Florian Wirtz spielt Serbien schwindelig: Der Liverpool-Star ragt beim ersten Sieg von Bundestrainer Jürgen Klopp heraus und ist an beiden Toren beteiligt. Bei einer Frage zu Wirtz reagiert Klopp indes genervt.
Die Frage war noch nicht mal ausformuliert, da ließ Jürgen Klopp die Journalisten in der Münchner Arena bereits wissen, was er von ihr hält: nichts. Es ging um Florian Wirtz und unausgesprochen um Joshua Kimmich. Der Fragensteller hatten wissen wollen, ob es für den Liverpooler leichter sei, im DFB-Zentrum mit den Bayern-Himmelsstürmern Aleksandar Pavlovic und Tom Bischof zu spielen, als mit – unausgesprochen – Kimmich, der ja sonst der Platzhirsch im deutschen Maschinenraum ist.
Klopp gönnte sich drei Sekunden, atmete tief durch, und bellte ganz sanft und lächelnd zurück: „Es ist so ein schöner Abend und ihr wollt ein Thema aufmachen, das kein Thema ist.“ Florian Wirtz, sagte der Bundestrainer nach seinem ersten Sieg im nun schon dritten Spiel, einem mitreißenden 2:0 in der Nations League gegen allerdings auch sehr schwache Serben, brauche nicht bestimmte Spieler, die mit ihm zusammen auf dem Platz stehen. Florian Wirtz und die Art wie Klopp mit seinem DFB-Team Fußball spielen lassen möchte, das passe einfach. Klopp verteidigte so nicht nur den seit Monaten um Leichtigkeit ringenden Spielmacher, sondern auch den abwesenden Kimmich.
Klopp schiebt Kimmichs Fuß aus der Tür
Der Kapitän hatte nicht wahrhaben wollen, dass er nicht Teil von „Kader II“ ist. Kimmich will immer spielen. In der Nationalmannschaft, mit der er so viele Enttäuschungen erlebt hat, gilt das noch mehr als mit dem FC Bayern. Aber Klopp schob gnadenlos den Fuß des Spielers aus der Tür. Der hatte ihn mehrfach reingestellt, als Versuch sich doch in den zweiten DFB-Kader zu mogeln. Aber Klopp wollte sehen, wie die Mannschaft ohne den Anführer funktioniert. Und das tat sie prima. Die sich leise, aber schnell breitmachende Diskussion um die Rolle des Leaders würgte Klopp aber ab und tadelte die Journalisten präventiv: „Und am Ende wird’s ne Kimmich-Geschichte. Das kriegt ihr ja hin.“
Der Bundestrainer wollte nicht über die reden, die nicht da waren. Keine Spekulationen befeuern, die kaum Nährboden haben. Es geht ohnehin alles viel zu schnell. Lag die DFB-Welt am Sonntag wieder einmal in Schutt und Asche, ist sie nun rosarot. Weder das eine noch das andere offenbart die ganze Wahrheit über den Zustand des Teams, das mehr Castingtruppe ist als Kern-Nationalmannschaft.
Endlich wieder ein Topleistung im Re-Call
Einer der dringend mal wieder eine Leistung hinterlegen wollte, um per Re-Call über die nächsten Live-Show des DFB-Teams im November berufen zu werden, war Wirtz. Sein letztes überzeugendes Länderspiel war schon über ein halbes Jahr her. Am 27. März machte er die Fußball-Welt gegen die Schweiz verrückt. 4:3 gewann Deutschland, Wirtz war an allen Toren beteiligt. Zweimal traf er, zwei weitere Tore bereitete er vor. Da war er wieder, der Weltklassefußballer, der Unterschiedsspieler, der beim FC Liverpool so sehr um große Momente kämpft. Um dann schnell wieder abzutauchen.
Klopp-Ansprache „zündete“ Gnabry an
Zwei fantastische Momente gegen Serbien
Mit der Nationalmannschaft geriet Wirtz bei der WM schwer in Seenot und konnte dem Team zu keiner Zeit Stabilität geben. Der Wirtz, der 2024 noch ein „Wusiala“ war, war nirgends zu sehen. Bemüht, aber untauglich in seinen Mitteln. Als hätte jemand den Schrank mit seinen Qualitäten verschlossen und den Schlüssel weggeworfen.
An diesem Donnerstagabend brachte sich Wirtz der Welt wieder in Erinnerung. Als herausragender Fußballer, der einer sinnsuchenden Mannschaft Hilfe und Kraft gibt, der sie in der Offensive trägt. Und das mitten in der Debatte um fehlende Unterschiedsspieler und deutsche Mittelmäßigkeit. Nach zögerlichem Beginn wurde der 23-Jährige immer besser. Die Führung leitete er mit einer technisch feinen Aktion und einem Pfostenschuss ein. Und das 2:0 erzielte er mit einer genialen Ballmitnahme. Klopp war erleichtert, Wirtz war erleichtert, München war erleichtert.
Klopp schickt Grüße an seinen Ex-Verein
Um das zarte Pflänzchen der Hoffnung nicht direkt wieder aus der Erde zu reißen, braucht Wirtz schon am Sonntag die nächste Top-Leistung. Dann geht es zur „Revanche“ nach Griechenland (ab 19.05 Uhr live bei RTL, Anstoß 20.45 Uhr und im Liveticker bei ntv.de). In Augsburg hatte die „goldene Generation“ der „To Piratiko“ das Heim-Debüt von Klopp gecrasht. In Thessaloniki wartet nicht nur eine tolle Fußball-Mannschaft, sondern auch ein emotionales Publikum. Für das junge deutsche Team und Klopp ein harter Realitätscheck, eine Prüfung der eigenen Lernfähigkeit und die Chance, die „Mittelmaß“-Debatte mit einem nächsten Ausrufezeichen (vorerst) wieder verstummen zu lassen.

„Wirklich gute Energie“ seiner „Gruppe“ begeistert Klopp
„Ich glaube, dass in Liverpool alle sehr, sehr happy sind mit der Performance“, sagte der Bundestrainer und schickte Grüße an seinen Ex-Klub, der mit 130-Milionen-Mann Wirtz bislang auch in der zweiten Saison noch nicht warm geworden ist. „Ich glaube, so viele Engländer und Liverpool-Fans haben noch nie ein Spiel von uns geguckt. Und sie werden großen Spaß gehabt haben.“ Das spiegelte auch sofort das Medienecho auf der Insel wieder: Die BBC nannte Wirtz „durchweg imponierend“, das „Liverpool Echo“ sprach von einem „Boost“, der ein „Sprungbrett“ für ähnliche Glanzstücke im Klub sein könnte.
Klopp hatte schon in den Tagen vor dem Serbien-Spiel auf die herausragende Bedeutung von Wirtz hingewiesen – und durfte sich in seiner Experte bestätigt fühlen. „Wir haben einen Jungen gesehen, der sprüht vor Spielfreude, was schon mal das Allerwichtigste ist, der bretthart gearbeitet hat“, sagte der Bundestrainer. Nach der Pause und der Auswechslung von Serge Gnabry durfte Wirtz sein Team auch noch mit der Kapitänsbinde anführen. „Es war natürlich wichtig, mal wieder zu gewinnen, auch einfach für den Spirit in der Mannschaft“, sagte Wirtz gelassen: „Und es war auch so ein Zeichen nach außen, dass wir gute Fußballer und auch eine gute Fußballnation sind.“
Gnabry staunt: „Wahnsinn“
Völlig entzückt waren seine Teamkollegen: „Wahnsinn“, sagte Bayern-Star Gnabry zum Auftritt von Wirtz. Der berichtete, was Klopp ihm auf den Weg mitgegeben hatte. „Dass ich wieder den Fußball spiele, den man von mir gewöhnt ist“, sagte er. Zugehört und umgesetzt. „Es geht auf jeden Fall in die Richtung“, sagte Wirtz aber dennoch etwas vorsichtig. Das umformierte Mittelfeld mit dem jungen Münchner Duo funktionierte mit dem wieder in Dienst gestellten Ausnahmefußballer herausragend. „Er ist ein brutaler Spieler“, sagte Bischof über Wirtz. „Der versteht den Fußball, hat so viel Ahnung.“

Wirtz tanzt im Chancenfeuer: DFB-Elf wie ausgewechselt
Eine Auferstehung war die erneute Gala von München indes (noch) nicht. Bei der Heim-EM hatte er an gleichem Ort per Direktabnahme von der Strafraumkante den Führungstreffer beim 5:1 gegen Schottland erzielt. Es war die Geburtsstunde von „Wusiala“ (Anmerk. d. Red.: Superduo mit Jamal Musiala). Wirtz selbst bremste den wieder entfachten Blitz-Hype, nahm seine aufsteigende Form aber durchaus selbstbewusst zur Kenntnis: „Ja, geht auf jeden Fall in die Richtung“, sagte er und betonte: „Die Spieler um mich herum haben es mir auch einfach gemacht.“ Kimmich war nicht dabei, er schaute 90 Minuten live zu. Aber Obacht, das ist eine andere Story (später auf ntv.de).
Verwendete Quelle: ntv.de
