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Startseite»Nachrichten»Mehr Ballistik, mehr Tote: Russland setzt auf neue Taktik bei Angriffen auf Kiew
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Mehr Ballistik, mehr Tote: Russland setzt auf neue Taktik bei Angriffen auf Kiew

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 6, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Mehr Ballistik, mehr ToteRussland setzt auf neue Taktik bei Angriffen auf Kiew

06.07.2026, 18:52 Uhr Von Uladzimir Zhyhachou
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Bei nächtlichen Angriffen auf Kiew wurden mehrere Wohnblocks schwer beschädigt. (Foto: REUTERS)

Während die Ukraine mit modernen Drohnen gezielt russische Ölraffinerien tausende Kilometer hinter der Front trifft, setzt der Kreml als Antwort auf das ihm gut bekannte Mittel: Terror gegen die Zivilisten. Doch die Taktik, mit der er Kiew in die Knie zwingen will, ist neu – und nicht nur teuer, sondern auch perfide.

Innerhalb von nur fünf Tagen ist Kiew zweimal Ziel schwerster russischer Luftangriffe geworden. Mit den beiden Attacken, die vor allem Wohnhäuser in der ukrainischen Hauptstadt trafen, töteten die Russen insgesamt mehr als 50 Menschen in der Stadt und im Umland. Dutzende weitere wurden zum Teil schwer verletzt.

Experten sehen die massiven Angriffe als eine Antwort auf die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien. Während die Ukraine dank neuer Technologien in der Lage ist, Industrieanlagen tausende Kilometer von der Front entfernt gezielt anzugreifen – in den allermeisten Fällen ohne zivile Opfer –, setzt Russland bei seiner Antwort auf eine seit viereinhalb Jahren kaum veränderte Vorgehensweise: Terror gegen die Zivilbevölkerung.

Während der Grundgedanke dahinter unverändert bleibt – möglichst viele Ukrainer zu töten, um die Bevölkerung einzuschüchtern und in die Knie zu zwingen –, verändert sich offenbar die russische Taktik, wie und wie oft angegriffen wird. Im Zentrum steht dabei der verstärkte Einsatz ballistischer Raketen – Waffen, gegen die die ukrainische Luftverteidigung derzeit kaum Mittel hat und denen das Land aktuell weitgehend schutzlos ausgeliefert ist.

Fokus auf ballistische Raketen

Die ukrainische Armee konnte nach eigenen Angaben 363 von 419 Raketen und Drohnen abwehren, mit denen Russland das Land in der vergangenen Nacht angegriffen hat. Das Problem: Unter den abgefangenen Geschossen war keine einzige ballistische Rakete.

Alle 23 ballistischen Raketen vom Typ Iskander-M beziehungsweise S-400 sowie sechs Raketen der Typen „Zirkon“ und „Oniks“, die ebenfalls auf ballistischen Flugbahnen fliegen, erreichten ihre Ziele in der Ukraine nahezu ungehindert.

Der Grund ist nach Angaben des Sprechers der ukrainischen Luftwaffe, Jurij Ihnat, ein akuter Mangel an Abfangraketen für die US-amerikanischen Patriot-Systeme. „Nur Patriot-Raketen und ihre Äquivalente können solche Flugkörper abfangen“, erklärte Ihnat im ukrainischen Fernsehen. „Die Russen nutzen die Tatsache aus, dass in der Ukraine und weltweit ein akuter Mangel an Patriot-Abfangraketen herrscht.“

Wie Oberst Markus Reisner im Interview mit ntv.de erklärt, werden zwar rund 650 Patriot-Abfangraketen pro Jahr produziert. Aufgrund der Konflikte im Nahen Osten seien sie derzeit jedoch stark nachgefragt. Die Ukraine habe den USA angeboten, die Raketen in Lizenz selbst oder in Europa zu produzieren – eine Antwort darauf stehe bislang aus. In Europa existiert mit SAMP/T ein vergleichbares System, allerdings werden dafür nur etwa 100 bis 150 Raketen pro Jahr hergestellt.

„Alle Treffer und Zerstörungen, die wir jetzt in Kiew sehen, gehen auf das Konto ballistischer Raketen“, betonte Ihnat. Damit wird deutlich: Russland setzt verstärkt auf jene Waffenkategorie, die für die ukrainische Luftverteidigung derzeit am schwersten abzuwehren ist.

„Sie können auch am nächsten Tag wieder zuschlagen“

Während einerseits zu wenig Flugabwehrraketen produziert werden, steigt andererseits die Produktion ballistischer Raketen weiter an. Ihnat geht davon aus, dass Russland in naher Zukunft verstärkt auf diese Waffengattung setzen wird, um die Schwächen der ukrainischen Luftverteidigung auszunutzen.

Aktuell produziert Russland nach ukrainischen Angaben etwa 100 bis 150 ballistische Raketen pro Monat. Damit wäre Moskau in der Lage, vier bis sechs Angriffe in der Größenordnung der jüngsten Attacke pro Monat durchzuführen, ohne seine Bestände wesentlich zu reduzieren. Dabei gehören ballistische Raketen zu den teuersten konventionellen Waffen im Arsenal. Eine „Iskander“-Rakete kostet Schätzungen zufolge etwa 2 bis 5 Millionen Euro, während Systeme mit Hyperschallgeschwindigkeit wie „Kinschal“ sogar 10 Millionen Euro oder mehr erreichen können.

Ein Angriff wie der jüngste auf Kiew mit rund 30 ballistischen Raketen entspricht damit schnell einem finanziellen Aufwand von 100 Millionen Euro oder mehr – allein für diesen Teil der eingesetzten Waffen. Der hohe Preis scheint Russland jedoch nicht davon abzuhalten, seine Angriffe fortzusetzen.

Russland greift Kiew seit Beginn des Krieges vor viereinhalb Jahren mit unterschiedlicher Intensität an. Auffällig ist jedoch, dass die Angriffe in den letzten Wochen deutlich zugenommen haben und besonders viele Menschenleben fordern.

Ihnat erklärte dazu, Russland habe seine Taktik angepasst. Während solche massiven Angriffe früher in größeren Abständen stattfanden, seien nun auch Wiederholungen innerhalb weniger Tage möglich. „Sie können auch am nächsten Tag wieder zuschlagen. Darauf müssen wir vorbereitet sein“, sagte Ihnat. Zugleich betonte er, dass Russlands Möglichkeiten nicht unbegrenzt seien: Würde Moskau über ausreichende Kapazitäten verfügen, würde es die Ukraine täglich angreifen.

Doch auch wenn Russland nicht jeden Tag in dieser Intensität angreifen kann, ist jeder Angriff und jedes Opfer eines zu viel – und vieles ließe sich durch ausreichende Flugabwehr verhindern. Darauf pocht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seit langem. Nach der nächtlichen Attacke forderte er erneut Beschlüsse der Nato zur Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung. Solange Patriot-Raketen in den Lagern der Verbündeten verblieben, fühle sich Moskau nur ermutigt, den Krieg gegen die Zivilbevölkerung fortzusetzen, schrieb er in sozialen Netzwerken. Am Dienstag beginnt in Ankara der Nato-Gipfel, dort haben die Verbündeten die Möglichkeit, mit zusätzlichen Luftabwehrsystemen und Abfangraketen zu verhindern, dass Angriffe wie die jüngsten auf Kiew zur neuen Normalität werden.

Quelle: ntv.de

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