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Enpal rügt widersinnige PV-Pläne: „Wir könnten auf Solarförderung verzichten, dürfen wegen Frau Reiche aber nicht“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 23, 2026Keine Kommentare10 Minuten Lesezeit
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Enpal rügt widersinnige PV-Pläne„Wir könnten auf Solarförderung verzichten, dürfen wegen Frau Reiche aber nicht“

23.08.2026, 14:53 Uhr Interview: Christian Herrmann & Clara Pfeffer
Auf-einem-Dach-eines-Privathauses-wird-eine-PV-Anlage-zur-Stromerzeugung-installiert-Aufnahme-mit-einer-Drohne
Solarstrom vom Dach ist begehrt. (Foto: picture alliance/dpa)

Benötigen Solaranlagen eine Förderung oder nicht? Das Energieunternehmen Enpal sagt, die Einspeisevergütung kann weg. Eigentlich. Das Bundeswirtschaftsministerium müsste lediglich den Flaschenhals des deutschen Energiesystems adressieren: „Wer eine Solaranlage in Betrieb nimmt, wartet zwölf Monate auf die Anmeldung durch den Verteilnetzbetreiber“, sagt Markus Meyer. „Das wird in den Plänen von Frau Reiche nicht adressiert.“ Der Cheflobbyist des Energieunternehmens spricht im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ von einer widersinnigen Situation. Der Branche sei eingebläut worden, ohne Förderung auszukommen. „Jetzt sind wir an diesem Punkt angelangt und dürfen nicht.“ Die Lösung liegt Meyer zufolge auf der Hand. Der Straßenverkehr zeigt, das man an vollen Straßen vorbeisteuern kann. Das ginge auch im Stromnetz. Das Wirtschaftsministerium präferiert stattdessen ein Stoppschild für Erneuerbare. Die Leidtragenden sind die Verbraucher, sagt Meyer. Strom bleibt teurer als nötig. Auch eine neue Einnahmequelle der Autobauer wird abgeräumt.

ntv.de: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche erwartet erst in den 2030er Jahren spürbar niedrigere Strompreise. Dauert es wirklich so lange? 

Markus Meyer: Ich habe Zweifel, dass dieses Ziel erreicht werden kann.

Strom wird nicht günstiger? 

Doch, wenn man die richtigen Maßnahmen ergreift. Im Kern sind alle Gesetzesnovellen, die von Frau Reiche auf den Weg gebracht wurden, zutreffend: Die Energiewende muss an der einen oder anderen Stelle neu gedacht werden. Die Probleme werden von den geplanten Instrumenten aber nicht richtig adressiert. Wir haben gewissermaßen Bluthochdruck – die Kosten – und versuchen, ihn mit einem dauerhaften Betablocker in den Griff zu kriegen. Genau das machen wir mit den Gaskraftwerken. Aber Medikamente haben Nebenwirkungen und wir bekämpfen nicht die Ursache des Bluthochdrucks. Das könnten wir mit natürlichen Mitteln wie Flexibilitäten. Die gibt es bereits. Die könnten das System entlasten. Eine Studie der Wirtschaftsberatung Roland Berger besagt: Bis 2045 können wir 255 Milliarden Euro an Mehrwert generieren und uns mit Investitionen in Flexibilitäten bis zu sieben Gigawatt Gaskraftwerke sparen.

Katherina Reiches Argument ist, dass die Förderung der Erneuerbaren extrem teuer ist. Trotzdem liefert die Energiewende nicht das, was sie hätte liefern sollen, nämlich günstigere Strompreise. Ihr zufolge liegt es am Tempo: Der Ausbau der Erneuerbaren darf nur so schnell gehen wie der Netzausbau.

Das Ziel sollte sein, ohne Förderung klarzukommen. Das befürworten wir. Das ist auch möglich. Dieser isolierte Blick auf die Erneuerbaren unterschlägt aber, dass wir jedes Jahr 80 Milliarden Euro für den Import fossiler Energien ausgeben und auch, dass die Förderung von 20 Milliarden Euro pro Jahr viele Altanlagen beinhaltet. Die wurden gebaut, als es wahnsinnig hohe Fördermittel gab. 

Ganz am Anfang der Energiewende lag die Einspeisevergütung bei etwa 50 Cent je Kilowattstunde. 

Es waren 99 Pfennig, als das Erneuerbare-Energien-Gesetz 2000 verabschiedet wurde. Diesen Kostenrucksack aus den Jahren danach schleppen wir mit uns herum. Aber die Förderung endet nach 20 Jahren. Inzwischen fallen jedes Jahr viele teure Altanlagen aus der Förderung heraus. Neuanlagen sind keine großen Kostentreiber mehr. Trotzdem werden Altanlagen stellvertretend als Beleg für den teuren Ausbau der Erneuerbaren herangezogen. Frau Reiche vergleicht Äpfel mit Birnen. 

Der Kostenrucksack mag kleiner sein, aber auch Neuanlagen profitieren 20 Jahre lang von einer Förderung. Es ist doch verständlich, dass gesagt wird: Erneuerbare rentieren sich auch ohne Förderung. Wozu brauchen wir die noch? 

Wir holen täglich Solaranlagen aus der festen Einspeisevergütung und integrieren sie in den Markt, handeln den Strom also an der Strombörse und verdienen dort für unsere Kundinnen und Kunden mehr Geld als in der Einspeisevergütung. Die Ministerin fordert alle PV-Anlagenbetreiber dazu auf, verpflichtend in diese Direktvermarktung zu wechseln. Das funktioniert aber nicht flächendeckend, weil einige Marktakteure darauf nicht vorbereitet sind. Das ist ein Widerspruch.

Wer sind die Marktakteure? 

In erster Linie sind das die Verteilnetzbetreiber. Sie transportieren und verteilen Elektronen von A nach B – daher der Name. Um das zu ermöglichen, muss der Energiemarkt nach dem Vorbild des Kapitalmarkts digitalisiert und demokratisiert werden. Haushalte müssen Energie über Unternehmen wie uns genauso einfach handeln können wie Aktien über Onlineplattformen. Aber dazu sind die Verteilnetzbetreiber nicht in der Lage. Die stecken in alten Modellen fest.

Bei zentralen Stromerzeugen wie Atom-, Kohle- oder auch Gaskraftwerke konnte man immer genau festlegen: Jetzt müsst ihr soundsoviel Strom erzeugen. Bei den Erneuerbaren weiß man nie ganz genau, wann wie viel Strom erzeugt wird?

Genau. Die Erzeugung fluktuiert. Wir richten uns nach Sonne und Wind. Die Energiewende ist ein Paradigmenwechsel, der eine neue Infrastruktur benötigt. Bereits vor 26 Jahren war klar, dass man Flexibilitäten wie Batteriespeicher benötigen wird, um diese Volatilität ausgleichen zu können. 

Warum sind die Verteilnetzbetreiber darauf nach 26 Jahren nicht vorbereitet?

Um eine Lanze zu brechen: Die Herausforderungen sind enorm. Verteilnetzbetreiber müssen digitalisieren, instand halten und natürlich neu bauen. 

Was ist die große Herausforderung beim Digitalisieren? 

Der entscheidende Prozess ist die Marktkommunikation. Es gibt in Deutschland ungefähr 860 Verteilnetzbetreiber. Manche haben Hunderttausende Kunden, andere nur 300 Kunden. Die benötigen für die Digitalisierung alle eine Softwarelösung. Dafür gibt es wenige Anbieter, ein großer ist SAP. SAP hat aber keine Lösung für alle entwickelt und stetig weiterentwickelt. Deshalb dürfen wir Anbieter von PV-Lösungen mit allen Verteilnetzbetreibern einzeln sprechen und individuelle Lösungen vereinbaren.

SAP ist der Grund, warum kleine Solaranlagen weiterhin gefördert werden müssen? 

Wir könnten auf die Förderung verzichten, aber dafür müssten die Prozesse funktionieren. Hunderte Mitarbeiter haben nur einen Job: Sie sprechen mit Verteilnetzbetreibern, um neue Solaranlagen für die Direktvermarktung anzumelden. Das ist ein einzelner Schritt, damit unsere Kunden in das Netz einspeisen und an der Strombörse in der Direktvermarktung Geld verdienen können. Diese Arbeit bindet bei uns und natürlich auch bei den Verteilnetzbetreiber personelle Ressourcen und somit Kapital. Das wird derzeit über die Förderung ausgeglichen. Man könnte sagen: Die Wirtschaftlichkeit eines Solarbatteriesystems hängt von der Leistung des jeweiligen Verteilnetzbetreibers ab.

Solange das nicht geregelt ist, kann die Förderung nicht zurückgefahren werden? 

Wir würden gerne auf die Subventionen verzichten und ohne die administrativen Kosten ginge das aus. Aber dafür müsste ein massentauglicher Prozess etabliert werden, der uns erlaubt, frei am Markt zu agieren. Wenn Sie heute eine Solaranlage in Betrieb nehmen, warten Sie im Schnitt zwölf Monate auf die Anmeldung durch den Verteilnetzbetreiber. Dieser Flaschenhals wird in den Plänen von Frau Reiche nicht adressiert. Kunden haben auch keinen Rechtsanspruch auf die entgangenen Erlöse. Andersherum darf der Verteilnetzbetreiber die Anlagenbetreiber aber bestrafen, wenn sie ihre Daten nicht rechtzeitig liefern oder eine bestimmte Technologie nicht so installieren, wie sich der Verteilnetzbetreiber das in seinem Netzgebiet vorstellt.

Den Gesetzentwürfen sind lange Gespräche vorausgegangen. Warum wurden diese Probleme nicht adressiert? 

Die Beamtinnen und Beamten im Wirtschaftsministerium verfolgen letztlich dieselben Ziele wie wir: Netzsicherheit, Kosteneffizienz, Unabhängigkeit. Sie entscheiden sich am Ende des Tages einfach für die falsche Maßnahme. Ein super Beispiel ist die sogenannte Wirkleistungsreduzierung. Wenn es Schwierigkeiten im Netz gibt, sind die Verteilnetzbetreiber wegen der fehlenden Digitalisierung nicht in der Lage, den Anlagen das Signal zu senden: Bitte hört auf einzuspeisen. Was schlägt die Ministerin vor? Wir regeln pauschal alle Anlagen im ganzen Land um 50 Prozent ab, egal ob das Netz in dieser oder jener Region betroffen ist oder nicht. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Die Regelung gilt 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr – auch in Jahreszeiten, in denen wenig Sonne scheint. 

Das gilt nur für Solaranlagen oder auch für Windkraftanlagen?

Nur für Solaranlagen. Die Regelung verursacht aber Kollateralschäden. Wir installieren viele Batteriespeicher. Vehicle-to-Grid, also bidirektionales Laden von der Automobilwirtschaft steht in den Startlöchern. Der Hochlauf ist für die kommenden beiden Jahre angepeilt. Es wurden Unmengen an Geld in Forschung und Entwicklung investiert. Aber wenn Sie eine Solaranlage haben, dürfen die Batterie und das Elektroauto ihre Flexibilitäten laut den aktuellen Entwürfen nicht vollends ausschöpfen. Die sind von dieser Reduzierung genauso betroffen wie die PV-Anlage. Was könnten wir mit diesen mobilen und stationären Speichern anstellen? Wir könnten am Mittag und am Abend die Erzeugungsspitzen und -löcher und somit die Preise an der Strombörse glätten. Dieser Möglichkeit berauben wir uns durch die pauschale Wirkleistungsreduzierung. Das ist ein absurder Widerspruch.

Wir stoppen die Pkw-Zulassung, weil Stau ist?

Das ist ein gutes Bild. Auf der Straße sagt uns Google Maps doch auch: Auf dieser Route ist es voll. Fahr lieber dort entlang. Das wäre technisch auch im Energiesystem möglich.

Es hapert auch beim Smart-Meter-Rollout. Die sind notwendig, um dynamische Stromtarife korrekt abrechnen und Batterie, Elektroauto oder Solaranlage aus der Ferne steuern zu können. Unsere Nachbarn sind fertig. In Deutschland soll der Pflicht-Rollout 2032 abgeschlossen sein. 

Ein Grund für den langsamen Rollout ist unser Sicherheitsniveau. Wir haben Fort Knox gebaut, aber so wie sich die Welt gerade entwickelt, war der Sicherheitsgedanke der Beamten vielleicht sogar eine kluge Entscheidung: Letztlich gehört die Energieversorgung zur kritischen Infrastruktur. Unsere Nachbarn haben das nicht gemacht. Die haben einen Smart Meter Light verbaut. Das große Reformpaket der schwarz-roten Bundesregierung sieht vor, dass alle Menschen ohne Wärmepumpe und E-Auto so einen Smart Meter bereits 2030 erhalten sollen. 

Der kann keine Anlagen steuern, sondern nur Preissignale empfangen und verarbeiten, damit alle Haushalte von dynamischen Tarifen profitieren? 

Genau. Man muss ja wissen, wann Strom besonders teuer und wann er besonders günstig ist. Diese Preissignale stammen bisher ausschließlich aus dem Energiemarkt. Preissignale aus dem Netz haben wir gar nicht. 

Aus dem Netz? 

Die Bundesnetzagentur arbeitet gerade an einer Neufassung der Regulierung für die Netzentgelte. Das nennt sich Agnes: Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom. An Netzsignale traut sich die Behörde in dem Entwurf aber nicht heran. Gäbe es welche, könnten Netzbetreiber die Netzentgelte erhöhen, wenn sie eine hohe Auslastung feststellen und Anlagenbetreibern somit anzeigen: Wer jetzt einspeist, verliert Geld. Das wäre eine Alternative zur pauschalen Abregelung. Aber auch in diesem Papier ist wie bei der Wirkleistungsbegrenzung die Rede davon, stärker pauschal einzuschreiten. Das ist übervorsichtige Überregulierung. Wer nach Kalifornien schaut, sieht, dass es auch anders geht.

Unterstützen andere Unternehmen und Verbände mit Bezug zur Energiewende diese Vorschläge auch? 

Dass wir nicht mehr Förderung wollen? Das finden die Verbände, die sich ausschließlich für die erneuerbaren Energien einsetzen, nicht toll. Für diese Position erhalten wir und unsere direkten Wettbewerber aber natürlich Zuspruch von Verbänden, die eher klassische Branchen vertreten. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) unterstützt auch unsere Kritik an der Wirkleistungsreduzierung. Das ist der große Lobbyverband aller Energieunternehmen. Der Verband der Automobilwirtschaft (VDA) teilt die Position ebenfalls.

Weil diese Vorgabe den Autobauern ebenfalls schaden würde?

Mit Batteriespeichern kann man Geld verdienen, in dem man eine Batterie lädt, wenn Strom günstig ist, und entlädt, wenn Strom teuer ist. Das gilt auch für die Batterie im Elektroauto. Ein Auto steht den Großteil des Tages herum. Es wäre auch für die Hersteller ein neues Geschäftsmodell, die Batterie als mobilen Speicher in das Energiesystem zu integrieren. Stichwort: bidirektionales Laden. Die Leute sollen morgens aufwachen und in der App feststellen: Mein Auto hat mir Geld verdient. Mit Batteriespeichern kann man aber auch die Kosten für die Allgemeinheit senken, in dem man die Preisspitzen an der Strombörse senkt. Dieser Aspekt ist gedanklich noch nicht in der Breite angekommen. Das haben wir vielleicht nicht gut genug erzählt. 

Wie kritisch ist die Lage für die Branche der Erneuerbaren in Deutschland und für alle Unternehmen, die mit erneuerbaren Energien arbeiten, wenn die Vorschläge wie geplant umgesetzt werden?

Das ist ein Scheidepunkt, das muss man so sagen. Ich hatte es erwähnt: Es wurde viel Geld in Forschung und Entwicklung von Technologien wie das bidirektionale Laden gesteckt. In diesem Bereich wurden vielen Startups gegründet, um einen Mehrwert für das Gesamtsystem zu schaffen. Es wäre fatal, wenn denen der Stecker gezogen wird. Der Branche der Erneuerbaren wurde vom ersten Tag an eingebläut, dass wir uns in den Markt integrieren sollen. Jetzt sind wir an diesem Punkt angelangt und dürfen nicht.

Markus Meyer leitet die Abteilung Regulierung und Energiepolitik des Energieunternehmens Enpal. Mit ihm sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ anhören. 

Quelle: ntv.de

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