Wer stimmt für wen?Das verraten die Daten über den ESC-Sieg

Zum zweiten Mal in Folge kämpft sich Israel im ESC-Finale an die Spitze – und wird am Ende doch von einem anderen Land überholt. Der Titel geht erstmals nach Bulgarien. Sechs Grafiken zeigen, was den Sieg so besonders macht und in welchem Land die meisten Menschen für Israel gestimmt haben.
„Bangaranga“ steht für Chaos oder Aufruhr im positiven Sinne. Im Deutschen würde man vielleicht „Bambule“ sagen, die bulgarische Sängerin Dara wiederum macht sich den Titel „Unruhestifterin“ zu eigen. Doch dass ausgerechnet dieser Song im Zentrum eines politisch aufgeladenen ESC-Duells stehen würde, war so wohl eher nicht geplant.
Denn bevor Bulgarien zum ersten Mal in der Geschichte des Eurovision Song Contests den Titel mit nach Hause nehmen darf, spielen sich im Live-TV einige denkwürdige und unangenehme Szenen ab. Die Stimmung in der Wiener Stadthalle ist gegen Ende des Finalabends spürbar angespannt. Aus dem Publikum sind Buhrufe zu hören. Der Grund: Israel hat sich mit Hilfe einer überragenden Zuschauerbeteiligung an die Spitze des Rankings katapultiert – und das nun schon das zweite Jahr in Folge. Auch aus Deutschland gehen erneut alle zwölf Punkte aus dem Zuschauervoting nach Israel.
Ob das nun trotz oder gerade wegen aller Debatten um Krieg und Antisemitismus geschieht, lässt sich nicht sagen. Israel ist derzeit in mehrere Kriege im Nahen Osten verwickelt und wird von einer in Teilen rechtsextremen Regierung geführt. Schon die Teilnahme Israels am ESC hatte zu Absagen und Protesten geführt. Am Ende schafft es ausgerechnet „Bangaranga“, den Aufruhr zu beenden. Als der Balken mit den Zuschauerpunkten für Bulgarien in die Höhe schießt, brandet Jubel auf und bringt die Buhrufe zum Verstummen.
Hinweis zur Grafik: Durch einen Klick auf den Spaltenkopf („Gesamt“, Jury“ oder „Publikum“) können Sie die Reihenfolge nach der Anzahl der Punkte sortieren und sehen, wer in der Gunst von Jury oder Publikum ganz vorne liegt.
Dara räumt gleich doppelt ab
Tatsächlich ist das Ergebnis sogar ziemlich eindeutig: Sowohl die Jury als auch das Publikum wollten Dara auf Platz eins sehen, zeigt die Detailauswertung. In drei Ländern (Australien, Dänemark und Litauen) erreichte der Siegertitel in beiden Zielgruppen die volle Punktzahl. In mindestens neun Ländern, darunter auch Gastgeber Österreich, war Bulgarien der absolute Publikumsliebling. Insgesamt kamen 204 Jury-Punkte und 312 Punkte über das Zuschauervoting zusammen.
Dass sich Publikum und Jury auf einen Gewinner einigen können, ist beim ESC sonst eher die Ausnahme als die Regel. Auch in diesem Jahr gehen die Meinungen bei vielen Titeln auseinander. Am größten ist die Kluft bei „Choke me“, dem Beitrag aus Rumänien. Die Zuschauer gaben dem düsteren Opern-Rock-Spektakel von Sängerin Alexandra Căpitănescu 232 Punkte. Damit landet Rumänien zwar auf Platz zwei im Beliebtheitsranking, noch vor Israel. Weil die Jury für den Auftritt aber nur 64 Punkte übrig hatte, reichte es am Ende nur noch für Platz drei.
Auch Satoshi aus Moldau landete mit „Viva, Moldova!“ einen Publikumshit, der mit 183 Zuschauerpunkten belohnt wurde, von der Jury aber nur 43 Punkte erhielt. Umgekehrt bewerteten die Länder-Jurys beispielsweise die Gesangsleistung von Monroe aus Frankreich oder Alicija aus Polen deutlich besser als das Publikum.
Wären allein die Urteile der Fachjurys entscheidend, hätte nicht Israel, sondern Delta Goodrem aus Australien den zweiten Platz belegt, beziehungsweise mit Søren Torpegaard Lund aus Dänemark geteilt. Beide bekamen 165 Jurypunkte zugewiesen, Noam Bettan erhielt „nur“ 123.
Dieses Land hat auffällig viele Zuschaueranrufe – es ist nicht Israel!
Welche Rolle spielen also die Zuschaueranrufe für Israels Erfolg beim ESC? Tatsächlich liegen die Zuschauer- und Jury-Bewertungen in diesem Jahr deutlich näher beieinander als in den beiden Vorjahren. Den 123 Punkten der Fachleute stehen 220 Punkte aus dem Zuschauervoting gegenüber, also eine mäßige Differenz von 93 Punkten.
Im vergangenen Jahr lagen Publikum und Jury bei dem Titel „New Day Will Rise“ von Yuval Raphael um satte 237 Punkte auseinander. Im Jahr 2024 schuf Eden Golan mit „Hurricane“ sogar einen neuen Rekord mit 271 Punkten Abweichung. In den beiden Vorjahren hatten die Länderjurys den Beitrag sehr viel schlechter bewertet als den in diesem Jahr angetretenen Noam Betton.
Dass die Abweichungen durch gezielte Mobilisierungskampagen getrieben seien, lässt sich aus den Zahlen nicht ableiten. Denn dass die Auftritte deutlich mehr Stimmen durch das Zuschauervoting dazu gewinnen als durch die als „objektiv“ wahrgenommenen Fachurteile, ist beim ESC überhaupt nicht ungewöhnlich. Schaut man sich alle Beiträge der letzten zehn Jahre an, gibt es jedoch ein anderes Land, das besonders oft eine Abweichung von 100 Punkten oder mehr zugunsten der Publikumsstimmen hatte – und zwar die Ukraine. Mit allein sieben Einträgen scheint das Land immer wieder viele Sympathiepunkte beim Publikum zu gewinnen.
Von Deutschland lässt sich das nicht gerade sagen. Sarah Engels zieht in diesem Jahr mit „Fire“ zwar alle Register, kann die Zuschauerherzen aber nicht für sich erwärmen und landet auf dem vor-vorletzten Platz. Für die wenigen Jurypunkte aus Portugal, Italien, Belgien und Bulgarien lohnt sich nicht einmal eine eigene Grafik.
Andererseits kennt man es kaum anders. Deutschland zählt mit insgesamt 69 Teilnahmen quasi zur Stammbelegschaft auf dem ESC, war in all den Jahren aber selten erfolgreich. Nur zwei Sängerinnen aus Deutschland haben den Songcontest gewonnen: Nicole im Jahr 1982 und Lena beim ESC in Oslo vor 15 Jahren. Dem gegenüber stehen zahlreiche Misserfolge: Neun Mal landeten die deutschen Beiträge auf dem letzten Platz. In den letzten 26 Jahren waren sie elf Mal unter den letzten fünf.
