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Startseite»Politik»Welt-Sepsis-Tag: Warum bei Blutvergiftungen oft zu viel Zeit vergeht
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Welt-Sepsis-Tag: Warum bei Blutvergiftungen oft zu viel Zeit vergeht

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 13, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 13.09.2026 • 08:16 Uhr

Der Welt-Sepsis-Tag soll heute auf die Gefahr durch Blutvergiftungen aufmerksam machen. In Deutschland sterben vergleichsweise viele Menschen daran – sie bleiben in vielen Kliniken unerkannt.

Von Daniela Remus und Melanie Stinn, NDR

211.000 Menschen sind in Deutschland 2021 an einer Sepsis gestorben, deutlich mehr als in Ländern wie Australien oder der Schweiz. Das geht aus einer internationalen Studie aus dem vergangenen Jahr hervor.

Andere Erhebungen gehen zwar von geringeren Todeszahlen aus. So ist etwa in der Informationskampagne „Deutschland erkennt Sepsis“ von 85.000 Todesfällen pro Jahr die Rede. Experten und Expertinnen halten diese Zahl allerdings für zu gering, da Überprüfungen in großen Kliniken ergeben hatten, dass Sepsis in offiziellen Abrechnungsdaten deutlich unterschätzt wird.

Schwierigkeiten bei der Diagnose

Besonders kritisch sind die Überlebenschancen bei Harnwegs- oder Bauchrauminfektionen. Auch Neugeborene sind stark gefährdet. Eine Sepsis kann eine ganze Reihe von Symptomen auslösen. Das Problem ist aber, dass diese Symptome nicht immer eindeutig auf eine Sepsis hinweisen, sie sind eher diffus: Manche Patienten leiden an Atemnot, andere an Husten, wieder andere haben eine geschwollene Hand oder einen schmerzenden Unterleib.

„Es ist deutlich einfacher einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erkennen als eine Sepsis. Denn beim Herzinfarkt und Schlaganfall haben wir oft wenige Symptome, die relativ klar darauf hindeuten“, so Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Wettlauf gegen die Zeit

Ursache ist immer eine Infektion. Normalerweise bekommt das Immunsystem sie in den Griff, doch bei einer Sepsis gelingt das nicht mehr: Krankheitserreger – also Bakterien, Viren oder Pilze – breiten sich über die Blutbahn im ganzen Körper aus. Dessen Abwehrreaktion gerät außer Kontrolle und richtet sich am Ende gegen die eigenen Organe.

Grundsätzlich kann jede Entzündung zu einer Sepsis führen. Am häufigsten sind allerdings Atemwegsinfekte, Blasenentzündungen oder Infektionen im Bauchraum. Wie lange es dauert, bis eine Sepsis behandelt wird, entscheidet darüber, ob ein Patient oder eine Patientin überlebt oder nicht. Eine Sepsis ist daher immer ein Notfall.

Kliniken oft nicht gut aufgestellt

Doch in vielen Kliniken in Europa verlieren Ärztinnen und Ärzte kostbare Zeit, weil die Diagnose zu lange dauert und Strukturen fehlen. Das hat eine Studie der Uniklinik Greifswald gezeigt, die im März dieses Jahres erschien.

Demnach gab es noch nicht mal in der Hälfte aller Kliniken standardisierte Verfahren zur Früherkennung. Auch regelmäßige Schulungen des Personals fanden in vielen Häusern nicht statt. „Das heißt, dass Patienten, die mit massiven aber eher diffusen Beschwerden in die Notaufnahme kommen, in knapp der Hälfte der Kliniken nicht gezielt auf eine Sepsis untersucht werden. Auch nicht in Deutschland“, sagt Anästhesist Christian Scheer, der die internationale Studie an der Uniklinik Greifswald geleitet hat.

Fehlende mikrobiologische Labore

Die Studie identifizierte noch andere Defizite: Um eine Sepsis aufzuhalten, braucht es ein passendes Antibiotikum. Dazu muss zunächst der Erreger bestimmt werden. Doch laut Studie wurden in den Kliniken viel zu selten Blutkulturen entnommen. Analysiert werden die Blutproben dann in mikrobiologischen Laboren.

Die gibt es zudem auch in vielen deutschen Krankenhäusern nicht – und selbst wenn Labore vorhanden sind, werden sie nicht optimal genutzt. Außerdem fanden die Studienautoren heraus, dass 90 Prozent der mikrobiologischen Labore nachts geschlossen sind. Dabei zählt bei Sepsis jede Stunde.

Mit besseren Abläufen Leben retten

Dass bessere Strukturen tatsächlich Leben retten, haben die Forschenden aus Greifswald bereits in einer anderen Untersuchung gezeigt. Eine 7,5-jährige Studie ergab: Werden Abläufe verbessert, sterben tatsächlich weniger Menschen. Die 90-Tage-Sterblichkeit bei schwerer Sepsis und septischem Schock sank von 64,2 Prozent auf 45 Prozent.

Seit Januar 2026 müssen Kliniken – angestoßen vom Gemeinsamen Bundesausschuss – bundesweit erfassen, wie gut sie Sepsis erkennen und behandeln. Etwa bei Screening, Antibiotikagabe und Personalschulungen.

Noch ist das aber nur eine Testphase: ohne Sanktionen, ohne veröffentlichte Ergebnisse. Ob das reicht, um mehr Leben zu retten, ist offen.

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Dr. Heinrich Krämer
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