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Betrugsmaschen

Wie aus jedem Furz eine Weltverschwörung wird – und Tausende applaudieren

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerOktober 1, 2026Keine Kommentare19 Minuten Lesezeit
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Mimikama braucht Verstärkung – hilf uns, eine weitere Person ins Team zu holen

KOMMENTAR

Wir erklären Falschmeldungen seit Jahren nüchtern. Quelle aufmachen, Behauptung prüfen, Kontext liefern. Behauptet jemand, Kondensstreifen seien Chemtrails, erklären wir Kondensstreifen. Wird aus einer Studie „DER BEWEIS!!!“, lesen wir die Studie.

Manchmal fragen wir uns nur, ob wir damit vor einem brennenden Misthaufen stehen und höflich erklären, ab welcher Temperatur sich Mist selbst entzündet.

Denn wir haben uns wieder einmal durch Facebook gescrollt. Unser Fehler. Nach kurzer Zeit hatten wir beisammen: Chemtrails, die sich als Nebensonne entpuppen. „Turbo-Krebs“ durch Pfizer. Fluorid, das Stahl zerfrisst. „Krankes Impfblut“ unterm Dunkelfeldmikroskop. Geheime 6G-Tests. Die „Gravitations-Lüge“. Bill Gates, Gentechnik-Mücken, HAARP. Sieben Prominente, angeblich von Illuminaten geopfert. Einen verdächtigen Frosch auf der Schokolade. Einen Sonnensturm mit Seelennamen-Versand. Und – unser Favorit – ein Nahrungsergänzungsmittel namens „Anti Spike“, für das in den Kommentaren die Kinderdosis ausgetüftelt wird.

Unter vielem davon: Tausende Likes. Irgendwann geht auch unserem inneren Erklärbären die Geduld aus.

Wos is mit euch?

Kurz gesagt

  • Die meisten dieser Behauptungen sind falsch oder irreführend – eine stimmt sogar.
  • Hinter vielen steckt ein Geschäft: Kapseln, Seelennamen, Spendenlinks.
  • Das eigentliche Problem: Tausende applaudieren, ohne zwei Minuten zu prüfen.

Die Behauptungen im Überblick

Behauptung Urteil Was dahintersteckt
Chemtrails am Himmel  FALSCH  Kondensstreifen und Fallstreifenlöcher sind Wetterphysik.
„Stiller Krieg“ am Himmel  FALSCH  Eine Nebensonne – Licht in Eiskristallen.
6G macht Herzstolpern  FALSCH  6G gibt es noch nicht, der Standard zielt auf 2030.
Die „Gravitations-Lüge“  FALSCH  Vögel nutzen Auftrieb, die Schwerkraft bleibt.
Dunkelfeld zeigt „krankes Impfblut“  FALSCH  Die Methode ist unzuverlässig.
Frosch-Siegel als Warnsignal  FALSCH  Ein Zertifizierungssiegel für Wald- und Sozialstandards.
Neuer SPÖ-Chef bei den Bilderbergern  FALSCH  Zeiler kandidiert nur, Babler bleibt Chef.
Promis „nach Illuminati-Ritualen gestorben“  FALSCH  Reale Tragödien als Reichweiten-Rätsel.
Fluorid zerfrisst Stahl – und wir trinken es  IRREFÜHREND  Konzentrierte Säure ist kein Trinkwasser. DE/AT fluoridieren gar nicht.
„Turbo-Krebs“ durch Pfizer bewiesen  IRREFÜHREND  Ein Fallbericht beweist keine Ursache.
Nebenwirkungen beweisen einen Plan  IRREFÜHREND  Seltene Nebenwirkungen sind real und offiziell dokumentiert – ein Plan nicht.
Blutdruck-Grenzwerte für die „Pillen-Mafia“  IRREFÜHREND  Grenzwerte sanken wegen Langzeitstudien.
Gates-Mücken verursachen Dengue  IRREFÜHREND  Zwei wahre Fakten, keine Ursache.
Corona-Impfung auf der Wiesn  WAHR  Stimmt – und ist freiwillig.
8 × falsch, 5 × irreführend, 1 × wahr

Der Himmel, die Seele und Herr Newton

Fangen wir beim unsterblichen Klassiker an: Streifen am Himmel.

Chemtrails, die keine sind

Ein Meme: „Heute ist ein schöner Tag, um sich draußen aufzuhalten … Ahh ne, doch nicht.“ Dazu: „Ein Cocktail, gemischt aus Schwermetall und Gift“ – Barium, Strontium, Polymere. Unten im Bild eine Schäfchenwolkendecke mit kreisrundem Loch. Das ist ein Fallstreifenloch, ein echtes und ziemlich schönes Wetterphänomen. Es entsteht oft, wenn ein Flugzeug durch eine Schicht unterkühlter Wassertröpfchen fliegt und die schlagartig zu Eis gefrieren. Ja, das Flugzeug war beteiligt. Gift nicht.

Dasselbe Phänomen geht auch als Foto herum: „Wer kann sowas noch für natürlich halten? Es ist real und keine KI!“ Stimmt. Es ist real. Und natürlich. Darunter: „So etwas habe ich in meinem langen Leben noch nie gesehen.“ Das glauben wir sofort. Ein Beweis ist es halt nicht.

Eine Seite namens „Wetter – Unwetter Deutschland“ postet Kondensstreifen mit „Chemtrails … junge, die sprühen!“ 1.155 Likes, 958 Kommentare. Eine Wetterseite. Ein anderer postet einen Sonnenuntergang voller Streifen: „Schrecklich“. Darunter: „Verbrechen an der Menschheit.“ Facebook hat das Bild selbst als KI-Inhalt gekennzeichnet. Verbrechen an der Menschheit, gerendert.

Der „stille Krieg“

Dann ein Video mit einem Regenbogenfleck neben der Sonne: „Das hier nennt man STILLER KRIEG.“ 3.013 Likes. Nein. Das nennt man Nebensonne, ein Halo aus Sonnenlicht, das in sechseckigen Eiskristallen gebrochen wird. Beschrieben schon in der Antike. Die Begleitbotschaft: „Entgifte regelmäßig.“

„Stiller Krieg“ – in Wahrheit eine Nebensonne
„Stiller Krieg“ – in Wahrheit eine Nebensonne

Eine Nebensonne fotografiert auch jemand in einer Wolken-Gruppe, kreist sie ein und fragt: „Hallo, hat das schon mal jemand gesehen?“ Keiner der 157 Kommentare braucht einen Krieg. Gleiches Phänomen, andere Haltung.

Das „Stiller Krieg“-Profil fragt außerdem: „Tun deine Augen aktuell auch so weh?“ 47.810 Aufrufe. Antwort aus den Kommentaren: „Ja, die Energie in Deutschland ist furchtbar.“

Angst vor dem eigenen Garten

Bei einer Frage vergeht uns aber das Lachen: „Wenn vormittags gesprüht wird, wann kommt das Zeug wieder runter? Wann sollte man im Haus bleiben?“ 348 Kommentare, einer davon: „Es ist vorbei mit ‚geh raus an die frische Luft‘.“ Da sitzen Menschen drinnen und trauen sich nicht mehr in den Garten. Wegen Kondensstreifen. Das ist Angst, die jemand gezüchtet hat.

Wer es biblisch mag: „Das Schweigen der Kirchturmhähne“ sieht unseren Himmel „geschändet und entehrt“, finanziert von der Oligarchie. Für ein paar Streifen gefrorenen Wasserdampf ein ordentliches Aufgebot.

Und ein Video erinnert daran, dass wir als Kinder ganz andere Wolken gemalt und „nicht nach Gelb, sondern nach Deckweiß“ gefragt haben. Beweisführung abgeschlossen.

Das Umweltbundesamt hält die Chemtrail-Behauptungen für nicht glaubwürdig. Ob ein Kondensstreifen sofort verschwindet oder stundenlang hängt, hängt an Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Aber wozu Atmosphärenphysik, wenn die Tante Erna noch weiß, wie der Himmel 1978 ausgeschaut hat? Erinnerung ist jetzt offenbar ein Messinstrument.

Schumann, HAARP und 6G

Eine Etage höher: die Schumann-Resonanzen. Die gibt es wirklich – das Gemeine an vielen dieser Geschichten ist, dass irgendwo ein echter Begriff drinsteckt. Kaum taucht ein buntes Spektrogramm auf, „atmet das Feld heute anders“, eine Welle rollt durch uns, der Körper erinnert sich an etwas Altes. Aus Physik wird spirituelles Wetter. Dazwischen HAARP, das hier dieselbe Rolle spielt wie der Petersil in der Küche: passt überall drauf.

Dann die Frage, ob heimlich 6G getestet wird und die Leute deshalb Herzstolpern haben. Kleines Problem: 6G gibt es noch nicht. Die ITU arbeitet 2026 noch an den Anforderungen, der Standard zielt auf 2030. Technologie von übermorgen, Nebenwirkungen schon heute. Kommentieren darf man den Beitrag übrigens nicht. Fragen stellen ja, Antworten lieber nicht.

6G und Herzstolpern – Kommentare eingeschränkt
6G und Herzstolpern – Kommentare eingeschränkt

Einen Tag später postet dasselbe Profil in Großbuchstaben: „Wir landen IN KOLLEKTIVEN WAHNVORSTELLUNGEN … ob mit oder ohne haarp“. Da möchte man fast zustimmen. Nur vermutlich aus anderen Gründen.

Newton und das Fluorid

Und dann wurde Newton überführt. Die „Gravitations-Lüge“: Wenn die Schwerkraft die Ozeane hält – wieso fliegen dann Vögel? Schachmatt. Nach Jahrhunderten Physik hat Facebook entdeckt, dass auf einen Körper mehrere Kräfte wirken. Der Vogel erzeugt Auftrieb, die Schwerkraft bleibt. Sonst würde er nach der Landung weiter Richtung Kirchturm schweben. Wir wissen nicht, wann „Das versteh ich nicht“ durch „Also ist es gelogen“ ersetzt wurde. Es war kein guter Tausch.

Zum Drüberstreuen Fluorid: „Zerfrisst Beton und Stahl, gilt aber als sicher zum Schlucken.“ Klingt mächtig, bis einem einfällt, dass es Chemie gibt. Welche Verbindung, welche Konzentration, welche Dosis? Wo Trinkwasser fluoridiert wird, kommt Fluor als konzentrierte Säure ins Wasserwerk – und konzentrierte Säuren tun so etwas. Im Wasser landet rund ein Milligramm pro Liter oder weniger. In Deutschland und Österreich wird Trinkwasser gar nicht fluoridiert. Wer sich in Wien vor fluoridiertem Leitungswasser fürchtet, fürchtet sich vor etwas, das es dort nicht gibt.

Bei der Gesundheit hört sich der Spaß auf

Über Wolken kann man lachen. Bei Medizin wird’s ernst, weil Menschen hier Entscheidungen treffen – für sich und für ihre Kinder.

„Turbo-Krebs“

„Wir haben den allerersten HERZ-KREBS mit einer Tumorverdopplungszeit von nur 10 TAGEN veröffentlicht“, heißt es, und darin sei Pfizer-Impfstoff-DNA gefunden worden. „Smoking Gun.“ „Tatwaffe am Tatort.“ Gesendet bei Lindell TV, dem Sender des US-Kissenunternehmers Mike Lindell, eingedeutscht von Uncut-News, 311 Mal geteilt. In der eigenen Grafik steht klein: „SV40 enhancer: NOT DETECTED“. Der rote Pfeil zeigt derweil auf ein Pfizer-Logo, das jemand auf ein Tumorbild geklebt hat.

Ein ungewöhnlicher Fallbericht kann einen interessanten Befund beschreiben. Dass die Impfung den Krebs verursacht hat, beweist er nicht. Kausalität ist kein Überraschungsei, das aus einer PCR purzelt. Genau das ist die Lieblingstechnik: ein echter Befund, und dann werden alle Schritte zwischen „gefunden“ und „verursacht“ übersprungen.

Das Blut unterm Mikroskop

Dann die Dunkelfeldmikroskopie. Report24: „Prof. Bergholz: Im Dunkelfeldmikroskop sieht man Probleme mit geimpftem Blut.“ 3.296 Likes, 1.266 Mal geteilt. Werner Bergholz ist tatsächlich Professor – für Elektrotechnik. Ein Elektrotechniker, der Blut beurteilt, ist so beruhigend wie eine Hämatologin, die dir den Sicherungskasten verdrahtet. Und die Dunkelfeld-Blutdiagnostik nach Enderlein taugt laut Studien nichts: Verschiedene Auswerter kommen beim selben Präparat zu verschiedenen Ergebnissen. Ein spektakuläres Bild ist keine Diagnose, sonst schicken wir demnächst den Kaffeesud ins Labor. Unter dem Video, wie immer: „Es ist wichtig, dass Sie unsere Arbeit unterstützen.“

Die anonyme Insiderin und das Hausverbot

Noch einfacher geht’s so: „Ex Pharma Mitarbeiterin packt über die Impfung aus.“ Eine ältere Dame in einem Clip von einem anderen Account, darunter ein junger Mann, der sich an die Schläfe tippt, dazwischen: „GUT ZUHÖREN !!!“ 6.605 Likes, 2.597 Mal geteilt. Wer ist die Frau? Wo hat sie gearbeitet, was sagt sie im vollständigen Gespräch? Steht nirgends. Das Etikett „Insiderin“ ersetzt die Prüfung, die Schläfen-Geste das Denken.

Derselbe Account, Selbstbezeichnung „Vitamin D King“, legt nach: Selfie in einer Kinderarztpraxis, „Als ich meinen Kinderarzt nach den Inhaltsstoffen einer Impfung fragte, bekam ich Hausverbot“. Dazu eine Liste von Aluminium bis Erdnussöl. 1.380 Likes, 865 Mal geteilt. Facebook kennzeichnet den Beitrag als KI-Inhalt – das Hausverbot ist also möglicherweise so echt wie die Praxis.

„Hausverbot“ – von Facebook als KI-Inhalt gekennzeichnet
„Hausverbot“ – von Facebook als KI-Inhalt gekennzeichnet

Die Liste wirft zusammen, was je in irgendeinem Impfstoff oder Herstellungsschritt vorkam, und lässt überall die Menge weg. Formaldehyd etwa bildet der Körper selbst, ein Säugling hat ständig mehr davon im Blut, als in einer Impfdosis steckt. Die Fachinformation jedes Impfstoffs ist öffentlich. Und jede Kinderärztin erklärt sie gern. Ohne Hausverbot.

„Aber Nebenwirkungen gibt es doch!“

Dazu ein Sharepic mit Robert F. Kennedy Jr., heute US-Gesundheitsminister: „Der COVID-Impfstoff ist der tödlichste Impfstoff, der je hergestellt wurde.“ Wann und wo er das gesagt haben soll, steht nirgends. Aber selbst wenn: Ein Zitat ist kein Datensatz. Auch nicht von einem Minister.

„Aber Nebenwirkungen gibt es doch!“ Ja. Myokarditis und Perikarditis sind seltene, bekannte Nebenwirkungen der mRNA-Impfstoffe, vor allem bei jungen Männern. Das ist dokumentiert, die Behörden schreiben es selbst dazu. Ein Beitrag zeigt genau so eine Tabelle: Myokarditis, Gesichtsnervlähmung, Hörstörungen, VITT nach Vektorimpfstoffen. Großteils Risiken, die Behörden und Hersteller selbst erfasst und veröffentlicht haben. Die „Enthüllung“ stammt aus genau der Überwachung, die angeblich alles vertuscht.

Darüber: „Die Impfpflicht kommt noch irgendwann … DIE WOLLEN ES.“ Und: „Dummheit tut weh.“ Ja. Eh. Dass eine Nebenwirkung existiert, beweist keinen Plan, keine geheime Impfpflicht, keinen Vernichtungswillen. Risiken zu dokumentieren ist kein Geständnis. Es ist genau das, wofür Arzneimittelüberwachung da ist. Wer „die“ sind? Details.

Erst die Angst, dann das Produkt

Anti Spike für die Kleinen

Weil Angst allein keinen Umsatz macht, gibt’s „Anti Spike“. Ein Nahrungsergänzungsmittel, eingeblendet als Dose im Video. Text: „Anti-Spike auch für Kinder? Bei kleinen Kindern würde ich niemals einfach mit der vollen Erwachsenendosis arbeiten …“ Also nicht die volle Dosis. Nur ein bisschen. Für die Kleinen.

Der Hersteller selbst schreibt: nicht geeignet für Kinder unter 18 Jahren. Laut Etikett drin: NAC, Bromelain, Nattokinase, Kurkuma-, Grüntee-, Ingwer- und Schwarzer-Pfeffer-Extrakt. Vor der Sprecherin steht ein Buch: „Wissen statt Pillen“. Aber bitte Kapseln. Wer so etwas seinem Kind geben will: Bitte vorher mit dem Kinderarzt reden. Nicht mit der Kommentarspalte. Dort steht nämlich schon: „Besser keine Impfung, bleibt es Gesund.“

Das Muster ist immer gleich. Erst erzählt man den Leuten, in ihrem Körper stecke etwas Gefährliches. Dann braucht es „Entgiftung“, „Ausleitung“ oder etwas „gegen das Spike“. Und schau an: Genau dafür gibt es ein Produkt. Angst bringt nicht nur Reichweite. Angst ist ein Markt.

Angst bringt nicht nur Reichweite. Angst ist ein Markt.

Und jetzt das Detail, bei dem uns der Kaffee kalt wurde: Das „Anti Spike“-Video, das Wolken-Video von vorhin, das Frosch-Video und die Blutdruck-Treppe weiter unten stammen alle vom selben Profil. Innerhalb einer Woche: Chemtrails, Blutdruck, Frosch – und zwischendurch eine Kapsel für die Kinder. Das ist kein Zufallsfund. Das ist ein Sortiment.

Seelennamen und Wahlparolen

Es geht auch ohne Kapsel. „AM 2. OKTOBER KÖNNTE ES UNS TREFFEN“, warnt ein Beitrag über einen Sonnensturm – und biegt dann ab zur eigentlichen Frage: Wer bist du eigentlich? Die Antwort gibt es als „persönlichen Seelennamen“ auf 33 Seiten. Man muss nur „SEELE“ kommentieren. Dieselbe Seite liefert auch den Schumann-Tagesimpuls von vorhin, ebenfalls mit „Kommentiere SEELE“. Erst bebt das Feld, dann die Seele, dann die Kassa. Ob ein Sonnensturm die Erde streift, sagen übrigens Weltraumwetterdienste. Im Normalfall heißt das: Polarlichter.

Sonnensturm mit Seelennamen
Sonnensturm mit Seelennamen

Und dann das Profil, das sich als „Mentorin für digitales Marketing“ vorstellt – und gleich daneben als „Verschwörungstheoretikerin mit Stil“. Dort steht: „Wenn Wahlen etwas verändern würden, würden sie uns nicht wählen lassen.“ 1.242 Likes. Ehrlicher kann man ein Geschäftsmodell kaum beschreiben. Fairerweise: Dieselbe Seite nimmt anderswo recht vernünftig das „Märchen vom Osmosewasser“ auseinander. Es geht also. Wenn man will.

Frösche und Blutdruck

Der Frosch

Ein Video kündigt „Neuigkeiten“ zum Rainforest-Alliance-Siegel an, der Frosch wird rot durchgestrichen: „Es wird wild.“ 1.414 Likes, 686 Mal geteilt. Top-Kommentar: „Wir sollten langsam eine Liste erstellen mit dem was wir noch essen können. Ist sicherlich kürzer.“

Leute. Das ist ein Zertifizierungssiegel – für Waldschutz, Lebensbedingungen der Bauern, Umweltstandards. Über Siegel kann man sachlich streiten. Aber früher musste ein Geheimbund wenigstens ein ordentliches Symbol haben. Heute reicht ein Amphibium.

Die Blutdruck-Treppe

Dann der Blutdruck: 1970 galt 160/95 als normal, 1985 140/90, 2003 130/80, heute 120/70. Botschaft: Die Pharma senkt die Zahlen, damit jeder Tabletten schluckt. 4.908 Likes, 1.212 Mal geteilt. Darunter: „Früher hieß es 100 + Alter. Bin 74 Jahre also bitte. Die 120 sind für die Pillen Mafia.“ Nach dieser Formel wären das 174 mmHg. Bei so einem Wert schaut jede Hausärztin sehr ernst.

Auch hier steckt ein wahrer Kern drin. Ende der 1970er galt 160/95 tatsächlich als wichtige Schwelle. Die Grenzen sind gesunken, weil Langzeitstudien zeigten, dass schon mildere Erhöhungen das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt steigern und Behandlung es senkt. Aktuelle US-Leitlinien nennen unter 120/80 normal, ab 130/80 beginnt Bluthochdruck Grad 1. Über Grenzwerte streiten Mediziner ständig, und das ist gut so. Man kann aber auch „PILLEN-MAFIA!“ schreiben. Geht schneller.

Das ist uns wichtig: Wir dürfen nicht selbst so deppert werden, dass wir alles reflexartig für falsch halten, nur weil es aus der falschen Ecke kommt. Fakten bleiben Fakten. Auch wenn der Absender nervt.

Irgendwann kommt immer Bill Gates

Keine Reise durch dieses Paralleluniversum ohne Bill Gates. „Warum ist Bill Gates eigentlich noch nicht im Knast?“ 1.325 Likes.

Ausgangspunkt der jüngsten Welle: Gates warnt in einem Interview, KI könne in den Händen bösartiger Menschen gefährlich werden, bis hin zu Biowaffen. „Heute“ berichtet darüber. Daraus wird „KI-Pandemie??? Was Bill Gates wirklich vor hat!“ – 934 Likes, 438 Mal geteilt. Ein anderer kommentiert den Artikel mit „Billy Boy der alte Philanthrop“.

„Was Bill Gates wirklich vor hat!“
„Was Bill Gates wirklich vor hat!“

Das Muster ist herrlich: Jemand warnt vor einer Gefahr – also plant er sie. Nach dieser Logik müsste man dringend die Feuerwehr durchsuchen.

Die österreichische Ausgabe

Es gibt auch eine österreichische Ausgabe: „Neuer SPÖ-Chef bei den Bilderbergern!“ Dazu Aufnahmen von Gerhard Zeiler und „Sie alle gehören zu einem Klub“. 632 Likes. Kleines Detail: Zeiler ist nicht SPÖ-Chef. Er hat am 25. September angekündigt, Andreas Babler herausfordern zu wollen, und Babler denkt nicht ans Aufhören. Aus „will kandidieren“ wird „neuer Chef“, aus ein paar Sekunden Straßenaufnahme der Klub.

Dengue in Florida

Dann Dengue in Florida. Der Ausbruch ist echt: Pinellas County hat Ende September den Notstand ausgerufen, in der Region Tampa Bay waren 179 lokal übertragene Fälle bestätigt. Weil es früher Projekte mit gentechnisch veränderten Mücken gab und die Gates-Stiftung solche Forschung gefördert hat, titelt Uncut-News: „Erst Gates-finanzierte GMO-Mücken – jetzt Dengue-Notstand in Florida“. Darunter: der Spendenlink. Zwei wahre Informationen nebeneinander ergeben noch keine Ursache. Während wir das schreiben, läuft unser Redaktionskühlschrank. Wir machen ihn trotzdem nicht für Dengue verantwortlich.

Die Wiesn

Und die Wiesn. Heuer gibt es dort tatsächlich einen Impfservice gegen Grippe und Covid. Diesmal stimmt’s. Und die üblichen Verdächtigen drehen durch: „IST DAS EUER ERNST?!“ – „Mass, Brezn … und Corona-Spritze!!!“

Ja. Wer will, lässt sich impfen. Wer nicht will, geht weiter zum Hendlstand. Das Perfide: Niemand wird gezwungen. In den ersten sechs Tagen nutzten laut Stadt München 322 Menschen das Angebot. Ein Kommentator weiß trotzdem Bescheid: „Müssen ihren Stoff los bekommen, bevor er schlecht wird.“ Grippeimpfstoffe werden jedes Jahr neu an die zirkulierenden Viren angepasst. Das ist kein Restposten-Abverkauf. Das ist Saison.

Die meisten Likes holt ein Mann mit Alufolienhut vor dem Riesenrad – ob selbstironisch, lassen wir offen: „Und falls du mal wieder eine dumme Entscheidung getroffen hast: Denk dran, irgendwer steht gerade auf dem Oktoberfest an einer Impfstation.“ 5.831 Likes. Wer eine Impfung für die dümmste Entscheidung des Tages hält, sollte kurz nach oben schauen. Auf den eigenen Hut.

Aluhut vor dem Riesenrad
Aluhut vor dem Riesenrad

Jahrelang wird „Mein Körper, meine Entscheidung“ gebrüllt – und sobald jemand anderer mit seinem Körper anders entscheidet, ist es Gesundheitsdiktatur. Diese Konsequenz muss man erst einmal zusammenbringen.

„Ich frag ja nur“

Viele dieser Beiträge behaupten gar nichts. Sie fragen nur. „Was, wenn 6G …?“ „Warum ist er noch nicht im Knast?“ „Zufall?“ Man legt dem Publikum die Verschwörung vor die Füße und sagt hinterher: Ich hab doch nur gefragt.

Nein. Eine Frage kann eine Behauptung transportieren. Wenn jemand jeden Dienstag postet „Warum versteckt mein Nachbar eigentlich Leichen im Keller?“, glaubt irgendwann wer, dieser Nachbar hat ein Kellerproblem.

Eine Frage kann eine Behauptung transportieren.

Die Edelversion

Die Edelversion heißt „Fehler in der Matrix!?“: ein Gespräch mit Kayvan Soufi-Siavash, Logo „Sehen wahrheit“, und ein Text, der fast nur aus Fragen besteht. „Was, wenn vieles von dem, was wir für selbstverständlich halten, Teil eines Systems ist …?“ Keine einzige prüfbare Behauptung. Nebel mit Tiefgang-Aufkleber.

So geht ehrliches Fragen

Dabei geht ehrliches Fragen ganz einfach. In einer Nachtfoto-Gruppe zeigt jemand einen bunten Lichtfleck über einer Straße in Thüringen und fragt sinngemäß: Kann mir jemand sagen, was das ist? (Facebook kennzeichnet das Bild als KI-Inhalt – auch das wäre schon eine Antwort.) Ein anderer filmt einen Ring über den Bäumen und fragt mit einem „lol“ dahinter, was da über seinem Haus schwimmt. Kein Großbuchstabe, kein „Zufall?“. So sieht eine echte Frage aus: Man will die Antwort wissen. Bei „Ich frag ja nur“ steht sie schon fest.

Das eigentliche Problem steht in den Kommentaren

Was uns wirklich grantig macht, sind nicht die Beiträge. Es ist das, was darunter passiert. Tausende drücken „Gefällt mir“, teilen, schreiben „Endlich sagt’s wer“. Dabei wären viele dieser Behauptungen mit zwei Minuten Recherche prüfbar. Stattdessen ersetzen drei Rufzeichen die Quelle, ein roter Pfeil den Beweis und 6.605 Likes offenbar die Schule.

Unter einem unserer Beiträge hat das jemand besser zusammengefasst, als wir es könnten: „Da treten ganze Heerscharen zur Idiotenzählung an, und wenn man fragt, wen wollt ihr überzeugen, bekommt man entweder keine oder eine blöde Antwort.“ Und weiter: Was bringt Menschen dazu, sich derart bloßzustellen und in die Welt hinauszuplärren: „Schaut’s alle her, wie fetzendeppert ich bin, ist das nicht großartig?!“

Wir würden gern sagen: Die Leute sind deppert. Stimmt aber nicht. Bildung hilft, aber ein Uni-Abschluss schützt nicht vor Blödsinn. Menschen glauben hervorragend, was zu dem passt, was sie eh schon glauben. Wer überzeugt ist, dass „die Pharma“ böse ist, findet jede schlechte Nachricht über Impfstoffe sofort glaubwürdig. Das gilt übrigens auch für uns Faktenchecker: Gerade bei „Na klar, genau so sind die“ muss man doppelt hinschauen.

Dazu kommt: Öffentlicher Blödsinn kostet nichts mehr. Früher kam vom Nebentisch irgendwann ein „Geh bitte“. Heute findet man in Sekunden 20.000 Leute, die gemeinsam „Geh bitte“ zur Realität sagen. Eine Korrektur wird gleich mit eingebaut: Die Medien widersprechen? Eh klar. Die Behörden? Jetzt weiß man erst recht, dass was dran ist. Ein Weltbild mit eingebautem Airbag gegen Fakten.

Und die Plattformen belohnen den Schmarrn. Empörung produziert Aufmerksamkeit wie eine Leberkässemmel Fettflecken. „Der Forschungsstand lässt diesen Schluss nicht zu“: gähn. „SIE VERGIFTEN UNS!!!“: Klick. Ein Like macht nichts wahr. Aber er sieht aus, als hätte die Behauptung Gewicht.

Köder für den Algorithmus

Manche helfen dem Algorithmus ganz offen nach. „Kommentier mit ‚Code‘, wenn du Zugang zu verborgenem Wissen erhalten möchtest.“ „Kommentiere SEELE.“ „Schreib ohne Fehler APOKALYPSE in den Chat.“ Jeder Kommentar sagt der Plattform: Zeig das mehr Leuten. Was drinsteht, ist egal.

Das „Code“-Posting behauptet, sieben Prominente seien „nach Illuminati-Ritualen gestorben“, darunter Whitney Houston, Avicii und Chris Cornell. 1.367 Likes. Das sind echte Menschen mit echten Familien, deren Tod hier zum Rätselspiel für Reichweite wird. Da hört sich bei uns jedes Augenzwinkern auf.

Der beste Kommentar unter der „APOKALYPSE“ kommt dafür von einem Herrn mit klaren Prioritäten: „Apokalypse, ich mache da nicht mit, ich kauf mir die Bratwurst selber.“ Endlich einer mit Haltung.

Andere sprechen die Maschine direkt an: „Lieber Algorithmus, zeig das jeder Frau, die PCOS heilen will.“ Darüber eine Liste, die Menstruation auf Gleichungen reduziert: „Krämpfe = Entzündung“. Medizin als Ankreuzzettel, adressiert an eine Maschine. Die versteht davon wenigstens auch nichts.

Wos is mit euch?

Wir tragen das Wissen der Menschheit in der Hosentasche. Und was machen wir damit? Wir fotografieren eine Nebensonne und nennen sie Krieg. Wir sehen einen Frosch auf dem Müsli und fürchten Bill Gates. Wir rechnen aus, wie viel „Anti Spike“ ein Kind verträgt, obwohl sogar der Hersteller sagt: nicht für Kinder. Wir sehen einen Vogel fliegen und erklären Newton für überführt.

Wir bei Mimikama bleiben weiter ruhig. Behauptung, Quelle, Erklärung, Fazit. Aber es ist nicht harmlos, wenn jede wissenschaftliche Erkenntnis zum Verdacht wird. Nicht harmlos, wenn Menschen wegen erfundener Ängste Produkte kaufen, medizinische Entscheidungen treffen oder sich nicht mehr in den Garten trauen. Und nicht harmlos, wenn jeder Widerspruch automatisch als Teil der Verschwörung gilt.

Man darf auch sagen: Das ist Blödsinn. Nicht, weil uns eine Meinung nicht passt. Sondern weil die Behauptung überprüfbar ist und die Belege fehlen oder ihr widersprechen.

Also: Wos is mit euch? Wann wurde aus „Ich hab keine Ahnung“ ein „Ich erklär’s jetzt 40.000 Leuten“? Und wann wurde es uncool, einfach zu sagen: „Keine Ahnung. Ich schau nach.“

Dieser Satz wäre eine der stärksten Waffen gegen Desinformation. Er klingt nur nicht viral. „DIE WAHRHEIT WIRD EUCH SCHOCKIEREN!!!“ schon.

Derselbe Kommentar endet mit einem Satz, den wir uns ausborgen müssen:

Die Menschheit wird nicht an der KI, der Künstlichen Intelligenz, zugrunde gehen, sondern an der NB, der Natürlichen Blödheit.

Solange das so ist, erklären wir weiter Kondensstreifen, rehabilitieren Frösche und verteidigen Newton posthum gegen Facebook. Meistens nüchtern.

Und manchmal eben mit einem sehr österreichischen: Geh bitte.

Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
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Dr. Heinrich Krämer
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