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Ex-BND-Chef festgenommen: Das ist über den Fall August Hanning bekannt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerOktober 6, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Ex-BND-Chef festgenommenDas ist über den Fall August Hanning bekannt

August Hanning kommt am 02.10.2015 im Bundestag in Berlin als Zeuge zum NSA-Untersuchungsausschuss. (Foto: picture alliance / dpa)

Es ist ein beispielloser Fall in der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes: Ex-BND-Präsident August Hanning steht unter anderem unter dringendem Verdacht des versuchten Landesverrats und der geheimdienstlichen Agententätigkeit. Wie kamen die Ermittlungen ins Rollen und welche Reaktionen kommen aus der Politik? Dazu Fragen und Antworten.

Was ist passiert?

August Hanning, früherer Präsident des deutschen Auslandsgeheimdienstes, ist am Morgen im Kreis Steinfurt in Nordrhein-Westfalen unter Spionageverdacht festgenommen worden – zeitgleich mit der Festnahme seines ehemaligen Büroleiters Manfred D. im bayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, wie der Generalbundesanwalt in Karlsruhe mitteilte. Der 80-jährige Hanning steht unter anderem unter dringendem Verdacht des versuchten Landesverrats und der geheimdienstlichen Agententätigkeit, Manfred D. wird Beihilfe vorgeworfen.

Nach Informationen von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ geht es bei den Vorwürfen nicht um Russland. Eine Sprecherin des Generalbundesanwaltes wollte sich auch auf Nachfrage nicht dazu äußern, für welchen ausländischen Dienst oder für welches Land Hanning tätig gewesen sein soll. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dürfte es sich unter anderem um Geschäftspartner Hannings aus seiner Beratertätigkeit beispielsweise aus der Region Zentralasien handeln. Ein Sprecher der Bundesregierung wollte die Festnahmen wegen der laufenden Ermittlungen nicht kommentieren.

Was wird Hanning und seinem Ex-Mitarbeiter vorgeworfen?

Nach dem Stand der Ermittlungen soll sein ehemaliger Büroleiter Manfred D. – der weiterhin für den BND tätig war – Hanning bis Juni 2022 annähernd 2000 Dokumente zur Verfügung gestellt haben. Darunter seien oft als Verschlusssache eingestufte Informationen gewesen, die ausschließlich für interne BND-Aufgaben bestimmt waren.

Das Material diente laut Bundesanwaltschaft der Unterrichtung und Vorbereitung der BND-Leitung für die sogenannte ND-Lage (Nachrichtendienstliche Lagebesprechung), einem regelmäßigen, oft wöchentlichen Treffen von Spitzenbeamten verschiedener Ministerien und Sicherheitsbehörden im Kanzleramt.

Hanning war von Dezember 1998 bis Ende November 2005 BND-Präsident, Manfred D. war damals sein Büroleiter. Laut Bundesanwaltschaft soll dieser Hanning zwischen Dezember 2005 und November 2009 als Assistent ins Bundesinnenministerium gefolgt sein, wo Hanning Staatssekretär war. Im Anschluss wechselte Hanning in die Privatwirtschaft und arbeitete als Sicherheitsberater.

Manfred D. arbeitete laut Bundesanwaltschaft zwischen März 2012 bis März 2026 erneut für mehrere BND-Präsidenten als Büroleiter. In dieser Funktion habe er Zugriff auf geheimhaltungsbedürftige Informationen gehabt. Nach dpa-Informationen ist Manfred D. mittlerweile pensioniert.

Um welchen Zeitraum geht es?

Hanning und Manfred D. sollen laut Bundesanwaltschaft vermutlich bereits im Frühjahr 2010 vereinbart haben, dass der Ex-Büroleiter Hanning gegen Bezahlung fortlaufend wertvolle BND-Erkenntnisse besorgen solle. Diese Infos soll Hanning gewinnbringend bei seiner Beratertätigkeit verwertet haben. Trifft das zu, hätte Hanning über einen Zeitraum von möglicherweise mindestens zwölf Jahren über Informationen verfügt, die ausschließlich für BND-interne Angelegenheiten gedacht waren.

In einem Fall soll Hanning laut Bundesanwaltschaft Informationen auch verwendet haben, um für Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes eine Analyse zu erstellen. Ob diese den Adressaten erreicht habe, sei bislang nicht festzustellen gewesen. Zudem soll Hanning über Jahre in engem Austausch mit einem Angehörigen eines anderen Nachrichtendienstes gestanden und diesen mit politischen Informationen versorgt haben, die teilweise auf das von Manfred B. übermittelte Material zurückgingen.

Was ist über Hannings Beratertätigkeit bekannt?

Hanning hatte sich nach seiner Arbeit bei BND und in der Bundesregierung als Politikberater engagiert. Bei der im schweizerischen Luzern gemeldeten Pluteos AG firmiert er beispielsweise als Präsident des Verwaltungsrats. Unter Hannings „Kompetenzen“ wirbt das Unternehmen damit, dass dieser „ein renommierter Staatsbediensteter“ und ehemaliger BND-Präsident sei.

Über Pluteos heißt es im Internetauftritt des Unternehmens, man sei eine „Gruppe von Intelligence- und Sicherheits-Experten auf Weltniveau“, die sich zusammengetan habe, „um nach den kompromisslosen Qualitätsstandards der Schweiz und unter Einsatz ihrer enormen Erfahrung und großem Kontaktnetz unabhängige Beratung, Unterstützung und Integration anzubieten“.

Wie kamen die Ermittlungen ins Laufen?

Eine Querverbindung der aktuellen Spionagevorwürfe gegen Hanning gibt es laut Bundesanwaltschaft zum Fall Block. „Das Verfahren geht auf Funde aus einer Durchsuchung beim Beschuldigten Hanning zurück, welche die Staatsanwaltschaft Hamburg im Rahmen von Ermittlungen gegen Christina Block und andere im September 2025 vollzogen hat“, teilte der Generalbundesanwalt mit. „Der Vorgang wurde Anfang Mai 2026 der Bundesanwaltschaft zur Übernahme vorgelegt.“

Die Hamburger Unternehmerin Christina Block ist angeklagt, nach einem erbitterten Sorgerechtsstreit eine israelische Sicherheitsfirma damit beauftragt zu haben, ihre damals 13-jährige Tochter und den zehnjährigen Sohn Silvester 2023/24 vom Wohnort des Vaters in Süddänemark nach Deutschland zu entführen. Die 53-Jährige beteuert in einem Prozess vor dem Landgericht Hamburg ihre Unschuld.

Gut ein Jahr vor der Rückholaktion der Kinder soll es bereits einen gescheiterten Entführungsversuch gegeben haben. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hatte im Herbst 2025 mitgeteilt, dass sie wegen des Vorfalls im Jahr 2022 gegen Hanning und einen pensionierten Beamten des Landeskriminalamts Hamburg ermittelt. Hanning hatte die Vorwürfe über seinen Anwalt bestritten.

Welche Reaktionen gibt es aus der Politik?

Der Grünen-Innenpolitiker Konstantin von Notz zeigte sich schockiert. „Das ist eine eisenharte und abgründige Geschichte, wir erwarten eine zügige und vollständige Aufklärung der ungeheuerlichen Vorwürfe“, sagte von Notz, der auch Mitglied im Bundestagsgremium zur Kontrolle der Geheimdienste (PKGr) ist, dem „Spiegel“. „Die dubiosen und vielfältigen Lobbytätigkeiten ehemaliger Spitzenbeamter und höchster Geheimnisträger der Bundesrepublik kritisieren wir seit Jahren.“ Dem „Spiegel“-Bericht zufolge forderte er konkret, früheren Geheimnisträgern solche Tätigkeiten nach ihrer Amtszeit zu verbieten.

Die Fraktionschefs der SPD- und CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch und Thorsten Frei, äußerten sich entsetzt und forderten Aufklärung. Frei sprach von einer „verstörenden Nachricht“. Mit Blick auf die Beratung im Parlament über die Geheimdienste-Reform fügte er hinzu, man werde von überall her angegriffen. Die Reform sei dringend nötig. Miersch sprach von einem „alarmierenden Vorgang“. Er forderte eine Debatte über Karenzzeiten von ausscheidenden Geheimdienst-Mitarbeitern. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete und Geheimdienstkontrolleur Daniel Baldy forderte schärfere Regeln für ehemalige Spitzenkräfte der Nachrichtendienste. Wer als BND-Präsident oder in einer anderen sicherheitsempfindlichen Funktion tätig gewesen sei, dürfe anschließend nicht in einer privaten Beratungsfirma arbeiten.

Die stellvertretende Linken-Fraktionschefin Clara Bünger sagte, die Ermittlungen gegen Hanning zeigten erneut, dass die Geheimdienste selbst ein Sicherheitsrisiko seien. Das wisse man nicht erst seit den Verstrickungen des Verfassungsschutzes in die Mordserie der Neonazi-Terroristen vom NSU.

Was bedeutet der Fall für den BND?

Für den neuen BND-Präsidenten Martin Jäger, der das Amt im September 2025 von seinem langjährigen Vorgänger Bruno Kahl übernommen hatte, dürfte der Fall Hanning die erste große Bewährungsprobe sein. Im BND waren, direkt nachdem der Dienst über den Umweg der Durchsuchung im Block-Verfahren Kenntnis über ein mögliches Leck erhalten hatte, „frühzeitig und unverzüglich umfangreiche interne Ermittlungen“ eingeleitet worden, die den Verdacht erhärtet hätten, erklärte Jäger. Der Generalbundesanwalt habe die Ermittlungen übernommen.

„Für den BND und mich gibt es bei der internen Sicherheit keine Kompromisse“, betonte Jäger. Er fügte hinzu: „Keines meiner Ziele, keine meiner Prioritäten werden durch diesen Vorgang in Frage gestellt.“ Jäger arbeitet daran, dass der Dienst operativer als früher arbeiten und etwa auch gegen Cyberattacken ausländischer Dienste selbst vorgehen kann. Der Präsident hatte die BND-Belegschaft am Vormittag direkt nach den Festnahmen informiert.

Welche früheren BND-Skandale gab es?

Auch wenn der Spionageverdacht gegen Hanning den bislang wohl prominentesten BND-Fall betrifft: In der Vergangenheit gab es immer wieder Skandale und Affären bei dem Dienst. So soll der damalige Mitarbeiter Carsten L. 2022 mit einem Komplizen interne Dokumente an den russischen Geheimdienst FSB weitergegeben haben. Der Prozess wegen besonders schweren Landesverrats dauert an.

Hanning selbst räumte 2005 ein, dass BND-Mitarbeiter jahrelang Journalisten ausspioniert hatten, um undichte Stellen aufzuspüren. 2014 flog zudem der BND-Mitarbeiter Markus R. als CIA-Quelle auf. Er hatte über Jahre mehr als 200 teils streng geheime Dokumente weitergegeben und wurde 2016 zu acht Jahren Haft verurteilt.

Quelle: ntv.de, are/dpa/rts

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