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Startseite»Politik»70 Jahre Bravo: Von Starschnitten und Schattenseiten
Politik

70 Jahre Bravo: Von Starschnitten und Schattenseiten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 23, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 23.05.2026 • 09:39 Uhr

Headlines, Hypes und Herzschmerz: In diesem Jahr wird die Bravo 70 Jahre alt. Eine ARD-Doku zeigt, wie das Jugendmagazin die Popkultur prägte – und blickt auch auf die Schattenseiten hinter der Glitzerwelt.

Starschnitte an der Kinderzimmertür, Poster mit Tesafilm auf Raufasertapete, heimlich Dr. Sommer lesen: Für viele war die Bravo weit mehr als ein Jugendmagazin. Sie war ein Fenster zur Popwelt, Aufklärungsmedium, Fanpost-Verteiler – und Spiegel für die großen Gefühle der Teenagerzeit. Dieses Jahr wird sie 70. Die dreiteilige ARD-Doku „Bravo: Headlines, Hypes & Herzschmerz“ blickt nostalgisch zurück auf ein Heft, das Generationen geprägt hat – und legt offen, welche Mechanismen aus heutiger Sicht problematisch sind.

Sechs Millionen Leserinnen und Leser in der Hochphase

Am 26. August 1956 erschien die erste Bravo – Marilyn Monroe prangte auf dem Cover, die Startauflage betrug 30.000 Exemplare. Anfangs dominierten deutsche Schlagerstars, bald eroberten jedoch Elvis Presley, die Beatles und die Rolling Stones das Heft – Vorbilder einer Jugend, die sich Woche für Woche ihre Infos und Inspiration aus der Bravo holte.

Ihre größte Marktmacht entfaltete die Zeitschrift rund um die Wiedervereinigung. Der ehemalige Chefredakteur Alex Gernandt erinnert sich in der Doku an bis zu 1,7 Millionen verkaufte Hefte. Weil sie in Schulklassen durch zig Hände gingen, erreichte die Bravo wöchentlich bis zu sechs Millionen vor allem junge Menschen zwischen zwölf und 16 Jahren. Heute liegt die Auflage bei gerade mal rund 40.000.

So fing alles an: Der ehemalige Bravo-Chefredakteur zeigt die erste Ausgabe der Zeitschrift.

Stars am Fließband

Die späten 1980er und 90er-Jahre sowie die frühen 2000er waren die Ära der Boybands, der ersten Musikvideos im Privatfernsehen – und einer Popindustrie, die genau wusste, wie wichtig die Jugendpresse war. „Überall war Bravo entweder Steigbügelhalter oder Geschmacksverstärker“, sagt Gernandt.

Wer damals Jugendliche erreichen wollte, brauchte die Bravo – deutsche Popacts genauso wie internationale Boybands. Eloy de Jong von „Caught in the Act“ beschreibt einen Artikel in der Zeitschrift als magische Erfolgsformel. Ein Auftritt in der Bravo konnte Karrieren anstoßen, Images aufbauen und Plattenverkäufe anschieben.

Viele konstruierte Geschichten

Bravo zeigte nicht die ganze Wirklichkeit der Stars, sondern eine Version, die ins Beuteschema der Leserschaft passte: attraktiv, verfügbar, möglichst konfliktfrei. De Jong etwa hielt seine Homosexualität lange geheim – keine reine Redaktionsentscheidung, sondern Ergebnis eines Zusammenspiels aus Management, Musikindustrie, Medien und Publikumserwartungen.

Mariska Lief, Regisseurin der ARD-Doku-Reihe, beschreibt die Bravo als ein Magazin, das klar auf Unterhaltung setzte. Für ihre Recherchen las sie rund 100 alte Ausgaben. Viele ihrer Freundinnen und Freunde, mit denen sie darüber sprach, erinnerten sich zunächst vor allem positiv: Kindheit, Jugend, Aufklärung, Stars. Beim erneuten Lesen kamen Lief jedoch Zweifel: Vieles wirke heute „total absurd“, sagt sie – teils „fast schon Fake“ oder zumindest konstruiert. Manches würde man heute so nicht mehr erzählen.

Die Bravo als Karrierehelfer: Für Sänger Eloy de Jong brachte sie den Erfolg – aber auch Beschränkungen.

Zugespitzte Liebesgeschichten und vermeintliche Nähe

Das betrifft inszenierte Liebesgeschichten, zugespitzte Schlagzeilen und das Herstellen vermeintlicher Nähe. War ein Star verliebt? War eine Trennung echt? Die Bravo arbeitete mit Mitteln der Klatschpresse, so Lief: „Die bedienen sich schon extremer Maßnahmen des Boulevardjournalismus, das auf jeden Fall.“

Viele frühere Stars blicken in der Doku ambivalent auf ihre Erfahrungen mit der Zeitschrift zurück. Angelo Kelly etwa macht im Interview deutlich: Die Bravo half der Kelly Family – drückte sie aber auch in ein Teenie-Band-Image. Aufmerksamkeit bedeutete Erfolg, kostete gleichzeitig aber Kontrolle über das eigene Image.

Auch Angelo Kelly von der Kelly-Family hat ein zwiegespaltenes Verhältnis zur Bravo.

Aufklärung durch Dr. Sommer: Viele nackte Körper

Ähnlich zwiespältig fällt auch der Blick auf Dr. Sommer aus, die legendäre Aufklärungsseite. Für viele Jugendliche waren diese Artikel der einzige Zugang zu Fragen über Körper, Sexualität und Beziehungen. Regisseurin Lief nennt Dr. Sommer „definitiv ambivalent“. Einerseits viel sexuelle Aufklärung mit pädagogischem Wert. Andererseits zeigten die Hefte viele nackte Körper, „die es vielleicht so auch gar nicht gebraucht hätte“.

Heute liest man die Bravo anders

Wer heute alte Ausgaben aufschlägt, stößt auf die eigene Jugend – und auf Rollenbilder, Inszenierungen, Grenzüberschreitungen, die in den 1990er-Jahren selbstverständlich wirkten, heute jedoch irritieren.

Mitte der 2000er verschob sich die Medienwelt. Castingshows konnten plötzlich selbst junge Menschen zu Stars machen. Später übernahmen soziale Netzwerke und Influencerinnen und Influencer vieles, was früher Jugendmagazine leisteten: Nähe herstellen, Sehnsüchte bedienen, Images formen, Privatheit vorspielen.

Die Bravo ist heute kein Machtzentrum der Popkultur mehr. Die Mechanismen aber wirken weiter – nur auf anderen Plattformen. Wo früher ein Starschnitt an der Zimmertür hing, folgen Jugendliche heute Accounts auf Instagram oder TikTok. Die Nähe zu ihren Stars erleben sie durch Storys, Reels und Livestreams – durch einen vermeintlichen Blick hinter die Kulissen.

Zerrbild der Wirklichkeit

Mariska Lief sieht durchaus eine Verbindung zwischen damals und heute: Stars und Influencer blieben Projektionsflächen für Wünsche und Sehnsüchte. „Sie zeigen schöne Welten, Liebesbeziehungen, Erfolg und Nähe.“ Die Realität sieht meist anders aus.

Fast 70 Jahre nach der ersten Ausgabe ist die Bravo mehr als ein nostalgischer Erinnerungsort für frühere Teenager. Sie ist ein Beispiel dafür, wie Medien Selbstbilder von Jugendlichen prägen, Wertevorstellungen inszenieren und Stars erzeugen.

Tagesschau

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