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Späte seelische Folgen: Trauma nach Ahr-Flut – „Heilung lässt sich nicht verordnen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 15, 2026Keine Kommentare3 Minuten Lesezeit
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Späte seelische FolgenTrauma nach Ahr-Flut – „Heilung lässt sich nicht verordnen“

Langsam verblasst der an die einstigen Helfer gerichtete Schriftzug „Danke Euch“ an einer Flutruine in Dernau. (Foto: Boris Roessler/dpa)

Jahre später können Katastrophen wie die Überschwemmung im Ahrtal für Opfer plötzlich wieder präsent sein. Warum das kein Rückschritt bei der Verarbeitung sein muss, erklärt eine Fachfrau.

Fünf Jahre nach der Flut im Ahrtal sind die seelischen Folgen für viele Betroffene noch immer spürbar. Die Trauma-Expertin Sybille Jatzko, die seit Jahrzehnten Überlebende und Hinterbliebene des Flugtagunglücks von Ramstein 1988 und weiterer Katastrophen begleitet, hält dies für menschlich.

„Viele denken, nach einigen Jahren müssen die beeinträchtigenden Folgen abgeschlossen sein. Man lernt zwar, mit dem Erlebten zu leben. Verschwinden wird es aber nie“, sagte die Psychologin der Deutschen Presse-Agentur. Aus der Katastrophe von Ramstein habe man gelernt, dass Menschen sehr unterschiedlich mit schweren Schicksalsschlägen umgehen. Manche suchten früh das Gespräch, andere bräuchten Jahre oder sogar Jahrzehnte.

„Nach Ramstein kamen manche Betroffene erst zehn Jahre später in unsere Gruppen“, berichtete Jatzko. Von außen werde oft gefragt, warum jemand so lange warte. „Die Antwort ist einfach: Weil die Menschen erst dann bereit waren.“ Für die Expertin ist das eine wichtige Lehre auch für die Katastrophe im Ahrtal im Juli 2021. „Es gibt keinen festen Zeitplan für die Verarbeitung solcher Erlebnisse. Jeder Mensch hat seine eigene Zeit.“

Besonders wichtig sei, Betroffene nicht unter Druck zu setzen. „Menschen wissen selbst meist am besten, wann sie reden können, wie viel sie erzählen möchten und was ihnen guttut. Man muss ihnen diese Entscheidung lassen.“

Integration statt Vergessen

Nach ihrer Erfahrung sei Zuhören oft wichtiger als gut gemeinter Rat. „Wir müssen vorsichtig sein mit Bewertungen und Erwartungen. Niemandem hilft es, wenn andere sagen: Jetzt muss es doch langsam wieder gut sein.“

Viele Menschen würden Jahre nach einer Katastrophe wieder von Erinnerungen eingeholt. Jahrestage, Bilder in den Medien oder ähnliche Ereignisse könnten Gefühle zurückbringen. „Das bedeutet nicht, dass etwas schiefgelaufen ist“, betonte Jatzko. „Es zeigt bloß, dass dieses Erlebnis weiter Teil des Lebens ist.“

Die Expertin spricht deshalb lieber von Integration als von Verarbeitung. „Das Ziel ist nicht, etwas zu vergessen. Das Ziel ist, mit dem Erlebten leben zu können, ohne dass es den Alltag ständig bestimmt.“ Gelungen sei dies, wenn Menschen über ihre Geschichte sprechen könnten, ohne dass sie von Angst, Schlaflosigkeit oder Panik überwältigt würden. „Vielleicht bekommt man noch Gänsehaut oder wird traurig. Aber man hat eine gewisse Distanz gewonnen.“

Menschen mit ähnlichen Erfahrungen geben Halt

Eine weitere Lehre aus Ramstein sei die Bedeutung von Gemeinschaft. Viele Betroffene hätten über die Jahre enge Verbindungen aufgebaut. „Aus Nachsorgegruppen werden oft Schicksalsgemeinschaften“, sagte Jatzko. „Die Menschen verstehen einander, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben.“

Das gelte auch Jahrzehnte später. „Manche treffen sich noch heute. Nicht weil sie krank sind, sondern weil sie sich gegenseitig Halt geben.“ Für Betroffene im Ahrtal könnten solche Netzwerke ebenfalls wichtig sein. „Wer Ähnliches erlebt hat, versteht oft Emotionen, die andere nur schwer nachvollziehen können.“

Warum Druck Betroffenen schaden kann

Jatzko warnte vor der Vorstellung, dass alle Menschen gleich reagieren müssten. Einige suchten Nähe und Austausch, andere zögen sich zeitweise zurück. „Beides kann richtig sein. Wir sollten akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Wege finden, mit ihrem Schicksal umzugehen.“

Ihr wichtigster Rat laute: Geduld. „Heilung lässt sich nicht verordnen.“ Die Erfahrungen aus Ramstein hätten gezeigt, dass Unterstützung langfristig verfügbar sein müsse. „Katastrophen enden nicht, wenn die Kameras verschwinden“, sagte Jatzko. „Für viele Betroffene beginnt dann erst der lange Weg zurück in den Alltag.“

Quelle: ntv.de, kse/dpa

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