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Politik

Sachsen-Anhalts CDU sucht ihren Kurs – und ihren Chef

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 9, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Analyse

Stand: 09.09.2026 • 18:50 Uhr

Nach der Wahlniederlage ist die CDU in Sachsen-Anhalt gespalten, gemäßigte Stimmen kommen kaum zu Wort. Ein neuer Landesvorstand könnte die Lager einen. Doch nicht alle, die dafür im Gespräch sind, bringen das Potenzial mit.

Eine Analyse von Lars Frohmüller, MDR

Sonntagabend, Wahlparty der CDU in Magdeburg: Punkt 18 Uhr ist die Stimmung am Tiefpunkt. Die Partei muss einen Schlag einstecken, wie ihn die erfolgsverwöhnte, selbsternannte „Sachsen-Anhalt-Partei“ noch nie erlebt hat. Im Laufe des Abends werden aus den 18,5 Prozent der Prognose 17,2 Prozent. Die AfD wird mit 43,8 Prozent erstmals stärkste Kraft im Land, die CDU landet auf Platz zwei. Die Gesichter sind lang, die Party ist kurz.

Und die Suche nach dem Schuldigen beginnt keine 30 Minuten später, per E-Mail an die Journalisten: Ministerpräsident und Landeschef Sven Schulze solle zurücktreten, fordern Parteimitglieder und Vereinigungen.

Eine Partei, die über Jahrzehnte gewohnt war, am Wahlabend das Bärenfell zu verteilen, eröffnet nun – vor Publikum – den Machtkampf um die Deutungshoheit im Landesverband. Er tobt schon seit Jahren.

Die Handschrift der CDU prägt das Land

Vor einem kann sich die CDU nicht verstecken: 28 Jahre lang, davon 24 am Stück, war sie die treibende Kraft im Land. Ergebnisse unter 30 Prozent galten als Niederlage. Nur zweimal kam das vor 2026 vor: 1998, als die Partei mit 22 Prozent abgewählt wurde, und 2016, als die AfD erstmals spürbar Stimmen abzog und der CDU 29,8 Prozent blieben.

Zugleich gelang es der Union immer wieder, ihre Koalitionspartner in der Wahrnehmung bedeutungslos werden zu lassen. Die SPD kam in den 1990er-Jahren noch auf Ergebnisse um die 30 Prozent, um die Jahrtausendwende waren es 20, zuletzt rund zehn Prozent.

Aus den Parteien, die mit der CDU das Land gestalten wollten, hieß es oft, neben der Union sei es schwer, sichtbar zu bleiben. Bildung, Innenpolitik, Landwirtschaft, Energie: Das Haus baute die CDU, die Partner durften die Tapeten kleben, die die Union ausgesucht hatte. Passte ein Anstrich nicht, drohte Streit.

Mit den Grünen eskalierte die Situation in der „Kenia“-Koalition aus CDU, SPD und Grünen zwischen 2016 und 2021 so sehr, dass mehrfach der Bruch des Bündnisses im Raum stand. Ein Narrativ, das die AfD im Wahlkampf vor sich hertrug: Die CDU in Sachsen-Anhalt hatte Jahrzehnte Zeit, die Probleme zu lösen, die sie im eigenen Wahlkampf zum Thema machte.

Die Lauten gegen die Leisen

Seit vielen Jahren treibt die Landes-CDU eine Frage um: Wie hält man es mit den Konservativen? Die Merkel-CDU war nie die Perspektive Sachsen-Anhalts, wenn man sich in der Fläche mit Abgeordneten oder einfachen Mitgliedern unterhielt. Hier schaute man nach Edmund Stoiber (CSU), später nach Markus Söder (CSU), nach Roland Koch (CDU), vor allem aber nach Friedrich Merz.

War der langjährige Ministerpräsident Wolfgang Böhmer noch ein „Garant“ konservativer Werte und eine Figur, hinter der sich die Christdemokraten im Land versammeln konnten, war sein Nachfolger Reiner Haseloff manchem in der Union stets zu akademisch, zu liberal, zu innovationsoffen.

2011 stellte sich Haseloff, ein Physiker, wie die damalige Kanzlerin, an die Seite der Wissenschaft und fragte öffentlich, ob Kernenergie nach der Katastrophe von Fukushima noch eine verantwortbare Energiequelle sei. Das lief dem Trend in der eigenen Partei zuwider, folgte aber dem Blick auf den Standort Sachsen-Anhalt, der bei Wind- und Solarenergie damals bundesweit eine Vorreiterrolle einnahm. Diese und andere Positionen ließen Haseloff und seine Fraktion auseinanderdriften.

Ein Gesicht dieses Richtungsstreits war der damalige Innenminister Holger Stahlknecht. Als Vertreter der konservativen Linie probte er in einem Interview mit der Regionalzeitung Volksstimme den Aufstand und rückte seine Partei näher an die AfD. Haseloff entließ ihn, Sven Schulze folgte ihm als Landeschef.

Der Nachhall kam nach der Wahl 2021: Haseloff hatte seiner Partei auf den letzten Metern den Wahlsieg gesichert und erlebte im ersten Wahlgang zum Ministerpräsidenten die Schmach, nicht einmal von den eigenen Leuten gewählt zu werden. Eine Gruppe von Abweichlern machte klar: Ein geschlossenes Bild gibt es in dieser CDU nicht. Die Lauten bestimmen über die Leisen.

Neuanfang wird zum erneuten Machtkampf

Sven Schulze hat den Wahlabend als Niederlage angenommen. Er will die Partei zu einem Neuanfang drängen. Im Spätherbst oder zum Jahresende wird der Landesvorstand neu gewählt. Doch ein Personalproblem hat die Partei schon jetzt. Über Jahrzehnte wurde wenig Energie in die Nachwuchsarbeit gesteckt. Die Junge Union, in anderen Bundesländern Kaderschmiede für politische Talente, ist in Sachsen-Anhalt seit Jahren vor allem ein Ort, aus dem Büroleiter und Ministeriumsmitarbeiter hervorgehen. Die klugen, leisen Köpfe scheuen den Gang in die erste Reihe, weil dort breite Schultern gefragt sind. Nicht der beste Gedanke setzt sich durch, sondern der lauteste.

Die Landesliste und die Zusammensetzung der neuen Fraktion zeigen das. Ohne putschartigen Widerstand auf einem Landesparteitag hätte es unter den ersten zehn Listenplätzen keine einzige Frau gegeben. Wichtig war, dass alte, bekannte Gesichter die vorderen Plätze füllen. Neue Ideen, neue Gesichter oder eben auch mal eine Frau waren nicht erwünscht. Am Ende schaffte es nur eine, die sich mit breiten Schultern an einem Mann vorbeischob, der zuvor mit schlechtem Verhalten einer Frau gegenüber ins Aus geschossen hatte.

Mit genau dieser auf 15 Abgeordnete geschrumpften Fraktion muss Schulze nun eine schlagkräftige Opposition formen. Bei der Wahl zum Fraktionsvorsitz bekam er gerade einmal acht von 15 Stimmen. Dazu kommt die von der AfD gestreute Behauptung, einige in der Fraktion stünden ihr im Geist ohnehin näher.

Die Brandmauer steht auf dem Prüfstand

Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht. Denn die Frage, wie die CDU es mit der AfD hält, wird in Sachsen-Anhalt seit Langem offener gestellt als anderswo. Im April 2025 forderte der CDU-Kreisverband Harz die Bundespartei auf, den Unvereinbarkeitsbeschluss aufzuheben, der seit 2018 jede Zusammenarbeit mit AfD und Linkspartei ausschließt.

„Realpolitisch betrachtet“, so die Begründung, müsse die Brandmauer überdacht werden. Verfasser war ein Kreisverband, dessen Vorsitzender Ulrich Thomas schon zuvor mit ähnlichen Tönen aufgefallen war. Die Landesspitze wies den Vorstoß zurück, Schulze versuchte im Wahlkampf, seine Partei als „Allianz der Mitte“ zu positionieren. Der Brief aus dem Harz aber blieb als Signal an die Basis stehen: In den Kommunen, wo die AfD längst in Kreistagen und Stadträten mitbestimmt, empfinden viele CDU-Mitglieder das Abgrenzungsgebot aus Berlin als Vorgabe fern der eigenen Praxis. Mit 43,8 Prozent für die AfD wird dieser Druck nicht kleiner.

Der Kampf um den Vorsitz

Genau in diese Debatte hinein fällt die Wahl des Landesvorsitzes. Sepp Müller, stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag und Chef der CDU-Landesgruppe Sachsen-Anhalt, hat am Montag seine Kandidatur angekündigt. Der Konservative hatte schon im Wahlkampf klargemacht, die Partei dürfe nicht weiter nach links rücken. Wenige Tage vor der Wahl sagte er zudem, bei entsprechendem Ergebnis habe Ulrich Siegmund mit der AfD den Auftrag zur Regierungsbildung.

Bundeskanzler Merz rügte ihn dafür öffentlich, ohne ihn beim Namen zu nennen: Niemand habe verstanden, warum ein Fraktionsvize dem eigenen Spitzenkandidaten so kurz vor der Wahl in den Rücken falle.

Auf der anderen Seite werden Gemäßigte gehandelt: der Landrat André Schröder oder Bildungsminister Jan Riedel. Riedel hat sich nach seiner ebenfalls konservativen Vorgängerin Eva Feußner, die am Wahlabend Schulzes Rücktritt forderte, als weltoffene Alternative positioniert. Der Bildungsexperte genießt seit seinem Amtsantritt über Parteigrenzen hinweg einen guten Ruf und könnte sich Medienberichten zufolge eine Führungsrolle im Land vorstellen. Doch wie so oft in dieser CDU könnte allein die Nennung des Namens Grund genug sein, ihn am Ende nicht zu wählen.

Die Wahl des Landesvorsitzenden wird damit zur Abstimmung über den Kurs und die Ausrichtung der Partei. Und in welchem Feld zwischen Mitte und Rechts sich Sachsen-Anhalts CDU künftig selbst verortet.

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Dr. Heinrich Krämer
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