Vergangenes Jahr wurde die Heimatschutzdivision der Bundeswehr gegründet. Zu ihren Aufgaben gehört der Schutz kritischer Infrastruktur und Drohnenabwehr. Jetzt lief die erste große Übung im öffentlichen Raum.
Es ist ein ungewohntes Bild auf einer deutschen Straße: Schwerbewaffnete Soldaten in Kampfmontur, an Kreuzungen und Ortseinfahrten hinter Barrieren aus Sandsäcken postiert. Dazu ein Hügel, auf dem eine Stellung mit einer wuchtigen Granatmaschinenwaffe aufgebaut ist. Gut sichtbar von den Autos, die zwischen Stendal und dem Ortsteil Insel unterwegs sind.
„Das ist überhaupt nicht alltäglich“, sagt Hauptgefreiter Benny P., einer der Reservisten der Heimatschutzdivision, die hier im nördlichen Sachsen-Anhalt drei Tage lang üben. „Die Leute gucken uns ein bisschen komisch an.“
Zum ersten Mal übt die Heimatschutzdivision im öffentlichen Raum – nicht versteckt in Kasernen und auf Truppenübungsplätzen, sondern mitten im Alltag der Menschen. Der Auftrag der Reservistinnen und Reservisten: die nahegelegene Brücke der A14 schützen, Ausspähversuche und Sabotage verhindern.
Verteidigungswichtige Infrastruktur
„In unserer Annahme ist das ein Hauptkorridor für Marschbewegungen, über den NATO-Kräfte marschieren“, erklärt Major Tom T., der die Übung ausgearbeitet hat. Soldaten anderer Einheiten agieren als Gegner und versuchen, die Brücke und Stellungen auszuspähen. In der Realität ist die Brücke am Autobahnende fernab von militärischen Marschrouten, im Szenario hingegen ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt auf dem Weg von Westeuropa Richtung Baltikum.
Die Übung spielt im Frieden, der Bundestag hat aber den Spannungsfall festgestellt, die Vorstufe des Verteidigungsfalls. Das heißt, es gelten besondere Gesetze, die auch besondere Befugnisse für die Bundeswehr im Inland mit sich bringen. Verteidigungswichtige Infrastruktur wie diese Autobahnbrücke gäbe es im Spannungs- oder Verteidigungsfall unzählige. Die genauen Orte sind geheim.
Heimatschutzdivision soll wachsen
Die Heimatschutzdivision gibt es erst seit eineinhalb Jahren. Im Moment besteht sie aus rund 5.000 Soldatinnen und Soldaten. Nur 500 von ihnen sind aktiv, alle anderen sind Reservistinnen und Reservisten. Das heißt, sie haben zivile Berufe und verstärken die Bundeswehr für einen gewissen Zeitraum, oft mehrere Wochen im Jahr.
„Deutschland in Deutschland schützen“, das ist der Auftrag der Heimatschützer. Dazu zählt die Sicherung kritischer Infrastruktur ebenso wie die Unterstützung der eigenen und von verbündeten Streitkräften beim Transport durch Deutschland, aber auch Drohnenabwehr und Katastrophenhilfe. Für diese Aufgaben soll die Division in den kommenden Jahren deutlich wachsen – hauptsächlich mit Reservistinnen und Reservisten.
„Ich finde Deutschland schützenswert“
Reservist Benny P. arbeitet im zivilen Leben als Fachinformatiker in einer Kommunalverwaltung in Schleswig-Holstein. Als Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert ist, habe er sich die Frage gestellt: „Was wäre, wenn es bei uns hier wäre, was würde ich persönlich tun?“ Sein Weg sei dann gewesen, sich den Streitkräften anzuschließen. „Denn ich finde Deutschland schützenswert“, sagt der 31-Jährige.
„Der Heimatschutz ist eine gute Möglichkeit, sich einzubringen“, findet auch sein Kamerad Christian S., eigentlich Büromitarbeiter in einem Maschinenbauunternehmen. Die Übung mache die Bedrohungslage noch ein bisschen mehr bewusst, sagt der 46-jährige Hauptgefreite. „Wir wären alle froh, wenn es nicht so wäre. Soldaten wären ja am Ende immer diejenigen, die als erstes in Gefahr geraten.“
Abschaffung der „doppelten Freiwilligkeit“
Bis zum Jahr 2033 soll die Reserve der Bundeswehr auf 200.000 Reservistinnen und Reservisten anwachsen. Damit das gelingt, hat die Bundesregierung Anfang Juli das Reservestärkungsgesetz verabschiedet. Im Oktober soll es in den Bundestag gehen.
Kern des Gesetzes ist die Abschaffung der sogenannten doppelten Freiwilligkeit. Bisher mussten sowohl die Reservistinnen und Reservisten selbst als auch ihr Arbeitgeber zustimmen, damit sie für Übungen oder andere Dienste herangezogen werden konnten. Das Gesetz soll nun eine verpflichtende Heranziehung ermöglichen.
Kritik daran kommt aus der Wirtschaft. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt vor Fachkräfteengpässen. „Die Bundeswehr sollte Heranziehungen mindestens drei Monate vor der Reservedienstleistung ankündigen“, fordert DIHK-Fachbereichsleiter Rainer Kambeck. Der Wunsch ist mehr Planbarkeit für die Arbeitgeber.
Übung soll Grenzerfahrungen schaffen
Rund um die Autobahnbrücke südlich von Stendal gibt es keine Planbarkeit. Die Heimatschützer wissen nicht, was auf sie zukommt. Plötzlich löst eine Drohnensichtung Alarm aus, auf einem Feldweg steht ein verdächtiges Fahrzeug. Eine kleine Gruppe von Reservisten eilt zu dem Fahrzeug und setzt die vier Drohnenpiloten fest. Einer von ihnen wehrt sich und zieht eine Waffe, es fallen Schüsse.
Major T. und sein Team beobachten das Vorgehen der Reservisten. Nach der Übung wertet er mit ihnen das Geschehen aus: Was ist passiert? Was lief gut? Was könnte besser laufen?
Ziel der Übung sei es, Grenzerfahrungen zu schaffen, damit die Reservistinnen und Reservisten im Ernstfall darauf vorbereitet sind. Und: „Wir als Bundeswehr sollten auch wieder präsenter sein“, findet der 36-Jährige. „Wir sind einfach Staatsbürger in Uniform. Und ich glaube, es ist eine gute Chance auch zu zeigen, dass wir einen guten Job machen.“

