Wort kommen, die sonst keiner hören oder sehen will: obdachlose Jugendliche. Sie erzählt von ihren Schicksalen, ihren Träumen – und dem Fünkchen Hoffnung, so lange es noch da ist.

„Wie konnte es nur so schiefgehen?“ „Reiß dich mal zusammen.“ „Sozialschmarotzer.“ „Such dir eine Arbeit und dann wird das schon.“ Wenn junge Menschen auf de Straße landen – und bleiben – dann ist meist nicht nur dieser einzelne junge Mensch schuld. Dann ist es auch ein System, aus Eltern, Lehrern, Pädagogen und Ämtern. Kobai Halstenberg, Journalistin und Juristin, lässt in ihrem Buch diejenigen zu Wort kommen, die sonst keiner hören oder sehen will. Wie den mittlerweile 20-jährigen Maximilian, der sagt: „Als ich 14, 15 war, hätte mir mehr Kontrolle safe geholfen. Ich konnte machen was ich wollte.“

Er sagt auch: „Es war nicht gut, dass ich kriminell werden musste.“ Er sagt nicht, dass es nicht gut war, dass er kriminell wurde, nein, er musste es. Angefangen hat alles mit dem Kiffen. Eine typische Kifferkarriere beginnt, er landet im Knast, in sozialen Einrichtungen, seine Mutter verbietet ihm den Kontakt zu seiner Schwester, und wenn er sie treffen will, dann kommt sie oft nicht. Sein Vertrauen in die Menschheit tendiert gegen Null, und doch ist sein Traumberuf Koch auf einem Kreuzfahrtschiff. „Was mir Motivation gibt, ist Zeichnen“, erzählt er, damit hat er in der Haft angefangen.

Da wäre auch Kalina, die von ihrer Mutter sehr viel körperlichen und seelischen Missbrauch und Gewalt erfahren hat: „Irgendwann wollte ich nur noch von zu Hause weg.“ Oder Terry: „Nachdem wir in Berlin ein paar Jahre auf der Straße gelebt hatte, sind wir zu Fuß nach Spanien zu einer Hippiekommune gegangen. Mir hat die Idee von einem freien Leben dort gefallen.“ Ob es geklappt hat?

Cindy war irgendwann angewidert von dem Leben auf der Straße, und auch dass da „eklige Männer waren, es gefährlich wurde“, ging nicht mehr für sie. Ganz anders Jenny: „Es war ein tolles Miteinander. Man ist ja wie ein Rudel, da muss man aufeinander aufpassen.“ Simon hat eine vollkommen andere Erfahrung gemacht: „Ich hatte Alkohol getrunken und bin umgekippt. Jemand kam vorbei und tat so, als wollte er mir hochhelfen. Aber er hat mir den Arm gebrochen und gesagt: „So du Scheißpenner, kannst hier liegenbleiben.“

Das ist nur ein kleiner Eindruck, den Halstenbergs Buch vermitteln will. Sie hat mit vierzehn Kindern und Jugendlichen gesprochen, die auf der Straße gelandet sind. Wenn es gut läuft, landen sie in Jugendeinrichtungen und finden verantwortungs- und verständnisvolle Mitarbeiter, die versuchen, in den noch so schwierigsten Fällen zu unterstützen und zu helfen.

In Deutschland sind jedoch rund 44.000 alleinstehende Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre ohne feste Wohnung (Stand 2024). Wie viele es wirklich sind, die auf den Sofas von Freunden übernachten oder in Notunterkünften, weiß niemand, Mädchen und Jungen sind ungefähr gleich betroffen. Es wird, wie bei Erwachsenen, unterschieden zwischen wohnungs- und obdachlos – die Perspektiven sind jedoch in beiden Fällen niederschmetternd. Die Bundesregierung will Wohnungslosigkeit mit einem Nationalen Aktionsplan beenden. Bis dahin bedeutet das für viele junge Menschen: Jeder Tag kann der letzte auf dem Sofa eines Freundes oder einer Einrichtung sein – und der erste auf der Straße.

„Redet mit uns!“

Kobai Halstenberg hat zugehört, und was sie gehört hat, ist krass. Deswegen gibt es für dieses Buch auch eine Trigger-Warnung, denn die Geschichten der jungen Leute erzählen von Obdachlosenfeindlichkeit, körperlicher und emotionaler Gewalt, von Suizidversuchen, Selbstverletzungen, Essstörungen, Drogensucht, Depression, Mobbing und sexueller Gewalt. Aber sie erzählen auch von Zusammenhalt und Freiheit, von kleinen Schritten, von neuen Beziehungen, die sie sich – vorsichtig – trauen einzugehen.

Hier erzählen junge Menschen von ihren Träumen, und vielleicht schafft das einfühlsame Buch von Halstenberg es, dass wir wieder ein bisschen genauer hingucken und nicht so tun, als würden wir die, die auf der Straße leben, nicht sehen. Hier gibt es zwar weniger Happy Ends, aber doch Hoffnung, wie bei Maximilian, der gerne mal mit einem Psychologen sprechen oder sich auszutauschen würde, das wäre für viele Menschen auf der Straße wichtig. Denn wer redet schon mit Obdachlosen? Maximilian erzählt: „Normalerweise fress‘ ich alles in mich hinein und rede mit niemandem.“ Ein Psychologe wäre also hilfreich, aber er sagt, „zu dem muss man ja auch einen Draht haben. So wie zu dir jetzt zum Beispiel“, und damit meint er Kobai, „mit dir rede ich, weil du mir direkt sympathisch bist.“

Auch Keks sagt: „Redet mit uns!“ und erzählt, dass sie „laut ihren Eltern einen glückliche Kindheit“ gehabt hätte. Doch dann kam das Mobbing. Eine Odyssee begann für das Mädchen, das von ihren Mitschülerinnen gezwungen wurde, sich da hinzusetzen, wo sie hingerotzt hatten und die ihr immer wieder sagten, dass sie zu dick sei. Keks hat – zumindest sieht es momentan so aus – jedoch die Kurve gekriegt: Sie, und ihr Freund, machen eine Therapie, wollen an sich arbeiten, und eine gemeinsame Zukunft aufbauen.

„Wie Treibholz auf Asphalt“ ist keine einfache Lektüre, aber wichtig. Wenn Kinder und Jugendliche entgleiten, ist die ganze Gesellschaft gefragt. Die Illustrationen im Buch stammen von Vanessa Mundle, denn natürlich sind alle Interviewpartner und -partnerinnen nicht zu sehen oder mit echtem Namen vertreten.

Quelle: ntv.de

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