Völlig absurde Fan-AktionBei Rot-Weiss Essen knallen alle Sicherungen raus

Dank eines Traumtores von Torben Müsel darf Rot-Weiss Essen mehr denn je auf die ersehnte Rückkehr in die 2. Fußball-Bundesliga nach fast 20 Jahren hoffen. Doch Greuther Fürth deutet im Relegations-Hinspiel an, wie gefährlich die Mannschaft sein kann.
Gegen 21.45 Uhr, in der 57. Minute des bedeutsamsten Spiels der jüngeren Vereinsgeschichte, wachte die große Hafenstraße wieder auf. Die Fans von Rot-Weiss Essen hatten das umgebaute Stadion zuvor für einige Minuten schlafen gelegt. Aus Pietätsgründen. Auf der Sitzplatztribüne hatte es einen medizinischen Notfall gegeben. Ein feines Gespür des Anhangs, den die Fußballer des Ruhrpott-Giganten so dringend brauchten. Gegen die SpVgg Greuther Fürth stand es im Hinspiel der Zweitliga-Relegation 0:0, doch die Franken, der oberklassige Klub, waren drauf und dran, das Spiel auf ihre Seite zu holen.
Nach 50 Minuten scheiterte Zweitliga-Legende Branimir Hrgota am starken Essener Torwart Jakob Golz, Sohn des legendären Richard. Vier Minuten später feuerte Jannik Dehm einen Schuss aus der Distanz knapp am Winkel vorbei. Dass Essen dieses Spiel als Sieger beenden würde, wirkte in diesen Momenten wie ein Szenario aus einer anderen Welt. Doch RWE kehrte mit einem donnernden Moment der Magie in dieses bedeutsame Duell zurück, gewann 1:0. Weil nach 21.45 Uhr, ab der 57. Minute, erstaunliche Dinge passierten.
Die lange Suche nach dem goldenen Moment
Die Fußballer von Rot-Weiss Essen malochten wie die Bergmänner der Stadt einst in den gigantischen Schachtanlagen. Doch sie fanden kein Gold. Nicht das schwarze, das der Region den Beinamen Kohlenpott einbrachte. Und auch sonst keins, das sonderlich wertig war. In einem hoch emotionalen Spiel waren sie die fußballerisch unterlegene Mannschaft. Sie wussten das vorher. Sie wussten auch, wie sehr sie die bebende Hafenstraße als Zuckerpatrone, als Energieriegel brauchen würden. Und nun waren die Energiequellen versiegt.
Doch dann sahen die Fans, wie der Patient auf der Tribüne gestützt, aber auf den eigenen Beinen laufend, die Treppen heruntergebracht wurde. Es war, als hätte man einen Blitz-Raketenstart angesetzt. Im Stadion war nichts mehr zu verstehen, nur noch RWE-Gesänge. Es war nicht mehr zu hören, wie Trainer Uwe Koschinat seine Spieler antrieb, wie er an ihren Entscheidungen verzweifelte. RWE spielte den Ball zu oft nach hinten, zu Keeper Golz, oder in die Breite. Aber nicht nach vorne. Nicht dorthin, wo Koschinat den Ball gerne gesehen hätte. So hatte Fürth leichtes Spiel, verteidigte superseriös und ließ es einmal über Jannik Dehm an der Latte krachen.
Es knallt, es kracht
Ein tolles Fußballspiel war’s nicht gewesen. Aber trotzdem ein hinreißendes. Die Hafenstraße erlebte Fußball in seiner ursprünglichsten Form. Keine Pass-Dreiecke, kein Tika-Tika, keine abkippenden Sechser. Rot-Weiss Essen und Greuther Fürth gaben es sich so richtig. Beide Mannschaften, so befand Koschinat später, hätten sehr viele Zweikämpfe organisiert. Wilde, nickelige, knüppelharte. Fürths Superstürmer Noel Futkeu checkte Ben Hüning früh im Spiel um. Das Stadion tobte, wollte Gelb. Mindestens. FIFA-Schiedsrichter Daniel Schlager gab nichts.
Futkeu wäre, hätte er Gelb gesehen, im Rückspiel gesperrt gewesen. Eine herbe Schwächung. So aber machte er unbestraft weiter, setzte einen Fallrückzieher knapp neben das Tor (38.). Und krachte immer wieder mit Hüning zusammen, der revanchierte sich bei nächster Gelegenheit, und biss sich in den Ausnahmestürmer der Fürther. „Man hat ja gemerkt, bei jeder Kleinigkeit ist das Stadion abgegangen, die wollten unbedingt, dass ich meine fünfte Gelbe Karte bekomme, das haben sie nicht geschafft“, sagte der Torschützenkönig der 2. Liga
In diesem Spiel stand so viel auf dem Spiel. Die Ausgangslage für das Do-or-Spiel am Dienstag im ehemaligen Playmobil-Stadion. Greuther Fürth kämpft verbissen gegen den Absturz, RWE will die Auferstehung der letzten Jahre krönen und endlich zurück in die 2. Bundesliga. Diese Chance hatten sie sich am vergangenen Wochenende verdient. Als sich in einer aberwitzigen Minute alles geändert hatte. Ben Hüning hatte den Siegtreffer gegen Ulm erzielt und Rasim Bulic in Duisburg für den MSV nur den Pfosten getroffen. Und dieser Pfosten hatte es nun an die Hafenstraße geschafft. RWE-Fans hatten ihn in einer absurden Aktion aus dem alten Wedaustadion entfernt und auf die Westtribüne gebracht. Was die heikle Frage aufwirft: Wie kann so etwas passieren?
Die Essener hatten nicht nur den Pfosten als vergifteten Gruß für die Duisburger dabei, sondern auch Plakate und Schmähgesänge. Die gab’s beim Fanmarsch zuvor auch für den WDR, der vor der Relegation eine Doku über rechte Umtriebe in der Szene gebracht hatte und damit für Unruhe vor dem wichtigen Spiel sorgte.
Prüfrocks Bock weckt Essens Lebensgeister
Nun aber, um 21.45 Uhr, war das Stadion bebend wach, elektrisiert, euphorisch. Die Atmosphäre war knisternd. Relegation. Kampf, Leidenschaft. Flutlicht. Und Fürth urplötzlich außer Tritt. Torwart Silas Prüfrock schlägt einen Ball direkt in die Füße von Torben Müsel. Der zieht direkt ab. Prüfrock bereinigt die Situation mit einer großen Parade. Den Nachschuss bekommt Kaito Mizuta nicht im Tor unter, weil Philipp Ziereis dazwischen ist.
Es war die erste Aktion von RWE, die ein Tor nah scheinen ließ. Davor nur Grätschen, Kampf und Liebe von den Rängen. Diese Mannschaft bewegt die Herzen der Stadt. „Weil sie ihr Herz auf dem Platz lässt“, sagte Koschinat. „Als ich hier angefangen habe, wurden die Spieler ausgelacht beim Warmschießen. Und das ist erst anderthalb Jahre her und hat sich bei mir brutal eingebrannt. Davon ist nichts mehr zu sehen.“ Sein Team musste sich die Liebe der Menschen immer wieder erarbeiten. „Aber wenn man das heute sieht, ist das dieser Mannschaft aus meiner Sicht eindrucksvoll gelungen.“ Die Spieler spielen für die Fans, die Fans singen und schreien für die Spieler. Eine kaum zu bändigende Symbiose. Eine Kraft, die eine verlorene Qualität erweckt: defensive Stabilität.
Dann fällt Mizuta nah am Strafraum. Schiri Schlager hatten in diesem Spiel schon nach deutlich härterem Kontakt weiterspielen lassen. Aber dieses Mal pfiff er, Freistoß für Essen aus bester Lage. Der seit Wochen überragende Müsel legte sich den Ball zurecht – und drosch in den Winkel. „Heute war ich sehr überzeugt von mir, muss ich ehrlich zugeben. Mit ein bisschen mehr Gewalt ins rechte Eck sah es, glaube ich, ganz gut aus.“
Ein Treffer, der das Tor zur 2. Bundesliga vorsichtig aufstieß. Zum letzten Mal hatte Essen 2006/07 dort gespielt. Nach äußerst schwierigen Jahren mit Abstiegen, Insolvenz und sportlichem Misserfolg war Essen erst 2022 der Aufstieg in die 3. Liga gelungen, 14 Jahre (!) hatte Essen nicht im Profifußball gespielt. RWE drückte und drängte, Dickson Abiams Abschluss nach herausragendem Solo ist zu harmlos (84.) und Hofmann verpasst nach einem sensationellen Diagonalball von Müsel das 2:0 (86.). Essen nimmt am Dienstag (20.30 Uhr, Sat1 und im Liveticker bei ntv.de) ein knappes 1:0 mit nach Fürth. Und deswegen ist deren Trainer auch nicht bange: „Ich verstehe die Euphorie hier, aber wir haben gegen die Fortuna gezeigt, wie schnell wir drei Tore schießen können. Deswegen bin ich guter Hoffnung. Wir werden offensiv ein anderes Gesicht zeigen als heute“, sagte Heiko Vogel.
Vor dem euphorisierten Essener Fanblock lagen sich Spieler und Trainer stauend in den Armen. Sie lauschten den heißen Reden der Capos, den Gesängen der Fans. Sie saugten die Kraft der Hafenstraße in sich auf, die Kraft des Vereins, der so oft schon kurz vor knapp gescheitert war. Und der nun davor steht, all die lastenden Ketten der Vergangenheit zu sprengen. „Dieser Verein ist unglaublich. Es ist Wahnsinn, was hier los ist“, sagte Ben Hüning. „Er gehört nach so schwierigen Zeiten auf jeden Fall in die 2. Bundesliga.“ 90 Minuten trennen sie davon. Nur noch.