Der letzte echte Sportwagen?Bisschen Fahrspaß muss sein – Lotus Emira Turbo SE bietet viel davon

Seit Lotus zu Geely gehört, ist wieder Aktion in der Bude. Und seit der angepassten E-Strategie ist gar wieder die Rede von einem V8-Sportwagen in der Zukunft. Diesmal hat ntv.de allerdings einen Emira Turbo SE mit potentem Vierzylinder getestet.
„Was ist das denn bitte für ein Auto?“ Ja, an der Bekanntheit muss Lotus noch arbeiten. Kein Wunder, dümpelte die jahrzehntelang klamme Marke doch nur so dahin, bis Geely als rettender Anker kam und Geld investierte. Viel Geld. Klar, die Elektrifizierung der Modelle ging Lotus zu hastig an, aber diese schmerzhafte Entwicklung mussten auch andere Hersteller durchlaufen.
Beim Emira ist der Antrieb aber ohnehin klassisch, hier kommt man erst gar nicht in die Verlegenheit, sich Lagerkämpfen in Sachen Antrieb aussetzen zu müssen. Wobei, doch. Aber es geht nicht um Elektromotor oder Verbrenner, sondern in diesem Kontext um vier oder sechs Zylinder. Natürlich hält Lotus derzeit vor allem den 406 PS starken Turbo SE vor, seines Zeichens die neuere Ausbaustufe ziviler Emira-Varianten vor dem Hintergrund des neuen 420 Sport mit schärferer Ausrichtung. Sein aufgeladener Zweiliter ist freilich weiterhin ein alter Bekannter, nämlich eine etwas schärfere Variante des aus dem Mercedes-Regal entliehenen M139.
Der Punch sollte ausreichen, um einem 1,5 Tonnen schweren Sportler mit Aluminium-Chassis angemessen zu bewegen. Zur Kraftübertragung dient ein achtstufiger Doppelkuppler, so lassen sich Effizienz wie Performance unter einen Hut bekommen. Hier ist nicht geschmeidiges Anfahren gefragt, sondern zackige Initialbeschleunigung. Und das kann der Emira natürlich; er legt voller Wucht los, und dank Turbo dürfen sich die Passagiere mit ansehnlichem Vorwärtsdrang konfrontiert sehen.
Dabei präsentiert sich das Fahrgefühl ungefiltert, obwohl dieser Lotus ein recht modernes Auto ist. Aber er möchte ja auch eher puristisch sein. Soundmäßig bleibt Vierzylinder freilich Vierzylinder, das ist schon ein kleiner Wermutstropfen. Und wer jetzt mit dem Argument kommt, Lotus habe ja schon immer kleine, leichte Vierzylinder gebaut, ja, das stimmt. Aber der Emira ist eben doch schon ein ganz schöner Brocken sowohl von den Abmessungen als auch vom Gewicht, das ist kein Caterham Super Seven. Jedenfalls würde ihm der (ebenfalls lieferbare) V6 noch besser zu Gesicht stehen.
Emira ist Fahrmaschine
Laune macht der Emira dennoch jede Menge. Traktion ist Aufgabe der Hinterräder, und das kann vor allem auf kurvenreichen Straßen eine Extraportion Spaß bringen. Den Emira mit dem Gaspedal lenken? Kann funktionieren. Das elektronische Stabilitätsprogramm lässt vor allem im Track-Mode mehr Schlupf zu, als unerfahrene Piloten verdauen würden, ohne sich zu erschrecken. Und so kann man mit einem bisschen Talent und präzise rückmeldender Servolenkung verdammt schnell auf der kurvigen Landstraße sein. Doch auf dem Einfädelstreifen der begehrten deutschen Autobahn macht der im britischen Hethel gebaute Athlet ebenso Gaudi.
Dass nach vier Sekunden 100 km/h auf dem Tacho stehen, ist die eine Sache. Aber auch oben herum drücken 480 Newtonmeter gewaltig, treiben das Mittelmotor-Monster mit etwas Anlauf nah an die 300-km/h-Schwelle. Offiziell sind es 291 Sachen – damit hält dieser Lotus selbst im Porsche-911-Kosmos ganz gut mit, dem deutschen Standardwerk in der Sportwagen-Welt.
Allerdings heißt es bei höheren Geschwindigkeiten: Lenkrad bitte gut festhalten. So ist das eben bei schnellen Fahrzeugen mit relativ kurzen Radständen (2,58 Meter in diesem Fall). Schön an dem 4,41 Meter langen Gelegenheitsracer ist, dass er keineswegs kompromisslos ist. Der Einstieg gelingt leicht, die Platzverhältnisse gehen in Ording.
Emira im Alltag zu fahren, ist keine besondere Challenge. Wenngleich der eben zitierte Porsche zahmer ist, soll er ja auch sein. Der Lotus ist straff, lässt Bodenwellen auch mal in das Interieur. Und 295er-20-Zöller der 30er-Serie hinten verhindern das jetzt auch nicht sonderlich ambitioniert. Vorn muss der Brite mit 245ern samt 35er-Niederquerschnitt auskommen. Dafür gehen die Sitze in Ordnung, lassen ein Quäntchen Restkomfort übrig.
Ganz gut gelöst hat das Lotus-Team die Themen Bedienung und Infotainment. Im Alltag ist die Smartphone-Integration von zentraler Bedeutung, Apple CarPlay oder Android Auto sind eben eine sichere Bank. Sicher im Sattel bei einer ganz anderen Bank sollte ein Emira-Interessent sein, denn ein günstiges Vergnügen ist der Sportwagen nicht gerade.
Nicht weniger als 109.500 Euro ruft Hethel für den Mittelmotor auf, das ist schon eine Hausnummer und gefühlt zu viel für einen Performer mit leicht leidenschaftsgebremstem Zweiliter. Andererseits aber ist das Segment der kleinen Sportwagen inzwischen ziemlich geschrumpft und zur Nische geworden. Somit ist der Emira vielleicht nicht der letzte echte Sportwagen, aber zumindest in diesem Segment sind klassische Fahrmaschinen selten geworden.
Ein Porsche 911 mit emotionaleren Antrieb ist mit mindestens 137.800 Euro allerdings nicht mehr meilenweit entfernt vom Emira. Für die V6-Ausgabe werden etwa 8000 Euro Aufpreis fällig. Allerdings liegt ein konzeptionell zwar etwas anders gelagerter, aber nicht weniger leidenschaftlicher BMW M2 bei rund 82.000 Euro. Noch verrückter aber ist, dass eine ausgewachsene V8-Corvette etwa 2000 Euro günstiger zu haben ist als der Vierzylinder-Emira. Zwar ist ein Lotus immer noch Ausdruck exklusiver Individualität, aber das lassen sich die Briten etwas kosten.
