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Startseite»Politik»Wut in Venezuela: „Ihr habt Müll gebaut!“
Politik

Wut in Venezuela: „Ihr habt Müll gebaut!“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 19, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 19.07.2026 • 16:13 Uhr

Viele Venezolaner werden ihre Verwandten und Freunde wohl nie aus den Erdbeben-Trümmern bergen können. Umso größer ist die Wut auf die Regierung. Angesichts der Katastrophe trauen sich nun viele, die Regierung offen zu kritisieren.

Von Anne Demmer, ARD Mexiko-Stadt, zurzeit Catia La Mar

„Sie sollen alle ins Gefängnis. Ihr habt Müll gebaut!“, erregt sich Damely Díaz. Sie steht vor den Trümmern ihres Wohnblocks in Catia La Mar und ist außer sich. Sie konfrontiert Nicolás Maduro Guerra, Abgeordneter der Regierungspartei und Sohn des im Januar 2026 gestürzten und seither in den USA inhaftierten Ex-Präsidenten Nicolás Maduro. Er wurde bereits 2019 von den USA sanktioniert, weil er sich unter seinem Vater bereichert haben soll.

Díaz hat beim Erdbeben ihre Tochter verloren. Vor laufender Kamera macht sie die Regierung für den Einsturz des Gebäudes verantwortlich. Die Szene, aufgenommen vom norwegischen Sender TV2, ist ungewöhnlich für Venezuela: Ein Regierungsvertreter wird öffentlich zur Rede gestellt – und widerspricht nicht.

Auf die Frage der norwegischen Reporterin, ob er die Wut der Mutter nachvollziehen könne, antwortet Maduro Guerra: „Ja, ich verstehe sie. Ich unterstütze sie.“

Sozialwohnungen im Fokus

Der Zorn der Mutter richtet sich gegen den sozialen Wohnungsbau der Regierung. Viele Menschen im von den Doppelbeben schwer getroffenen Bundesstaat La Guaira hatten bereits bei den Schlammlawinen im Jahr 1999 ihr Zuhause verloren und waren später in eben diese staatlich errichteten Wohnanlagen gezogen. Jetzt stehen einige von ihnen erneut vor dem Nichts. Auch Katiuska Cartaya: „Sie haben uns diese Wohnungen übergeben, nachdem unsere Häuser völlig zerstört wurden. Von Anfang an gab es Probleme mit der Baustruktur.“

Bis heute gilt das Programm als eines der wichtigsten Sozialprojekte des Chavismus, der von dem früheren Präsidenten Hugo Chávez gegründeten und dann von seinem Nachfolger Nicolás Maduro fortgeführten politischen Bewegung. Seit Jahren gibt es jedoch Kritik an der Bauqualität, der Instandhaltung und den Kontrollen. Ob einzelne Gebäude wegen Baumängeln eingestürzt sind, ist bislang nicht eindeutig geklärt.

Dass viele Wohnanlagen der Misión Vivienda schwer beschädigt wurden oder einstürzten, setzt die Regierung zusätzlich unter Druck. Interimspräsidentin Delcy Rodriguez hat weitere Maßnahmen für den Wiederaufbau angekündigt. Gemeinsam mit privaten Unternehmen sollen im Bundesstaat La Guaira neue, erdbebensichere Häuser entstehen. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur AVN gilt zudem ein Exportverbot für Baumaterial. So sollen die verfügbaren Materialien für den Wiederaufbau im Land bleiben.

Tausende Tote, unzählige Verschwundene

Rund drei Wochen nach den Doppelbeben wird das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. Nach offiziellen Angaben kamen mehr als 5.000 Menschen ums Leben. Wie viele Menschen weiterhin vermisst werden, dazu macht die Regierung keine Angaben. Eine privat eingerichtete Datenbank geht von etwa 30.000 Vermissten aus.

Auf dem Friedhof La Esperanza in La Guaira reihen sich weiße Kreuze hintereinander. Unter vielen steht kein Name, sondern ein QR-Code. Er führt zu den Daten bislang nicht identifizierter Opfer und soll Angehörigen helfen, ihre Familienmitglieder später zu finden. Für viele Familien ist die Suche nach Gewissheit noch immer nicht beendet.

Die vom Staat gebauten Häuser sollten die Wohnungsnot auch in Catia La Mar verringern. Doch wegen schlechter Bauweise hielten sie dem verheerenden Erdbeben nicht stand.

Angst vor einem Leben im Provisorium

Während Hilfsorganisationen Lebensmittel, Trinkwasser und Hygieneartikel verteilen, entstehen in La Guaira weitere Notunterkünfte. Gleichzeitig wächst unter den Betroffenen die Sorge, dass aus den Provisorien eine dauerhafte Lösung werden könnte. Zahlreiche Wohnhäuser gelten nach den Erdbeben als einsturzgefährdet oder müssen zunächst aufwendig renoviert werden.

Neben Lebensmitteln bräuchten die Menschen vor allem psychologische Unterstützung, sagt Jonas Brenner von Caritas International. Viele hätten Traumata erlitten. Die Hilfe werde noch lange benötigt. Teils haben die Menschen alles verloren: Familie, ihr Zuhause, die Arbeit

Die Regierung verweist unterdessen auf den Einsatz von Militär und Rettungskräften und betont, schnell gehandelt zu haben. Bewohner kritisieren dagegen, dass die Hilfe der eigenen Regierung nur schleppend angelaufen sei. Diese Kritik wird auch nach Untersuchungen von der Nichtregierungsorganisation Transparencia Venezuela untermauert. Sie kommt zu dem Schluss, dass die venezolanischen Behörden ihre Such- und Rettungskräfte deutlich langsamer mobilisierten als nach vergleichbaren Erdbeben in Chile, China oder zuletzt in der Türkei.

Laut den ausgewerteten offiziellen Zahlen sollen etwa 83 Prozent der Überlebenden in den ersten Tagen, also vor Eintreffen der Internationalen Hilfe, durch Selbstrettung oder Hilfe aus der unmittelbaren Nachbarschaft gerettet worden sein.

Freiheit bleibt eine Forderung vieler Venezolaner. Doch nach dem Erdbeben geht es vorerst um das tägliche Überleben – und die Suche nach den Opfern.

Mehr Mut aus Verzweiflung

Auch Katiuska Cartaya fordert Antworten. „Es gibt noch immer so viele Vermisste. Es heißt, sie seien in Krankenhäusern. Aber dort findet man sie nicht. Wo sind diese Menschen geblieben? Für uns heißt das: Vielleicht liegen sie noch unter den Trümmern ihrer Häuser.“ Trümmer, die mittlerweile mit schwerem Gerät abgetragen werden.

Die Katastrophe hat bei Cartaya etwas verändert. Sie sagt, sie habe inzwischen mehr Mut, ihre Stimme zu erheben. „Ich habe jetzt mehr Kraft. Wir haben eine Stimme. Wir kennen unsere Rechte und kämpfen dafür. Das haben wir früher nicht getan.“

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Dr. Heinrich Krämer
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