Springt Deutschland jetzt ab?
Bundesregierung könnte Russlands WM-Start noch verhindern
Nach der Zulassung der russischen Nationalmannschaft steht die Eishockey-WM 2027 in Deutschland auf der Kippe. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Warum erwägt der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) eine Rückgabe der Heim-WM? Mit der Zulassung der russischen Nationalmannschaft durch den Internationalen Sport-Gerichtshof (CAS) verändert sich das Turnier vom 14. bis 30. Mai 2027 für den DEB völlig: Die Gruppeneinteilung, der Spielplan, die gebuchten Unterkünfte sind mit der Entscheidung hinfällig. Das gilt auch für viele der bereits verkauften Karten, es kommen enorme Mehrkosten auf den Verband als Ausrichter zu – auch in Sicherheitsfragen.
Wie wird Russland in die WM integriert? Das ist die große Frage, die der Weltverband mit seinem neuen Präsidenten Franz Reindl am Montag und Dienstag beantworten muss. Weil die IIHF Russland nach dem Beginn des Angriffskrieges in der Ukraine nur suspendiert, aber nicht ausgeschlossen hat, ist der 27-malige Weltmeister kurioserweise eigentlich Weltranglistenerster und somit für die Top-Division, die in Gelsenkirchen, Düsseldorf und Mannheim ausgespielt wird, gesetzt. Da die Russen 2022 Dritter waren, bekamen sie in den folgenden Jahren jeweils gemäß dieser Platzierung Punkte – und haben damit inzwischen mehr als die Schweiz, die offiziell das Ranking anführt.
Wird die WM aufgestockt? Eine Möglichkeit wäre, das Teilnehmerfeld von 16 auf 17 zu erhöhen. Dann gäbe es aber in einer der beiden Vorrundengruppen mehr Spiele. Die andere Variante hieße: Ein Aufsteiger müsste für Russland weichen – das wäre ausgerechnet die Ukraine. Bei der U18-WM hat die IIHF so gehandelt, als Belarus wieder aufgenommen wurde und der Aufsteiger Schweiz zweitklassig blieb.
Was passiert mit dem Spielplan? Sollten die Gruppen wie üblich gemäß Weltrangliste neu zusammengestellt werden, müsste die deutsche Mannschaft in der Vorrunde gegen Russland spielen. Außerdem käme es nicht zum Duell mit der Schweiz, das als Eröffnungsspiel auf Schalke vorgesehen und schon weitgehend ausverkauft ist. Der DEB könnte die Gruppe wechseln, hätte dann aber deutlich stärkere Gegner. Auch das attraktivste Vorrundenspiel in Düsseldorf zwischen Kanada und den USA fände nicht statt.
Könnte die Bundesregierung eine Teilnahme Russlands verhindern? Theoretisch ja. Sie könnte die Einreisevisa mit Verweis auf die Sanktionen gegen Russland verweigern. Das tat sie aber in anderen Sportarten bisher nicht: Bei der WM der Rhythmischen Sportgymnastik in Frankfurt/Main waren ebenso russische Athletinnen am Start wie bei der Junioren-EM im Schwimmen in München oder dem Para-Ski-Weltcup. Ein Sprecher betonte auf Anfrage zwar „eine einheitlich restriktive Visumpolitik gegenüber Russland“, sagte aber auch, dass „für kurzfristige Aufenthalte unter sehr engen Voraussetzungen“ Einreisen erlaubt würden.
Spielt die deutsche Olympiabewerbung eine Rolle? Natürlich. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat die Rückkehr Russlands unter eigener Flagge für die Spiele 2028 angekündigt und für alle anderen Wettkämpfe empfohlen. Sollte sich Deutschland dagegenstellen, würden die Aussichten auf die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 drastisch sinken. Dass die Regierung dieses Risiko eingeht, ist unwahrscheinlich.
Was sagen die anderen WM-Teilnehmer? Gerade im Eishockey ist der Widerstand gegen Russlands Rückkehr groß. Nach dem CAS-Entscheid wurde sofort über Boykotte diskutiert – Schweden, Finnland oder Tschechien schlossen dies aber weitgehend aus, auch weil sie dann absteigen müssten. Ein Sonderfall ist Lettland: Ein Gesetz verbietet es, gegen russische Mannschaften anzutreten. Kanada kündigte an, dem russischen Team für die U20-WM vom 26. Dezember bis zum 5. Januar die Einreise zu verweigern.
Welche Lösung könnte es geben? Am Ende dürfte es eine Frage des Geldes sein. Die zusätzlichen Kosten, die dem DEB entstehen, würden den eingeplanten WM-Gewinn deutlich verringern, wenn nicht sogar komplett auffressen. Vorstandschef Frank Lutz führt in dieser Woche in Berlin Gespräche, dabei dürfte es auch um zusätzliche Kosten für die Sicherheit gehen, denn traditionell sind bei Spielen der Sbornaja in Deutschland Tausende russische oder russischstämmige Fans auf den Rängen.
Die IIHF könnte für die Extra-Logistik-Kosten etwa durch Hotelumbuchungen oder Ticketumtausche aufkommen, denn der Vermarkter Infront hat bislang mehrere Millionen Euro wegen geringerer Werbeeinnahmen ohne Russland zurückgehalten. Er müsste seine Zahlungen nun wieder erhöhen.
Verwendete Quellen: ntv.de, tno/sid
