Boris Nadeschdin im Interview„Das System ist im Zustand von Panik und Chaos“

Boris Nadeschdin, langjähriger Abgeordneter aus dem Moskauer Umland und 2024 kurzzeitig zugelassener Präsidentschaftskandidat mit Antikriegs-Programm, kennt Wladimir Putin seit den 1990er Jahren. Vor gut einer Woche hat er Russland verlassen und lebt nun in Paris. Kurz vor diesem Gespräch schloss das Oberste Gericht in Moskau die letzte legale Antikriegspartei, Jabloko, von der Duma-Wahl aus.
ntv.de: Herr Nadeschdin, das Oberste Gericht hat gerade Jabloko, die letzte legale Antikriegspartei, von der Duma-Wahl ausgeschlossen. Zeigt das die Stärke des Systems – oder seine Schwäche?
Boris Nadeschdin: Es zeigt, dass sich das System in einem Zustand befindet, den man bei uns in Russland „Panik und Chaos“ nennt. Strategische Entscheidungen werden faktisch nicht mehr getroffen. Die Macht handelt situativ, und ihre Teile – wir nennen sie die Türme des Kremls – bewerten die Lage unterschiedlich und entscheiden unterschiedlich. Welche Entscheidung sich durchsetzt, hängt davon ab, wer gerade näher an Putin ist. Mehr steckt nicht dahinter.
Dieses Muster kennen Sie aus eigener Erfahrung.
Der Fall Jabloko gleicht bis ins Detail meiner Präsidentschaftskandidatur 2024. Man ließ mich zunächst Unterschriften sammeln – Ende 2023 lag ich bei ein, zwei Prozent; der Kreml dachte, niemand werde unterschreiben. Aber ich trat mit zwei Thesen an: Der Krieg muss aufhören, und Putin muss gehen. Weil Millionen genau das wollen, wuchs mein Rating um fünf Prozent pro Woche. Als es zweistellig wurde, fünf Wochen vor der Wahl, hat man mich gestrichen. Bei Jabloko dieselbe Geschichte. Zwei Drittel der Russen wollen laut den offiziellen Instituten ein Ende der Kampfhandlungen – kein Wunder, dass das zieht. Man kann sich nur wundern, warum die Präsidialverwaltung zum zweiten Mal auf dieselbe Harke tritt.
Sie sind vor gut einer Woche aus Russland ausgereist. Wie ist die Stimmung im Land wirklich?
Ich habe gerade einen Wahlkampf hinter mir – mein Wahlkreis, das Moskauer Umland, wählt ungefähr wie ganz Russland. Mein Institut macht seit 25 Jahren Umfragen, und wir sehen seit Februar, dass die Stimmung stark kippt: viele Probleme, Gereiztheit, ein sich verschiebendes Verhältnis zu Putin und zu seiner Partei „Einiges Russland“. Die offiziellen Institute – FOM, WZIOM – sahen das erst im April. Genau das öffnet den Raum für Oppositionskräfte wie Jabloko.
Sie kennen Putin persönlich. Warum könnte er anders reagieren, als viele erwarten?
Ich kenne ihn seit den 90ern, als er der Macht noch nicht nahe war – wir saßen in der Präsidialverwaltung nebeneinander und sahen uns später, als ich Nemzows erster Stellvertreter war, mehrfach wieder. Zwei Dinge unterscheiden Putin von Stalin. Erstens ist er überzeugt, dass er die Unterstützung des Volkes wirklich braucht: Für ihn zählt Legitimität, die daraus erwächst, dass die Mehrheit ihn trägt; er weiß, dass man Macht nicht allein auf Angst und Repression stützen kann. Zweitens hat er innere Grenzen – für Stalin war es kein Problem, langjährige Weggefährten in den Gulag oder in den Tod zu schicken. Da ist Putin nicht derselbe. Er kann irren – der Angriff auf die Ukraine war sein fataler Fehler -, aber er braucht Legitimität, die auf Vertrauen beruht.
Warum braucht Putin echten Rückhalt, wenn er Wahlen fälschen, Konkurrenten fernhalten und Kritik mit Gewalt unterdrücken kann?
Erstens sind die Möglichkeiten der Fälschung nicht grenzenlos. Man kann Jabloko unter die Fünf-Prozent-Hürde drücken, wenn das reale Rating bei sechs Prozent liegt – bei zehn Prozent oder mehr gelingt das nicht. Und zweitens organisiert Putin die Fälschungen nicht persönlich und gibt auch nicht den Befehl, Konkurrenten auszuschalten.
Bisher hat ihm der Krieg genützt.
Fast seine gesamte Amtszeit galt: Sobald Putin die imperiale Karte spielte, stiegen seine Umfragewerte: Georgien 2008, die Krim 2014, der Beginn der „militärischen Spezialoperation“ 2022. Jetzt hat sich die Lage radikal gedreht. Der Krieg geht ins fünfte Jahr, die Menschen sehen den Preis, große Siege gibt es seit zwei, drei Jahren nicht, und die Folgen sind offensichtlich – allen voran die Preise, heute das Hauptproblem. Die Ressource „Beliebtheit durch neue Kriege“ ist erschöpft; ein Konflikt im Baltikum wäre Selbstmord. Das Vertrauen in Putin würde schlagartig steigen, wenn er den Krieg beendet – wenn er den Menschen ein normales Leben zurückgibt, die Preise stabilisiert, das Netz wieder freischaltet. Sein Rating würde in die Höhe schnellen.
Viele sagen, er könne gar nicht mehr aussteigen.
Er kann. Jeder autoritäre Herrscher kann tun, was er will. Er kann sagen: Wir haben gesiegt, es ist vorbei – das wäre sogar die beste Variante. Die Propaganda würde erklären, das Blut sei nicht umsonst geflossen: Seht her, wir haben Donezk und Lugansk befreit. Die Menschen sind bereit dafür, sie warten darauf. Ob er es tut, hängt von Front und Wirtschaft ab – beides entwickelt sich nicht in Richtung eines russischen Sieges: an der Front kein Durchbruch, während die ukrainischen Schläge nicht aufhören. Die Wirtschaft ist noch unter Kontrolle, aber die Trends sind schlecht.
Im Westen kursiert die Erwartung, nach der Wahl komme eine Massenmobilisierung.
Eine Massenmobilisierung ist militärisch sinnlos und für Putin politisch hochgefährlich. Der Krieg erinnert inzwischen an den Ersten Weltkrieg in seiner Schlussphase. Deutschland hat 1918 nicht verloren, weil die Alliierten Berlin genommen hätten – französische oder britische Truppen standen gar nicht in Preußen oder Bayern. Es verlor, weil die Elite begriff, dass Weiterkämpfen die Wirtschaft zerstört. Danach kam die Revolution. So etwas ist auch hier denkbar: ein Ende aus der Einsicht der Führung, dass es nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren gibt.
Putin müsste also das offene Fenster nutzen – beendet er den Krieg nicht binnen etwa eines Jahres, könnte es laufen wie damals in Deutschland?
Ganz genau, die Situation ist sehr ähnlich. Der einzige Moment, in dem Putins Vertrauenswerte zuletzt scharf einbrachen, war die Mobilmachung im Oktober 2022. Beamte, mit denen ich noch spreche, sagen, diese Erfahrung habe alle so erschreckt, dass man sie jahrelang nicht wiederholte. Das Entscheidende passiert heute ohnehin im Hinterland – die Schläge auf die Infrastruktur, auf beiden Seiten. Für große Durchbrüche brauchte man im Zweiten Weltkrieg Millionen Soldaten. Heute ist das eine andere Epoche: Stellt Russland eine Million Soldaten auf, fliegen ihnen eine Million Drohnen entgegen.
Fürchten Sie nicht, was nach dem Krieg mit der russischen Gesellschaft geschieht?
Jeder Krieg ist gefährlich für jede Gesellschaft – nicht nur wegen der Opfer, sondern wegen des veränderten Verhältnisses zur Gewalt. In Friedenszeiten ist das Gewaltniveau niedrig; wer mit der Waffe herumläuft, stößt auf Ablehnung. Der Krieg senkt diese Schwelle drastisch: Menschen, die schießen, gelten plötzlich als Helden. Das ist ein ernstes Problem für jede Seite – die Deutschen wissen das nur zu gut. Die Sowjetunion kam aus Afghanistan heraus, doch dieser Krieg ist ungleich größer – damals flogen keine Drohnen in die Sowjetunion, und es kamen weit weniger Särge zurück.
Putin müsste das Chaos also mehr fürchten als das Kriegsende.
Absolut. Putin spricht ständig mit „Helden“, sagt ihnen, sie seien die Besten: Er braucht das Gefühl, getragen zu werden, und umgibt sich mit denen, die seinen Kurs stützen. Aber das kann nicht ewig gutgehen. Dass die Mehrheit den Krieg nicht will, ist den Meinungsforschern und der Elite klar, und irgendwann wird es Putin selbst klar. Man kann nicht auf Dauer nur mit jenen reden, die man ihm vorführt – dieses Bild wird mit der Realität zusammenstoßen.
Wenn Putins Lage sich wirklich verschlechtert – wer könnte ihn zwingen, den Kurs zu ändern: die Silowiki, die Wirtschaftselite, die Bürokratie? Und könnte sein Machtsystem eine offensichtliche Niederlage überstehen?
Zum Kurswechsel zwingen wird Putin in erster Linie seine eigene Einsicht, dass ein Weiter-so gefährlich ist – für Russland und für ihn persönlich. Diese Einsicht wird sichtbar werden, unter anderem an der Lage in der Wirtschaft, an der Front und bei den Schlägen auf Russland. Und an den immer zahlreicheren Äußerungen – öffentlich wie nichtöffentlich – aus Putins Umfeld.
Ihre breiten Kontakte – vom System bis zur Emigration – gelten als Ihre Stärke.
In Friedenszeiten sind weite Verbindungen eine wichtige Ressource. Im Krieg wird es schwierig, weil die Menschen einander hassen; manche, mit denen ich rede, halten die anderen für Verbrecher – oder umgekehrt für Verräter. Noch gelingt es mir, mit allen zu sprechen. Ansonsten lebe ich in Paris ein wenig wie in der Sowjetunion: Meine russischen Bankkarten funktionieren nicht – ich zahle bar mit Euro.
Mit Boris Nadeschdin sprach Artur Weigandt
