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Betrugsmaschen

120 Namen an 3 Briefkästen: Kein Beleg für Sozialbetrug

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 29, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Auf Facebook wird ein Bild geteilt, das zwei Dinge verbindet. Oben ist eine Zeitungsseite der Bild: ein Haus, drei Briefkästen, darauf 120 Namen. Unten steht ein Text über Ukrainer, die angeblich nur kurz nach Deutschland kommen und dann von zu Hause aus Geld kassieren. Dazu schreibt der Absender: „Falls sich noch jemand fragt warum ständig die Steuern erhöht werden.“

Die Zeitungsseite ist drei Jahre alt. Das Haus steht in Germersheim in Rheinland-Pfalz, und dort waren LKW-Fahrer gemeldet. Mit dem Text über die Ukrainer hat das Foto nichts zu tun.

Facebook-Beitrag mit dem Text „Falls sich noch jemand fragt warum ständig die Steuern erhöht werden“. Darunter ein verpixelter Zeitungsausschnitt und ein Text über Ukrainer. Name, Profilbild und TikTok-Konto sind unkenntlich gemacht.
Der geteilte Beitrag. Absender und TikTok-Konto haben wir unkenntlich gemacht, die Zeitungsseite verpixelt. Screenshot: Facebook

Wer wohnt in dem Haus?

Das Haus war früher ein kleines Hotel. Heute schlafen dort Fahrer einer Spedition, also einer Firma, die Waren mit LKW durch Europa fährt. Die Fahrer sind oft wochenlang unterwegs und nur zwischendurch im Haus. Dass bei einem Besuch niemand aufmacht, ist deshalb kein Hinweis auf Betrug. Und weil Fahrer kommen und gehen, sammeln sich an der Adresse viele Namen.

Die Fahrer sind dort gemeldet, damit Briefe von Ämtern eine Adresse in Deutschland haben. Der Bürgermeister sagte schon 2023: Es handelt sich nicht um Sozialbetrug. Die Kreisverwaltung bestätigte, dass niemand in dem Haus Sozialleistungen wie Bürgergeld bekommt.

Und was hat das mit Steuern zu tun?

Das Foto belegt dazu nichts. Die Fahrer haben eine Arbeit. Wer angestellt ist, zahlt Beiträge, zum Beispiel für die Kranken- und Arbeitslosenversicherung. Dass die 120 Namen für Menschen stehen, die vom Staat leben, zeigt das Foto nicht.

Drei Jahre alt – und wieder im Umlauf

August 2023

Die Bild berichtet über das Haus: „1 Haus, 3 Briefkästen, 120 Namen“.

25. August 2023

Der Bürgermeister sagt der Lokalzeitung Pfalz-Express: kein Sozialbetrug.

27. August 2023

Am Haus hängt nur noch ein Briefkasten. Darüber eine Liste mit 75 gemeldeten Personen.

27. September 2023

Die Kreisverwaltung bestätigt dem Faktencheck-Team von CORRECTIV: keine Sozialleistungen an die Bewohner.

September 2026

Die Zeitungsseite taucht wieder auf Facebook auf – jetzt mit einem Text über Ukrainer.

Die Erklärung gab es schon 2023. Geteilt wird nur die Schlagzeile.

Was ist mit dem Text über die Ukrainer?

Der Text nennt keine Quelle, keine Zahl und keinen einzigen konkreten Fall. Er behauptet: Ukrainer kommen nach Deutschland, fahren gleich wieder zurück und bekommen trotzdem jeden Monat Geld. So einfach geht das nicht. Das Bürgergeld heißt seit Juli 2026 Grundsicherungsgeld. Wer es bekommt, muss in Deutschland wohnen und für das Jobcenter erreichbar sein. Wer verreisen will, muss das vorher mit dem Jobcenter absprechen. Ohne besonderen Grund gibt es höchstens drei Wochen im Jahr trotzdem Geld. Wer ohne Zustimmung weg ist, bekommt für diese Zeit nichts. Das gilt für alle, egal aus welchem Land sie kommen.

Dass einzelne Menschen trotzdem betrügen, kann niemand ausschließen. Das gibt es bei jeder Sozialleistung. Der Beitrag zeigt dafür aber keinen Beleg. Eine ähnliche Behauptung haben wir bereits geprüft.

Und das angebliche Tabuthema?

Am Ende heißt es, niemand dürfe darüber sprechen, dass viele Studenten mit schwarzer Hautfarbe aus der Ukraine kommen. Darüber wurde aber schon 2022 offen berichtet. Vor dem Krieg studierten in der Ukraine rund 60.000 Menschen aus anderen Ländern, viele davon aus Indien, Marokko, Ägypten oder Nigeria.

Auch die Regeln für sie sind öffentlich. Wer nicht aus der Ukraine stammt, dort nur befristet lebte und dort auch nicht als Flüchtling anerkannt war, bekommt in Deutschland seit März 2025 nicht mehr den Schutz, den Ukrainer bekommen. Das betrifft viele, die nur zum Studieren in der Ukraine waren. Wer bleiben will, braucht eine normale Aufenthaltserlaubnis, zum Beispiel für ein Studium. Ein Tabu ist das also nicht. Und die Hautfarbe eines Menschen sagt nichts darüber aus, ob er Geld vom Staat bekommt.

Zum Mitnehmen

Drei Fragen, bevor man einen Zeitungsausschnitt teilt

Wann ist das erschienen?Alte Artikel tauchen oft Jahre später wieder auf. Das Datum steht meist klein am Seitenrand.

Was steht im Artikel selbst?Eine Schlagzeile ist nicht der ganze Artikel. Die Erklärung steht oft ein paar Zeilen weiter unten.

Gehören Bild und Text zusammen?Oft wird ein echtes Foto mit einem Text kombiniert, der von etwas ganz anderem handelt.

FAKTENCHECK

CORRECTIV.Faktencheck

27. September 2023

MEDIUM

Pfalz-Express

27. August 2023

MEDIUM

Pfalz-Express

25. August 2023

MEDIUM

Forschung & Lehre

25. März 2022

BEHÖRDE

Bundesministerium des Innern

10. März 2025

BEHÖRDE

Bundesagentur für Arbeit

Ohne Datumsangabe

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Dr. Heinrich Krämer
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