Komplett oben ohneUnterwegs im Fünf-Millionen-Euro-Roadster Mercedes SLR McLaren Stirling Moss

Er gehört zu den teuersten Mercedes und hat kein Dach. Auch keine Frontscheibe. Der Mercedes SLR McLaren Stirling Moss ist einer der wenigen Fälle, bei denen weniger (Ausstattung) mehr ist. Es gibt nicht mal ein Radio. ntv.de hat ihn ausprobiert.
Diesmal ist das Umfeld beschaulicher, in dem sich das Objekt der Begierde bewegt. Nicht Como, Monaco oder Pebble Beach, obwohl er dorthin eigentlich gehört, der Mercedes McLaren SLR Stirling Moss. Und diesmal verstummt alle Kritik an ihm, die da heißt „nicht sportlich genug“, „zu schwer“ oder „zu träge in der Kurve“. Und das hat zwei Gründe, mindestens.
Denn der Stirling Moss, quasi gebaut als Hommage an den Sieger der sogenannten Sportwagen-Weltmeisterschaft (Mercedes 300 SLR W196 S) im Jahr 1955, ist ein Showcar, wenn man so will. Die Anforderungen an ihn lauten nicht, „fahre schnelle Rundenzeiten“, sondern „sei möglichst schön und begehrt“. Und das funktioniert schon allein über den Hebel Stückzahl. Denn nur 75 Exemplare hat Mercedes gebaut. Reicht, um immer irgendwo auf der Welt eines abgreifen zu können, wenn man möchte.
Und wunderschön ist dieser SLR natürlich auch mit seiner betont langen Motorhaube und kurzen Heckpartie. Die Voraussetzung, einen zu ergattern, wäre allerdings ein gut gefülltes Bankkonto. Zwischen viereinhalb und fünf Millionen Euro müsste man schon hinblättern für das rare Gefährt.
Also schön vorsichtig mit dem Kandidaten aus dem Mercedes-Museum hier beim großen Treffen der Klassiker im beschaulichen schleswig-holsteinischen Wangels. Der Ort hat gleich mehrere Vorteile für eine solche Tour. Erstens hält sich die Zuschauerzahl in Grenzen, denn solch ein automobiler Star lässt in Städten sofort große Menschentrauben entstehen – hier eher nicht. Und zweitens bieten die einsamen Landstraßen in der Gegend genau den richtigen Auslauf für das offene Biest. Nur dass die Challenge in diesem Fall gar nicht die 650 PS aus dem 5,4 Liter großen Achtzylinder mit der Kennziffer M155 sind, sondern das ziemlich ungeschützte Gesicht während der Fahrt.
Fahren mit Helm wäre hier die bessere Lösung
Daher die erste Frage: Soll man mit oder ohne Helm fahren? Ohne ist das Erlebnis intensiver, wenngleich nicht ganz risikofrei. Was bei vorhandener Windschutzscheibe ein harmloser Steinschlag wäre, könnte hier unangenehm werden. Okay, „Augen zu und durch“ lautet an dieser Stelle das Motto, ich entere das rare Stück ohne Helm.
Während sich der Achtzylinder schon warmgelaufen hat, checke ich die Kommandozentrale. Ein bisschen Carbon als Dekor und das Paneel für die Regelung der Innentemperatur sind eigentlich der einzige Aufhänger dieser Architektur – mit anderen Worten: Es sieht hier ziemlich übersichtlich aus. Zu bedienen gibt es so gut wie nichts. Doch wo bei anderen Autos gerade das Interieur zum begehrenswerten Kunstwerk stilisiert wird, ist es hier überhaupt kein Accessoire von Relevanz. Nach den ersten Metern mit dem dachlosen Racer wird klar, warum.
Denn der Sturm, der plötzlich um den Kopf herumwirbelt, wird zum unangefochtenen Hauptdarsteller. Schon bei Landstraßentempo wird das Atmen zum Abenteuer und die Konzentration zur Herausforderung. Ja, man kannt versuchen, sich zu ducken und hinter den kleinen Plexiglas-Elementchen zu verstecken, aber das Adrenalin bleibt oben. Und gleichzeitig spürt man das Triebwerk als Machtfaktor bei nur wenigen Millimetern Gaspedalweg. Was ist stärker? Der Einfluss der Luft oder 820 Newtonmeter spürbar im Rücken? Man weiß es nicht genau. Intensiver können sich 3,5 Sekunden Beschleunigung auf 100 km/h jedenfalls kaum anfühlen in der Vierrad-Welt. Kaum vorstellbar, dass man dieses Spiel sogar bis 350 Sachen treiben könnte. Falls die Tour dann doch Autobahnschnitte enthalten sollte, führt am Helm kein Weg vorbei.
Aber dieser maximal offene SLR macht auch bei wenig Speed schon Spaß. Ein bisschen durch die Ortschaft cruisen und den bassigen V8 im Ohr wirken lassen, hat auch etwas für sich. Die optisch eindrucksvoll inszenierten Sidepipes im Türbereich sind nicht bloß Etikette.
Verrückt ist, dass selbst die radikalste SLR-Form etwas darüber verrät, warum das Basis-Auto immer mal wieder falsch verstanden wurde. Dass McLaren seine Finger im Spiel hatte, beweist noch keine kompromisslose Nordschleifen-Kompetenz. Denn eigentlich ist der 4,82 Meter lange 1,6-Tonner eher so eine Art geschmeidiger Super-Cruiser und kein Vollblut-Racer. So hebt der fast schon komfortabel ausgelegte Zweisitzer sanft die Nase, wenn man Last auf den Antriebsstrang gibt. Irgendwie eine skurrile Mischung aus verrückten Fahrleistungen (jedoch mehr längs als quer), Komfort mit Fünfgang-Wandlerautomatik und wildem Sturm.
Lust bekommen auf eine Stirling-Moss-Experience? Leider werden die raren Stücke in der Praxis kaum gefahren von ihren Besitzern. Umso schöner, wenn man dann doch mal einen antrifft auf einem entsprechenden Event. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist allerdings eben doch deutlich größer in Como, Monaco oder Pebble Beach.
