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Politik

Unter Wasser mit ukrainischen Kampftauchern

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 15, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Reportage

Stand: 15.09.2026 • 10:36 Uhr

Kampftaucher einer ukrainischen Spezialeinheit trainieren für Einsätze an feindlichen Küsten. Doch Drohnen haben ihre Arbeit grundlegend verändert. Ein Besuch bei einer Einheit im Süden der Ukraine.

Susanne Petersohn

Irgendwo im Süden der Ukraine bereiten sich Männer des 73. Maritimen Zentrums für Spezialeinsätze auf einen Tauchgang vor. Sie laden Geräte aus dem Kofferraum ihres Autos, lassen ein schwarzes Gummiboot ins Wasser, montieren den Außenbordmotor. Ihre Gesichter bleiben dabei verborgen, statt ihrer richtigen Namen verwenden sie Decknamen.

Einer von ihnen ist Leksus. Er ist 20 Jahre alt und kam vor zwei Jahren zur Einheit. Das Wasser habe ihn gereizt, erzählt er – ebenso die Herausforderung, sich selbst und die Elemente zu überwinden. Doch das Kampftauchen ist nur ein Teil seiner Arbeit. „Unsere Einheit ist in der Luft, am Boden und im Wasser im Einsatz“, sagt er.

Das 73. Zentrum ist eine Einheit der ukrainischen Spezialkräfte. Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem Aufklärung und Operationen und Sabotageakte hinter feindlichen Linien. Über konkrete Einsätze dürfen die Männer nur selten sprechen.

Zahlenmäßige Unterlegenheit durch intelligente Kriegsführung ausgleichen – diese Devise der ukrainischen Streitkräfte gilt auch für die Kampftaucher.

„Im Wasser gibt es keinen Ort, zu dem man fliehen kann“

Heute trainiert die Gruppe eine Annäherung vom Wasser aus. Rund zwei Kilometer vor einem angenommenen feindlichen Ufer sollen die Männer abgesetzt werden, mit Navigationsgeräten müssen sie einen vorgegebenen Punkt erreichen, den Küstenabschnitt überprüfen und anschließend Meldung machen. Erst danach sollen weitere Kräfte anlanden.

Bevor sie sich ins Boot setzen, kontrollieren die Soldaten ihre Ausrüstung. Sie tauchen mit Kreislaufgeräten, sogenannten Rebreathern. Die ausgeatmete Luft wird darin wiederaufbereitet. Anders als bei gewöhnlichen Pressluftgeräten steigen deshalb keine verräterischen Luftblasen an die Oberfläche.

Neben dem Tauchgerät sind sie unter anderem mit Waffen und Navigationsgeräten ausgestattet; bei Einsätzen können sie auch Sprengstoff mitführen. Die größte Herausforderung sei dabei nicht unbedingt die Tiefe, sagt Leksus. Sie müssten vor allem lange Strecken zurücklegen und auch unter Belastung handlungsfähig bleiben.

Wie Lexus hat sich auch Melja bewusst für diese Arbeit entschieden. Seit 2015 ist er beim Militär, seit zwei Jahren gehört er zur Einheit. Er schwimmt seit Jahren und sagt, er fühle sich unter Wasser besonders wohl. Doch die Begeisterung hat eine andere Seite. „Wasser verzeiht keine Fehler“, sagt Melja. „Kampfeinsätze sind viel schwieriger zu planen, die Vorbereitung dauert länger und sie sind deutlich gefährlicher. Denn im Wasser gibt es keinen Ort, zu dem man fliehen kann.“

Die Rückeroberung der Schlangeninsel

Eine der bekanntesten Operationen, an denen Angehörige des 73. Zentrums beteiligt waren, führte sie im Sommer 2022 zur Schlangeninsel im Schwarzen Meer. Russische Truppen hatten die strategisch wichtige Insel zu Beginn der großangelegten Invasion besetzt. Nach monatelangen ukrainischen Angriffen auf die dort stationierten Kräfte und ihre Versorgung zogen sie sich Ende Juni zurück.

Wenige Tage später näherten sich Kampftaucher des 73. Zentrums der Insel unter Wasser. Sie erkundeten die Küste, suchten nach Minen und bereiteten die Anlandung weiterer ukrainischer Kräfte vor. Anschließend gingen Spezialkräfte auf der Insel an Land und brachten sie wieder unter ukrainische Kontrolle.

Wenn die Taucher einmal im Wasser sind, müssen sie lange Strecken zurücklegen und sich zugleich auf Kampfeinsätze einstellen, die sie für gefährlicher als andere halten.

Durch Drohnen riskanter geworden

Seitdem haben sich die Bedingungen für solche Operationen erheblich verändert. Aufklärungs- und Angriffsdrohnen ermöglichen es beiden Seiten, Gebiete engmaschiger zu überwachen und aus der Distanz anzugreifen. Das erschwert selbst Operationen, die zunächst verborgen unter Wasser stattfinden. Melja beschreibt, was das für ihn persönlich bedeutet: „Ich habe weniger Angst davor, einer Person zu begegnen, als vor feindlicher Technik.“

Wie groß die Veränderung ist, schildert Kommandeur Kusja. Der 21-Jährige kam nach eigenen Angaben 2024 freiwillig zur Einheit. Beim Training übernimmt er die Führung der Gruppe. Vor allem der Moment, in dem Taucher das Wasser verlassen, sei durch die große Zahl gegnerischer Drohnen riskanter geworden. Eine Operation, die früher möglicherweise innerhalb weniger Tage vorbereitet werden konnte, müsse heute unter Umständen einen Monat oder länger geplant werden, sagt er.

Gleichzeitig verändert Technik auch die Möglichkeiten der ukrainischen Seite. Die Taucher verfügen nach Angaben der Einheit über neuere Unterwasserfahrzeuge, Navigationssysteme und Tauchcomputer. Im Schwarzen Meer setzt die Ukraine zudem maritime Drohnen gegen russische Kriegsschiffe ein.

Ständig neue Technik

Für Kusja bedeutet das allerdings nicht, dass unbemannte Systeme Kampftaucher überflüssig machen. Ein Schiff könne heute beispielsweise aus der Distanz mit einer Seedrohne angegriffen werden. Andere Aufgaben ließen sich bislang nicht auf Maschinen übertragen. „An Land gehen, die Küste räumen, Aufklärung betreiben und einen Brückenkopf für nachfolgende Kräfte schaffen – dazu sind maritime Drohnen noch nicht wirklich in der Lage“, sagt er.

Auch beim Training zeigt sich diese Arbeitsteilung. Unterwasserfahrzeuge können die Männer über längere Strecken transportieren, Navigationssysteme helfen ihnen, auch ohne Sicht den richtigen Kurs zu halten. Am Ziel müssen die Soldaten jedoch selbst erkunden, entscheiden und handeln. Neue Technik bedeute deshalb auch neues Training. Geräte und Systeme entwickelten sich ständig weiter, sagt Kusja. Die Soldaten müssten lernen, sie in ihre bisherigen Abläufe zu integrieren.

Die Vorbereitung auf einen unmittelbaren Kampf zwischen Soldaten reiche längst nicht mehr aus, sagt Melja. Ein einzelner gegnerischer Akteur könne heute mehrere technische Systeme einsetzen. „Wenn du am Boden oder im Wasser bist, hast du weniger Chancen als die Person, die hinter der Fernsteuerung sitzt“, sagt er.

Die Hoffnung auf eine unversehrte Rückkehr begleitet jeden Einsatz der Kampftaucher – und die Träume von einem Leben nach dem Krieg.

„Wenn wir weniger sind, müssen wir schlauer sein“

Der Kampftaucher mit dem Deckname „Berlin“ ist 33 Jahre alt. Er hat lange in Deutschland gelebt und spricht Deutsch. 2024 trat er der ukrainischen Armee und der Spezialeinheit bei. Als Kind habe er viele Sommer auf der Krim verbracht. Nach dem Ende des Krieges würde er gerne wieder dorthin, sagt er. Das treibe ihn an.

Die Ukraine habe gegenüber Russland allerdings einen entscheidenden Nachteil: weniger Personal. Seine Antwort darauf ist technologisch: „Wenn wir weniger sind, müssen wir schlauer sein. Wir müssen mit Drohnen arbeiten, mit verschiedenen Drohnen, ob das Seedrohnen sind oder die Drohnen, die man klassisch in der Luft kennt.“

Für ihn zeigt dieser Krieg, wie schnell bisherige militärische Vorstellungen ihre Gültigkeit verlieren können. „Der ukrainisch-russische Krieg hat gezeigt, dass sich alle Regeln, die man kennt, ändern.“

„Angst gehört dazu“

Kusja hatte früher Angst vor dem Wasser. Heute verbringt er bei Übungen und Einsätzen Stunden darin. Bei langen Fahrten mit einem Unterwasserfahrzeug könne die Sicht bei null liegen. Drei oder vier Stunden sehe er dann mitunter nichts, höre auf sein Atemgerät und kontrolliere das Fahrzeug.

Angst gehöre dazu – besonders beim Umgang mit Minen. Entscheidend sei, sie kontrollieren zu können. Seine Methode beschreibt er knapp: „Ein kühler Kopf und eine klare Berechnung der nächsten Schritte.“

Kusjas Gedanken reichen trotzdem über den Krieg hinaus. Nach dem Krieg, sagt der 21-Jährige, wünsche er sich ein Haus an der Küste der Krim. Eigene Weinreben. Und Kinder.

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Dr. Heinrich Krämer
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