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Unternehmungen auf Rezept: Ist „Social Prescribing“ der neue Weg aus der Einsamkeit?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 23, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Unternehmungen auf RezeptIst „Social Prescribing“ der neue Weg aus der Einsamkeit?

In den Räumen des Frankfurter Gesundheitsamts wird gemeinsam gegen die Einsamkeit getanzt. (Foto: picture alliance/dpa)

Wie holt man Menschen aus der Isolation? In mehreren deutschen Städten werden ab sofort Aktivitäten per Rezept verschrieben. Kann das funktionieren?

Aus der Box ertönt rhythmische Musik, eine kleine Gruppe tanzt durch den Raum, bunte Chiffon-Tücher schwingen in der Luft. Drei ältere Damen und ein Mann mittleren Alters sind an diesem Sommerabend in das Frankfurter Gesundheitsamt zum „Kreativen Tanzen“ gekommen. Sie alle haben quasi ein Rezept für den mehrwöchigen Kurs erhalten. Denn seit einiger Zeit bietet die Stadt Frankfurt das Projekt „Social Prescribing – Rezepte gegen Einsamkeit“ an.

„Ziel ist, Menschen aus der Einsamkeit herauszuholen und sie wieder mehr in die Gesellschaft zu integrieren“, sagt Katharina Popp, die das Projekt leitet. Interessierte können sich beim Gesundheitsamt melden, sie müssen einen Fragebogen ausfüllen und werden nach einem Kennenlerngespräch in ein möglichst passendes und kostenfreies Angebot vermittelt. Neben dem Tanzen gibt es beispielsweise noch Fotografie oder kreatives Schreiben.

Dass Bedarf besteht, ist klar. Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2025 ist jeder sechste Mensch weltweit von Einsamkeit betroffen.

Kontakteknüpfen seit Corona schwieriger

Für ältere Menschen führe etwa der Wegfall des Arbeitsplatzes zu verringerten Kontakten, sagt Kursteilnehmerin Hilde. Hinzu komme der Stress in der Großstadt, es folge der Rückzug und drohe die Vereinsamung. Was die 78-Jährige aus dem Kurs mitnehme? „Gemeinschaft, also dass man sich vorher gar nicht kannte und dann doch sofort eben zusammenfand.“

Sie sei froh, dabei zu sein, und es habe ihr gut gefallen, sagt eine andere Teilnehmerin. „Aber das Thema Einsamkeit und dass ich denke, dass hier echte Kontakte entstehen, ich glaube, das sind zu hohe Erwartungen.“ Und Robert, Anfang 40, findet, dass es seit Corona schwieriger geworden sei, Kontakte zu knüpfen. Er spüre beim Tanzen eine Art Freiheit, „allerdings habe ich mir von dem Kurs auch eine andere Altersstruktur vorgestellt“.

Aus Großbritannien an die Charité

„Social Prescribing“ stammt ursprünglich aus Großbritannien, bevor es dann in andere Länder – und auch nach Deutschland – herübergeschwappt ist. An der Berliner Charité wird bereits seit einigen Jahren zu dem Thema geforscht. Das Konzept ist einfach. Menschen, die beispielsweise von Einsamkeit oder Armut betroffen sind, können bei ihrem Hausarzt oder ihrer Hausärztin ein „Soziales Rezept“ erhalten. Daraufhin werden sie in eine Beratung vermittelt, die sie, wenn gewünscht, an ein Projekt für soziale Teilhabe in der Nachbarschaft vermittelt.

In Frankfurt haben sich seit Anfang Juni ungefähr 80 Menschen beim Gesundheitsamt gemeldet, deutlich mehr Frauen als Männer. Nicht alle seien nach einem ersten Interesse dabei geblieben. Auch dort möchte man künftig mit den Hausarztpraxen zusammenarbeiten, um noch mehr Leute zu erreichen.

Derzeit laufe ein großes europaweites Forschungsprojekt, bei dem unter anderem in Praxen in Freiburg, Berlin oder Hamburg „Soziale Rezepte“ verschrieben werden, sagt Hendrik Napierala, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Charité.

Erste Stadt vermeldet Erfolge

Eine erste Machbarkeits-Studie habe gezeigt, dass es nachhaltige positive Effekte gebe, insbesondere für einsame Menschen. „Es wurde eine Verringerung der Einsamkeitssymptomatik, eine Verbesserung des Wohlbefindens, des Gesundheitszustands und der Lebensqualität festgestellt.“

Hannover hat schon seit September 2025 ein „Social Prescribing“-Angebot, das sich gezielt an ältere Menschen richtet. Laut einer stichprobenartigen Abfrage der Stadt beteiligen sich etwa 60 Praxen – so auch Hausärztin Veronika Schuch. „Wir sind häufig mit körperlichen und seelischen Symptomen konfrontiert, die ihre Ursache auch in einer Vereinsamung haben“, sagt die Medizinerin. Somit sei das Projekt, „eine wertvolle Möglichkeit, einsamen Menschen ganz konkret etwas in die Hand zu geben“.

Die Stadt wertet das Projekt „auf jeden Fall“ als Erfolg. Ausgangspunkt sei die Erkenntnis gewesen, dass viele gesundheitliche Beschwerden mit sozialen Belastungen zusammenhingen. Gleichzeitig stünden die Ärztinnen und Ärzte unter hohem Zeitdruck. Sie könnten nun als eine Art Türöffner fungieren und Betroffene in passende wohnortnahe Angebote vermitteln.

Die Anliegen sind dabei sehr unterschiedlich. „So wurde beispielsweise eine Seniorin beraten, die erst vor Kurzem nach Hannover gezogen war, um näher bei ihren Kindern zu leben. Obwohl ihre Familie vor Ort ist, fühlte sie sich in der neuen Umgebung fremd, kannte kaum Menschen und litt unter Einsamkeitsgefühlen“, heißt es bei der Stadt. „Ein anderer Senior suchte Unterstützung, nachdem er innerhalb weniger Monate zunächst seine Ehefrau und anschließend auch seinen Bruder verloren hatte.“

Kann Einsamkeit tatsächlich krank machen?

„Eine breite Studienlage zeigt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen sozialen und gesundheitlichen Problemen gibt“, sagt Napierala von der Charité. Und auch die WHO erklärt, dass Einsamkeit das Risiko erhöhe unter anderem von Hirnschlägen und Herzinfarkten, Diabetes, Depressionen oder Angstzuständen.

In Frankfurt hofft Katharina Popp derweil, dass das Thema „Social Prescribing“ noch bekannter und von mehr Menschen wahrgenommen wird. „Es ist ja mittlerweile bekannt, dass Einsamkeit viele Menschen belastet. Und da gibt es auf jeden Fall noch einiges zu tun.“

Quelle: ntv.de, Jenny Tobien, dpa

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