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Startseite»Nachrichten»Schockverliebt in die Löwen: Warum Tuchels Engländer jetzt Weltmeister werden müssen
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Schockverliebt in die Löwen: Warum Tuchels Engländer jetzt Weltmeister werden müssen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 15, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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15.07.2026 | 12:14 Uhr

Deutschlands WM-Aus wirkt wie aus einer anderen Zeit, so lange ist es schon her. Das XXL-Turnier läuft aber unaufhaltsam weiter, dem Ende entgegen – und mit ihm die Frage: Wem jetzt die Daumen drücken? Die Antwort, surprise: England!

Sogar Liam Gallagher ist angezündet. Der notorisch mies gelaunte Rockstar sehnt sich nach Heilung und er ist bereit, alles dafür zu tun. Englands Fußballern fehlen wieder mal nur noch zwei Schritte, um das Titel-Trauma zu bewältigen. Seit 1966, seit Wembley, ist nichts mehr, wie es war. Das Mutterland des Fußballs versinkt im Zwei-Jahres-Zyklus in immer tieferer Trauer. Wann, WANN, hört dieser Schmerz endlich auf, den David Baddiel, Frank Skinner and The Lightning Seeds seit 1996 besingen? Wann kommt der Fußball wieder nach Hause? Vielleicht 2026, vielleicht jetzt. Gallagher ist bereit.

Sollte England heute Abend gegen Argentinien gewinnen, sollte England ins Finale am Sonntag einziehen, dann bietet der Oasis-Frontmann an, „Wonderwall“ live zu performen. Das Lied, das er eigentlich nicht mag. Sein Bruder Noel nannte es einen unfertigen „Wortsalat“. Liam fand den Song anfangs zu „funkig“ und verglich ihn abfällig mit Trip-Hop, einer psychedelischen Verschmelzung von Hip-Hop und elektronischer Musik.

In diesen Wochen feiert der erfolgreichste Song der Band eine ungeahnte Auferstehung. Ganz England singt „Wonderwall“ als Therapie gegen den Schmerz, als Prävention für ein mögliches nächstes Drama. Es ist der Song einer ganzen Generation, auch außerhalb des United Kingdom. Die kollektive Umarmung der Welt durch die 90er-Kids. Keine Party ohne pilsgetränktes Gegröle, ohne um den Hals fallen, ohne hymnisch beschworene Liebe.

Harry Kane kann’s nicht fassen

Als die „Three Lions“ in der Vorrunde Kroatien in einem wilden Spiel besiegten, erlebte Superstürmer Harry Kane einen seiner „Lieblingsmomente überhaupt im England-Trikot“. Das beseelte Stadion sang den Oasis-Klassiker. Die England-Giganten schmolzen dahin vor Liebe und Rührung. Auch Oasis-Fan Tuchel. Sie alle bewegten nicht nur das eigene Land, sondern erreichten mit ihrem Gänsehaut-Moment die Fußball-Welt. Als eines von noch drei Teams sind Thomas Tuchels Löwen noch im Turnier. Und plötzlich das letzte Lieblingsteam – vieler Deutscher.

0,0 Messi-Bammel: Three Lions chillen wie die Oberlöwen

What?! Wembley, die britische „Stahlhelm“-Presse, die ewige Rivalität. Vergessen. Plötzlich. Löwen zum Anfassen, zum Verlieben. Anders als die Spanier, anders als die Argentinier. Spanien bleibt die Tür zum deutschen Fußball-Herzen spätestens seit 2024 verschlossen. Als Marc Cucurella mal kurz die Hand ausstreckte und sich damit zum Staatsfeind Nummer eins machte. Dabei müsste die Wut eher den Unparteiischen gelten, die die Abwehraktion durchgewunken hatten, trotz aller Zweifel an der Legalität. Und Argentinien? Auch keine Chance auf Liebe in Deutschland. Im Hinterstübchen glimmt die Wut aus 2006, als der überragende Torsten Frings nach dem Spiel von der FIFA für das Halbfinale gesperrt worden war. Im Vorderstübchen hämmert die in diesen Tagen mehrfach beklagte, angebliche Bevormundung des Titelverteidigers durch den Weltverband. So also nicht, Argentinien!

Vielleicht entflammt die Liebe zu den Löwen aber auch einfach, weil dieses Team eine Sehnsucht erfüllt, die das DFB-Team nie erfüllen konnte. Die Three Lions kämpfen unerbittlich für ihren Traum. Sie reißen Widerstände ein, erobern Stadien, zwingen das Karma auf ihre Seite. Die Missionen Aztekenstadion haben sie abgearbeitet, nun wartet Argentinien, die Wiedergutmachung für die „Hand Gottes“ 1986.

Tuchel macht Englands Frauen verrückt

So also England! So also Thomas Tuchel, der in seiner Heimat auch nicht überall mit Sympathiepunkten behangen wird. Anders als in seiner beruflichen Heimat. Der „Telegraph“ berichtete von einem erstaunlichen Phänomen und beschreibt in einer Kolumne, wie der deutsche Trainer besonders auch bei den britischen Frauen ankommt und sie in Ohnmacht werfe. Tuchel sei zu einem Ding in „Mumsnet“ geworden, einem Forum für Eltern. Tuchel zeige eine Art von Führungsstärke, „die in der Tat anziehend ist.“ Crazy, man!

In Deutschland hatte sich eher das Bild von einem biestigen Alphatier verfestigt. Dass sich ständig mit Bayern-Boss Uli Hoeneß, einem Meinungs-Influencer, überwarf. England erlebt dagegen einen anderen Tuchel. Dr. Seltsam ist ein Nationalheld in the making. Einer, der tanzt, der scherzt, der mit feiner Ironie tiefsinnig wird. Und demütig bleibt. Das Singen der Hymne wolle er sich verdienen, sagte er. Und England warf ihm die Herzen zu! Vergessen waren die Vernichtungs-Schlagzeilen zu seinem Kader vor der Weltmeisterschaft.

Der Kader reüssiert. Die Menschen lieben den im Interview völlig erschöpft krächzenden Kane, sie lieben ihren Fußball-Beatle „Hey Jude“ Bellingham. Sie lieben Dan Burn, der nur neun Finger hat. Der kein klassischer Held ist, sondern ein malochender Herzchen-Sammler. Sie lieben Declan Rice, der sich trotz augenscheinlicher Probleme aufopfert wie kaum ein zweiter. Sie lieben Marcus Rashford, dessen Karriere in England vorbeischien, ehe er von Supertrainer Hansi Flick beim FC Barcelona wieder wachgeküsst worden war.

Diese Mannschaft umweht etwas Leichtes. Wie vor 30 Jahren, bei der Heim-EM, die immer noch als beste kontinentale Meisterschaft gefeiert wird. Alles war so leicht. In den 90ern war die Welt zur Ruhe gekommen. Probleme? Waren hausgemacht. Es war das beste Jahrzehnt der Geschichte. Und Englands Fußballer mittendrin. Auch in Deutschland. „Football is coming home“, sangen sie überall. Das ZDF machte den Oasis-Song „don’t look back in anger“ zum EM-Hit. Der Titel wurde zum Lebensgefühl. Was war das auch für eine Truppe. Die jungen Mädchen verschossen sich reihenweise in Darren Anderton und Steve McManaman. Die Riege der alten Wüteriche um Paul Gascoigne, Steve Stone, Tony Adams, Stuart Pierce riss die Menschen mit. Typen aus der Kneipe waren plötzlich Weltstars.

Unvergessen, wie „Gazza“ Schottland im „Battle of Britain“ magisch demütigte. Gary McAllister hatte gerade erst für die „Bravehearts“ einen Elfmeter vergeben, als das polarisierende Genie sich den Ball im Konter vom linken Fuß auf den rechten legte, indem er einen Gegenspieler frech überlupfte, und dann wuchtig abzog. Ein Tor für die Geschichtsbücher. Ein Tor als Sinnbild für diese EM, die so befreit war. Die stolzen Löwen brüllten und tanzten. Und Deutschland klaute ihnen den Titel. Dieser verdammte Schmerz!

England bekommt immer wieder eine geknallt

Vergeben und vergessen war das Wembley-Tor, der Titel-Schock, der zum Fluch wurde. Und 2010 eigentlich endgültig hätte aufgehoben werden müssen. Als Deutschland im WM-Achtelfinale wahnsinniges Glück hatte. England hatte gerade auf 1:2 verkürzt, als Frank Lampard den Ball eine Minute später an die Unterkante der Latte drosch und das Spielgerät klar hinter der Linie war. Von dort prallte der Ball erneut an die Latte und in Manuel Neuers Arme. Der Wembley-Gott hatte all seinen Zorn auf England hageln lassen, die Fußball-Nation aber nicht vom Fluch erlöst. Und egal, was sie auch versuchten. Der Griff zum Pokal wurde mit harter Hand verhindert.

Was sie auch versuchten, sie scheiterten. Tuchels nur mäßig beliebter Vorgänger Gareth Southgate, der tragische EM-Held von 1996, trieb die „Three Lions“ mit Beamtenfußball in den Wahnsinn, aber auch nah ran den Titel. 2018 erreichte er das WM-Halbfinale, 2021 das EM-Finale, 2022 scheiterte England im WM-Viertelfinale an Frankreich, 2024 gab’s wieder das EM-Finale. Nun sind sie wieder dran, wieder nur zwei Schritte entfernt. Begleitet von ganz viel Liebe. Und einem Liam Gallagher, der bereit ist, alles zu tun. Allein schon dafür müssen alle Kinder der 90er England nun die Daumen drücken! „Because maybe. You’re gonna be the one that saves me.“

Verwendete Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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