Ersatz für Atomkraftwerk PaksSolar- und Ukraine-Strom halten Ungarn am Laufen

Das Atomkraftwerk Paks erzeugt knapp die Hälfte des ungarischen Stroms. Üblicherweise. Aktuell liefert es fast gar keinen: Es benötigt Wasser aus der Donau, um gekühlt zu werden. Doch der Pegel ist durch Hitze und Trockenheit historisch niedrig. Solarenergie und die Ukraine eilen zur Rettung.
Ungarn, Rumänien und andere Länder in Südosteuropa melden seit Wochen Temperaturen jenseits von 30 Grad Celsius. Im Gleichschritt mit der Hitze sinkt der Wasserstand der Donau. Der Pegel von Europas längstem Fluss kratzt an historischen Tiefstwerten oder unterbietet sie bereits. Ein Nackenschlag für die örtliche Stromversorgung: Die Donau führt zu wenig Wasser, um alle Reaktoren der Region mit Kühlwasser zu versorgen.
Das rumänische Atomkraftwerk Cernavoda musste einen von zwei Reaktoren herunterfahren. Auch dem zweiten Block droht die Abschaltung. Die Regierung rief einen landesweiten Energienotstand aus.
Das ungarische Atomkraftwerk Paks läuft ebenfalls im Minimalbetrieb. In den vier Reaktorblöcken erzeugt derzeit nur eine von acht Dampfturbinen Strom. Von insgesamt 1800 Megawatt Leistung sind in Reaktor 2 noch 170 Megawatt übrig. Das entspricht etwa fünf Prozent des ungarischen Strombedarfs. Üblicherweise liefert Paks fast die Hälfte.
Noch können die Betreiber das Schlimmste verhindern. Der ungarische Ministerpräsident Peter Magyar hatte am vergangenen Wochenende zunächst angekündigt, dass Paks erstmals seit 44 Jahren vollständig abgeschaltet werden müsse. Dann sei es Ingenieuren aber gelungen, die für den Betrieb der letzten Turbine erforderliche Kühlwassermenge zu reduzieren.
Eine dauerhafte Lösung ist das nicht. Die ungarische Regierung hofft auf Regen und einen Wetterumschwung. „An dieser Wand sieht man den Wasserstandsanzeiger“, sagte Magyar am Mittwoch bei einem Ortsbesuch. „Er entscheidet, wie es weitergeht.“ Es könne sein, dass das Kraftwerk vollständig abgeschaltet werden müsse.
Der neue Regierungschef ermahnt große Unternehmen, ihren Stromverbrauch freiwillig zu reduzieren, sonst könnten sie als Ultima Ratio vom Netz getrennt werden. Um die Versorgung zu entlasten, wird außerdem der Güterverkehr auf der Schiene zu Spitzenzeiten eingestellt und die Beleuchtung öffentlicher Gebäude abends ausgeschaltet.
Hoffnungsvoll ist die Lage nicht. Bis auf Weiteres sagt der Wetterbericht für den Großraum Budapest Temperaturen von mehr als 30, oftmals beinahe 40 Grad Celsius vorher. Das bereitet nicht nur Atomkraftwerken Probleme, sondern der gesamten Wirtschaft: Sie steckt ohne den Strom aus Paks in der Klemme.
Ungarn verbraucht in Spitzenzeiten etwa 6 Gigawatt Strom, das ist ungefähr ein Zehntel von Deutschland. Paks liefert je nach Tageszeit etwa ein Drittel bis die Hälfte davon. Nach dem Aufruf von Ministerpräsident Magyar haben Haushalte und Betriebe ihren Verbrauch freiwillig um bis zu 700 Megawatt gesenkt und damit den Druck auf das Stromsystem deutlich verringert.
Die entscheidende Hilfe liefert jedoch die europäische Gemeinschaft. Die Krise zeigt, wie wertvoll das länderübergreifende Stromnetz ist. Seit Ende Juli importiert Ungarn deutlich mehr Strom von seinen Nachbarn als früher. Die größte Last schultern die Slowakei und Österreich. Sie schicken in den kritischen Abendstunden, wenn die Menschen nach der Arbeit nach Hause kommen, große Mengen Strom aus Wasserkraft an den gemeinsamen Nachbarn. In diesen Zeiten deckt Ungarn derzeit rund zwei Drittel seines Bedarfs mit ausländischem Strom. Österreich und die Slowakei waren allerdings schon vor dem Fast-Ausfall von Paks die größten ungarischen Stromlieferanten.
Ganz anders verhält es sich mit der Ukraine: Sie stellt zwar deutlich weniger Strom bereit, erstaunlich aber ist, dass sie dazu überhaupt noch in der Lage ist. Denn laut der Energieplattform Energy-Charts hat die Ukraine im Winter und Frühling so gut wie gar keinen Strom ins Ausland exportiert, sondern musste wegen der anhaltenden russischen Angriffe auf die heimische Energieinfrastruktur enorme Mengen importieren – auch aus Ungarn.
Im Juli jedoch, als der Pegelstand der Donau und damit auch die Stromerzeugung von Paks immer weiter fiel, kehrten sich die Verhältnisse plötzlich um: Die Ukraine liefert Ungarn seitdem mehr Strom, als sie importiert. Auch im August sind die Exporte trotz schwerer russischer Angriffe fast doppelt so hoch wie die Importe.
Diese Hilfe ist allerdings keine Wohltätigkeit, sondern hat ihren Preis: Die ungarische Regierung schätzt, dass sie 275 bis 550 Millionen Euro für den ausländischen Strom zahlen muss, bis sich der Pegel der Donau wieder erholt hat und das Atomkraftwerk Paks wieder vollständig läuft.
BMW zeigt, was geht
Die Lage könnte jedoch noch viel dramatischer sein, würde Ungarn nicht überraschend zu den weltweiten Solarvorreitern gehören. Im Schnitt deckt Photovoltaik bereits ein Viertel des ungarischen Strombedarfs. An einzelnen Tagen versorgt sie fast die gesamte Wirtschaft. In der Mittagszeit, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, erzeugt sie 80 oder sogar 90 Prozent des ungarischen Stroms.
Es ist ein rasantes Wachstum: Noch vor fünf Jahren lag der PV-Anteil der ungarischen Stromerzeugung bei weniger als zehn Prozent.
Welchen Unterschied Solarstrom machen kann, zeigt ein Vergleich der Autobauer. In Rumänien haben Ford und Dacia ihre Produktion für die kommenden Wochen angehalten, um das Stromnetz zu entlasten. In Ungarn kann BMW die Fertigung in seinem neuen Werk in Debrecen ohne größere Einschränkungen aufrechterhalten: Auf dem Werksgelände steht eine mehr als 50 Hektar große Solaranlage, die tagsüber genug Strom liefert. Erst am Abend, wenn die Sonne untergeht, ist das Werk wie andere Industriebetriebe und Privathaushalte auf Strom aus dem öffentlichen Netz und somit aus dem Ausland angewiesen.
Diese Diskrepanz hat ihren Preis: mittags, wenn Ungarn von der Sonne versorgt wird, liegen die Preise für eine Kilowattstunde an der Strombörse bei nahe null. In den Abendstunden, wenn Ungarn Strom in der Slowakei, in Österreich, der Ukraine und anderen Nachbarländern einkauft, werden 50 Cent je Kilowattstunde fällig.
Wie lange diese Energiekrise anhält und dieses Modell fortgesetzt werden kann, ist unklar. Klar ist, dass Ungarn eine Lösung für künftige Hitzewellen und Trockenperioden benötigt, wenn Paks weiter zuverlässig Strom liefern soll: Als das Atomkraftwerk in den 1970er und 80er-Jahren geplant und gebaut wurde, war die Annahme, dass der Pegel der Donau am Atomkraftwerk nie niedriger sein wird, als der niedrigste Wasserstand in den 100 Jahren zuvor.
Dieser Pegelstand wurde erstmals 2018 unterboten – um mehr als einen Meter. Ende Juli wurde ein neuer Negativrekord verzeichnet. Der Wasserstand fiel weitere 28 Zentimeter niedriger aus.
