Eine Nachwahl soll dem britischen Rechtspopulisten Farage den Rücken stärken. Nach dubiosen Millionen-Spenden hat er sein Mandat niedergelegt – will aber heute durch die Nachwahl zurück ins Parlament. Geht sein Kalkül auf?
Die besten Tage von Clacton-on-Sea sind längst vorbei. Von den 1930er- bis in die 1950er-Jahre war der Badeort an der Ostküste Englands ein beliebtes Ausflugsziel. Doch die Jahre des Booms sind vorbei. In der Region gibt es heute keine Industrie, die Arbeitslosigkeit ist höher als in anderen Landesteilen. Direkt am Strand gibt es ein Riesenrad, Eiscreme-Geschäfte, Glücksspiel.
Dies ist eine Hochburg der Rechtspopulisten von Reform UK. Es ist der Wahlkreis des Parteivorsitzenden Nigel Farage. Hier wurde er 2024 nach vielen Anläufen erstmals ins Parlament gewählt, hier möchte er wiedergewählt werden – in einer Nachwahl, auf die das ganze Land schaut.
Anthea Chapman sitzt vor einem Café. Sie hat 2024 Farage gewählt und will ihn diesmal wieder wählen. In Clacton wohnten viele ältere Menschen, die nicht an erster Stelle stünden, sagt sie. Man bekomme keine Arzttermine – und das habe „mit der Zahl der Migranten zu tun, die hierherkommen“, glaubt sie.
Clacton-on-Sea hat schon bessere Tage gesehen. Das weit verbreitete Gefühl, vergessen worden zu sein, war einer der Gründe für den Wahlerfolg Farages hier vor zwei Jahren.
Dubiose Zahlungen
Zu der Wahl in Clacton kam es, weil Farage als Abgeordneter zurücktrat – mitten in einer Spendenaffäre. Er soll fünf Millionen Pfund erhalten haben, die er der Parlamentsverwaltung nicht gemeldet hat. Außerdem hat die Partei zwei Zahlungen erhalten, die die Polizei derzeit prüft.
Farage steht unter Druck und verteidigt die Zuwendungen mit wechselnden Begründungen, trat aber am 7. Juli zurück, um eine Neuwahl auszulösen: „Ich habe entschieden, dass die Menschen von Clacton die Richter meines Verhaltens sein sollen“, verkündete er mit viel Pathos. „Dies wird eine Wahl: das Volk gegen das Establishment.“
Nebeneffekt dieser Entscheidung: Eine parlamentarische Untersuchung der Zahlungen, die am Ende zu einer Suspendierung des Abgeordneten führen könnte, ist vorerst gestoppt.
Ein „Mülleimergesicht“ als Konkurrenz
Die anderen großen Parteien kritisierten den Schritt als Trickserei und Ablenkungsmanöver und haben erst gar keine Kandidaten aufgestellt. Auf dem Wahlzettel stehen so zahlreiche Parteilose, darunter Count Binface. Diese Kunstfigur trägt eine Ritterrüstung mit Umhang, über dem Kopf ein Mülleimer. Die Gestalt weckt Erinnerungen an die Monty-Python-Filme der 1970er-Jahre und stellt sich so vor: Er sei ein außergalaktischer Krieger vom Planeten Sigma 9.
Dahinter steckt der Comedian Jon Harvey, der in den vergangenen Wochen mit Interview-Anfragen überschüttet wurde. In der Vergangenheit war er schon in anderen Wahlkreisen angetreten, aber diesmal ist seine Kandidatur ernster als sonst: Immerhin liegt er in den Umfragen nach Farage auf Platz 2.
Sein Programm: Eiscreme soll wieder billig sein, Schlaglöcher will er mit Parteiprogrammen von Labour zustopfen und er verspricht, öfter in Clacton zu sein als in Washington DC – was eine Anspielung auf Farage ist, dem vorgeworfen worden war, sehr oft im Umfeld der MAGA-Bewegung von Präsident Donald Trump in den USA unterwegs zu sein, aber kaum in Clacton-on-Sea.
Count Binface dürfte am Ende die Nachwahl verlieren – wie schon bei vorherigen Versuchen in anderen Orten. Und doch ist er in den Umfragen der größte Konkurrent von Farage.
Neuauflage der Untersuchung?
Auch Fiona McDonald ist gerade auf der Strandpromenade unterwegs. Sie will Count Binface wählen – gegen den Hass, wie sie sagt. Sie kritisiert den Schritt von Farage, die Menschen darüber abstimmen zu lassen, wie die Spendenaffäre von Reform UK und ihrem Kandidaten in Clacton zu bewerten sei. Es seien längst nicht alle Fakten bekannt. Dafür gebe es Parlamentsausschüsse, die sich mit solchen Sachverhalten beschäftigen. Farages Schritt, die Neuwahl auszulösen, nennt sie „lächerlich“.
Farage braucht dringend einen deutlichen Sieg. In den landesweiten Umfragen hat Reform UK zuletzt deutlich verloren. Die Labour-Partei konnte nach dem Rücktritt des unbeliebten Keir Starmer und mit dem Amtsantritt des neuen Premiers Andy Burnham deutlich zulegen.
Doch wenn Farage gewinnen sollte und wieder ins Unterhaus einzieht, dürfte das Parlament auch wieder die Untersuchung aufnehmen, die nach seinem Rücktritt als Abgeordneter gestoppt worden war.

