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Startseite»Nachrichten»Jagd auf Benzin und Diesel: Telegram ist Russlands neue Tankstelle
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Jagd auf Benzin und Diesel: Telegram ist Russlands neue Tankstelle

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 19, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Jagd auf Benzin und DieselTelegram ist Russlands neue Tankstelle

19.07.2026, 09:52 Uhr Von Christian Herrmann
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Außer Betrieb: Eine Moskauer Tankstelle sitzt auf dem Trockenen. (Foto: IMAGO/SNA)

Russland gehört zu den großen Ölnationen der Welt. Doch an russischen Tankstellen herrscht seit einigen Wochen vielfach Ebbe: Ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien zeigen Wirkung. Benzin und Diesel gehen aus. Viele Russinnen und Russen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

Der Besuch bei der Tankstelle ist derzeit für viele russische Autofahrerinnen und Autofahrer eine Belastungsprobe: Entweder treffen sie auf lange Schlangen oder auf leere Zapfsäulen. Oder beides. In der sibirischen Großstadt Irkutsk berichten Autofahrer von zwölf Stunden Wartezeit – ohne zu wissen, ob noch Benzin oder Diesel vorhanden ist. Im Fernen Osten hat ein Hubschrauber in der Region Transbaikalien eine kilometerweite Blechlawine gefilmt, in der es 28 Stunden bis zur Zapfsäule dauerte.

Selbst im sonst bestens versorgten Moskau ist Geduld angesagt: In der russischen Hauptstadt stehen Autofahrer mit leerem Tank ebenfalls schon mal zwei Stunden lang in der Schlange, weil die Tankstelle einfach nicht öffnen will. Ob sie anschließend tatsächlich Benzin oder Diesel abbekommen? Unklar.

Russland geht der Kraftstoff aus. Eine der größten Erdölnationen unserer Zeit sitzt auf dem Trockenen. Ukrainische Drohnen haben mindestens acht der zehn größten Raffinerien des Landes außer Gefecht gesetzt. Das kann selbst Wladimir Putin nicht länger leugnen.

Mitte Juni stiegen die russischen Benzinpreise innerhalb einer Woche so stark wie seit 20 Jahren nicht mehr. Auf der annektierten Krim musste der Kraftstoff-Verkauf Mitte Juni von den Behörden gestoppt werden: Es gab schlicht keinen mehr. Der Tourismus auf der bei russischen Urlaubern beliebten Halbinsel wurde vorläufig bis September ausgesetzt.

Die nächste Hiobsbotschaft kam Anfang Juli: Russland musste den Export von Diesel verbieten. Den Verkauf von Benzin und Kerosin ins Ausland hatte Russland bereits vorher eingeschränkt. Und die Bevölkerung scheint den russischen Präsidenten persönlich für die Krise verantwortlich zu machen. Selbst in Umfragen von staatlichen Meinungsforschungsinstituten erhält Wladimir Putin die niedrigsten Zustimmungswerte seit Kriegsbeginn.

Benzinsuche im Netz

Die Unzufriedenheit drückt sich auch auf andere Weise aus. An Tankstellen gehen frustrierte Autofahrer immer häufiger aufeinander los. Es gibt immer mehr Benzin- und Dieseldiebstähle. Viele Russinnen und Russen nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand: Es entwickelt sich ein Grau- und Schwarzmarkt für Kraftstoffe.

„Telegram ist die neue Tankstelle“, berichtet die „Nowaja Gaseta Europa“. Etliche Kanäle seien voll mit Anzeigen und Nachrichten von Leuten, die Kraftstoffe anbieten oder kaufen wollen.

Vor allem auf der Krim ist das Interesse demzufolge groß. Die Verkäufer versprechen, dass das Benzin direkt zu den Autos der Käufer geliefert wird. Oft erfolgt die Lieferung per Taxi. Die Verkäufer versprechen eine Lieferung innerhalb von vier Stunden. Zumindest, wenn ein Teil der Summe im Voraus bezahlt wird.

Die „Nowaja Gaseta Europa“ hat eins der Angebote verfolgt: In der russischen Großstadt Krasnodar – etwa 200 Kilometer östlich der Krim – wird ein Tanklaster mit Benzin gefüllt. Auf dem Weg nach Moskau legt er mehrere planmäßige Zwischenstopps ein und verteilt den Kraftstoff an diejenigen, die ihn auf Telegram bestellt und bezahlt haben. Die Zeitung konnte allerdings nicht verifizieren, ob die Käufer ihre Bestellung tatsächlich erhalten haben.

Inzwischen werden die Angebote dem Bericht zufolge ausgefeilter. Wer sich auf Telegram über Benzin informiert, stößt schnell auf eine App namens „Kanister-Austausch“: Nutzer können russlandweit Interesse an Benzin anmelden oder ein Kraftstoff-Angebot machen und über die App einen passenden Tausch-Partner finden. In der App bieten Käufer Stand Mitte Juli 150 Rubel pro Liter für Benzin auf der Krim und 100 Rubel in Moskauer Vororten. Das entspricht 1,69 Euro und 1,12 Euro je Liter.

Für deutsche Verhältnisse ist das ein Schnäppchen, für russische Wucher: Im Schnitt kostet Benzin trotz der jüngsten Preissprünge an den Tankstellen des Landes derzeit umgerechnet gut 80 Cent je Liter – wenn man denn einen ergattern kann.

Weg mit den Benzinstandards

Die russische Regierung ist von den Kraftstoff-Angeboten nicht begeistert. Sie reagiert mit verzweifelten Maßnahmen. Der Föderale Antimonopoldienst hat angekündigt, mit den Amazon-ähnlichen Online-Marktplätzen Ozon, Wildberries und Avito zusammenzuarbeiten, um dort Angebote zum Kraftstoff-Verkauf zu entfernen. Die Behörde droht privaten Benzinverkäufern mit Geldstrafen. Sie hat außerdem ein Kartellverfahren gegen drei Ölhandelsunternehmen eingeleitet: Ihnen wird vorgeworfen, gemeinsam Kraftstoff zu hamstern und zu überhöhten Preisen weiterzuverkaufen.

Außerdem hat die russische Regierung Anfang Juli ein Notverordnungsdekret verabschiedet. Das erlaubt, dass auch altes und schmutziges Euro-3-Benzin verkauft werden darf. Das ist eigentlich nicht mehr in Russland erlaubt: Seit 2016 gilt die Euro-5-Norm als Standard.

Laut der russischen Wirtschaftszeitung „Kommersant“ wird sogar überlegt, auch Kraftstoff der Euro-2-Norm zuzulassen. Der ist seit 2013 in Russland verboten. Experten warnen laut der „Nowaja Gaseta Europa“ vor diesem Schritt: Sie befürchten mehr Krankheiten durch die schlechtere Luftqualität. Zudem schadet das schmutzige Benzin Fahrzeugen mit modernen Motoren.

Doch das Kernproblem löst die russische Regierung mit den Strafen und Verordnungen nicht: Die Ukraine kann weiterhin ungehindert russische Raffinerien attackieren und damit den heimischen Kraftstoffmarkt ins Chaos stürzen. Gleichzeitig torpediert sie damit Putins wichtigste Einnahmequelle für den russischen Angriff auf die Ukraine.

Her mit dem E-Auto

Die russische Bevölkerung will nicht länger stundenlang auf einen Platz an einer Zapfsäule warten und wird auch legal aktiv. Viele Russinnen und Russen bauen sich einen Gastank ein und rüsten ihr Auto auf Autogas (LPG) um – wenn sie denn eine Werkstatt mit Kapazitäten finden. Im Gespräch mit ntv berichtet ein Werkstatt-Inhaber von Hunderten Anrufen täglich, von denen er 30 bis 40 bewältigen kann.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, folgen viele Menschen auch dem deutschen oder europäischen Beispiel während des Iran-Kriegs: Sie strömen in Scharen in die Autohäuser, um E-Autos zu kaufen – bevorzugt günstige chinesische Modelle. Der Umstieg ergab bisher durch die ultragünstigen Benzinpreise wenig Sinn. Die ukrainischen Drohnenangriffe haben die Rechnung auf den Kopf gestellt. Ein russischer Autohändler, der sich auf chinesische Marken spezialisiert hat, berichtet bei Reuters: Er mache derzeit jeden Tag den Umsatz eines ganzen Monats.

Quelle: ntv.de

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