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Tanker fahren im Dunkeln: Wie viel Öl gelangt tatsächlich durch die Straße von Hormus?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 14, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Tanker fahren im DunkelnWie viel Öl gelangt tatsächlich durch die Straße von Hormus?

14.08.2026, 14:58 Uhr Von Jan Gänger
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Spuren des Tankerverkehrs an der Küste des Iran. (Foto: AP Photo/Amirhosein Khorgooi)

Die US-Regierung meldet überraschend hohe Öltransporte durch die Straße von Hormus. Die erfassten Schiffsbewegungen sprechen zwar für deutlich geringere Mengen. Doch es gibt Hinweise darauf, dass die Meerenge durchlässiger ist, als es scheint.

Auf den ersten Blick deutet wenig darauf hin, dass sich die Lage in der Straße von Hormus entspannt hat. Tanker werden weiter angegriffen, und der Schiffsverkehr bleibt eingeschränkt. Auf den verfügbaren Satellitenbildern ist zu erkennen: Die Zahl der Ölteppiche in der Straße von Hormus nimmt von Tag zu Tag zu. Sie sind ein Zeichen dafür, dass der Iran Tanker attackiert, um die Meerenge zu schließen. Zugleich zeigen sie, dass die USA versuchen, sie offenzuhalten – und offenbar mehr Öl durch die Straße transportiert wird als vermutet.

Unklar ist, wie viel Öl die Region per Schiff verlässt. US-Energieminister Chris Wright behauptet, es seien fast neun Millionen Barrel pro Tag – „dank der koordinierten Bemühungen des US-Militärs und unserer Verbündeten am Golf“. Außerdem würden täglich zusätzlich fünf bis sieben Millionen Barrel die Region über neu ausgebaute Pipelines und Exportanlagen verlassen. Im Schnitt würden 15 Millionen Barrel pro Tag exportiert.

Wenn Wrights Zahlen stimmen, haben die Exporte rund 75 Prozent des Volumens vor Beginn der US-israelischen Angriffe auf der Iran erreicht. Das würde bedeuten, dass der Ölmarkt bei Weitem nicht so angespannt ist, wie viele Analysten befürchten. Doch Wrights Zahlen stimmen nicht mit den Angaben der Anbieter überein, die Schiffsbewegungen verfolgen. Diese kommen derzeit auf lediglich vier bis fünf Millionen Barrel pro Tag.

Wer näher an der Wahrheit liegt, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen. Vor dem Krieg ließ sich der Tankerverkehr durch die Straße von Hormus recht zuverlässig verfolgen. Die Schiffe sendeten laufend ihre Position. Doch inzwischen haben nahezu alle Tanker ihre Signale abgeschaltet. Verschwand ein Tanker vor den Angriffen vom Radar, ließen sich die Positionslücken oft durch hochauflösende Satellitenbilder schließen, die von mehreren Unternehmen nahezu in Echtzeit zur Verfügung gestellt wurden. Doch die meisten Anbieter stellen solche Aufnahmen auf Druck der US-Regierung nicht mehr zur Verfügung.

Damit bleiben zur Beobachtung der Meerenge der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge im Wesentlichen zwei Satelliten der Europäischen Union, die nur alle drei bis fünf Tage eine Aufnahme machen. Da bekannt ist, wann die Satelliten die Region überfliegen, kann das Verladen in den Häfen so angepasst werden, dass sie nicht von den Satelliten erfasst werden. Hinzu kommt, dass Öl inzwischen häufig auf hoher See von einem Tanker auf einen anderen umgeladen wird, mitunter mehrmals. Das dient dazu, die Herkunft des Öls und seinen weiteren Transportweg zu verschleiern.

Öl weniger teuer als befürchtet

Zwischen den öffentlich nachvollziehbaren Ölströmen und den Angaben der US-Regierung klafft eine Lücke von mehreren Millionen Barrel pro Tag. Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Wright könnte recht haben, und den Trackingdiensten tatsächlich verdeckte Transporte entgehen. Genau das führt der Energieminister als Begründung an. Tatsächlich dürfte die US-Regierung über einen Informationsvorsprung verfügen: Das US-Militär beobachtet den Verkehr durch die Meerenge von Hormus genau. Bloomberg weist außerdem darauf hin, dass Marktbeobachter das Ausmaß der verdeckten Transporte bereits in der Vergangenheit unterschätzt hatten. Würde auch nur ein einziger Supertanker pro Tag unentdeckt bleiben, würde das die verschiffte Ölmenge um rund zwei Millionen Barrel erhöhen.

Denkbar ist aber auch, dass das Energieministerium zwar von der Richtigkeit seiner Zahlen überzeugt ist, dabei jedoch Transporte falsch erfasst. Die Nachrichtenagentur Reuters hält Doppelzählungen für möglich, die auftreten können, wenn Öl auf hoher See von einem Schiff auf ein anderes umgeladen wird.

Hinzu kommt: Die verdeckten Passagen finden häufig in Konvois statt. Mehrere Tanker verlassen Hormus also innerhalb kurzer Zeit, bevor der Verkehr wieder abebbt. Wright stützt seine Angaben auf einen Sieben-Tage-Durchschnitt. Je nachdem, wie viele solcher Konvois in diesen Zeitraum fallen, kann dieser Wert ein verzerrtes Bild vermitteln.

Und schließlich besteht auch noch die Möglichkeit, dass Wright weiß, dass seine Zahlen nicht stimmen. In diesem Falle würde er sie dennoch verbreiten, da sie zur politischen Agenda der US-Regierung passen. Solange Wright keine Belege vorlegt, bleiben Zweifel bestehen.

Doch der Ölmarkt liefert einen Hinweis darauf, dass die Versorgung weniger knapp sein könnte als vermutet. Denn der Ölpreis liegt weit unter den zu Beginn des Krieges befürchteten Extremwerten. Dazu tragen unter anderem freigegebene strategische Reserven, alternative Transportwege und geringere chinesische Importe bei. Doch dazu kommen möglicherweise die verdeckte Öltransporte durch die Straße von Hormus.

Ob Wrights Angaben stimmen, könnte sich bald zeigen. Wenn tatsächlich 15 Millionen Barrel pro Tag die Region verlassen, müssten diese Mengen in den kommenden Wochen in den Importdaten der Abnehmerländer auftauchen – sobald die Tanker ihre teils wochenlange Fahrt zu den Zielhäfen zurückgelegt haben.

Quelle: ntv.de

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