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Startseite»Nachrichten»Berlin Tag & Macht: Jens Spahn in: Das Ende der Unverwundbarkeit
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Berlin Tag & Macht: Jens Spahn in: Das Ende der Unverwundbarkeit

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 23, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Berlin Tag & MachtJens Spahn in: Das Ende der Unverwundbarkeit

23.07.2026, 19:21 Uhr Eine Kolumne von Marie von den Benken
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Man sollte Jens Spahn noch nicht endgültig abschreiben – mit gerade mal 46 Jahren könnte er politische Comebacks planen. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Politische Unsterblichkeit hat ein Verfallsdatum: Jens Spahn tritt zurück. Nach Maskendeals, Millionen-Villen und diversen Affären beendet ausgerechnet der Vorwurf der Doppelmoral seine Karriere als politischer Überlebenskünstler. Über einen Mann, der fast alles kannte. Außer Konsequenzen.

Rudi Assauer, der berühmteste Nachkriegs-Philosoph des Ruhrgebiets, prägte auf dem Höhepunkt seines lyrischen Schaffens den Jahrhundertsatz „Wenn der Schnee geschmolzen ist, siehst du, wo die Kacke liegt.“ Ein weltliterarisches Meisterwerk des Ziehvaters von Sophia Thomalla, der ehemaligen Vorsitzenden des Angela-Merkel-Fanclubs Pankow. Die metaphysische Klugheit, die diesen Worten innewohnt, ist bis heute der Leitfaden für politische Faktenchecks im einflussbesessenen Dunstkreis des Regierungsviertels.

Zwischen Reichstag, Kanzleramt, Bundespressekonferenz und Bundesrat befinden sich nicht nur die historischsten, sondern vor allem auch die machtvollsten Straßenzüge des Landes. Auf ihnen werden die Geschicke des Landes gesteuert, Touristen bewundern die imposanten Bauwerke und bildungsferne Israelkritiker schwadronieren „Globalize the Intifada“. Und, natürlich, in geheimen Hinterzimmern (oder im Borchardt) werden die wichtigsten Posten dieser Republik vergeben, Spitzenjobs neu verteilt und die erfolgreichsten und zielstrebigsten Protagonisten streben nach den einflussreichsten Schreibtischen. Insbesondere, wenn die Zeiten stürmisch sind, dreht sich das Personalkarussell der Macht schneller als die Augäpfel von Alice Weidel, wenn man sie fragt, wie oft sie im vergangenen Jahr wohl in ihrem Wahlkreis Überlingen am Bodensee übernachtet habe.

Maskenball im Gesundheitsministerium

Aber genug von Michael Bröcker und seinem Wechsel von „Table Media“ zu „Politico“. Kommen wir zur zweitwichtigsten Personalrochade der Post-WM-Woche. Als die schönste Nebensache der Welt ihren König krönte, hatten sich deutsche Fans bereits mit der Degradierung zur Lachnummer abgefunden und der deutsche WM-Kader war längst im Sommerurlaub. Genau dort, wo die Unions-Fraktion eigentlich auch sein wollte. Statt Urlaub litten Fans und christdemokratische Politiker jedoch weiter. Als nämlich die Nation noch dem Fußball-Kompetenzteam Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp, Mats Hummels, Thomas Müller und Laura Wontorra hinterhertrauerte, spendierte uns Jens Spahn, der Johannes B. Kerner der Unionspolitiker, einen dieser seltenen Momente in der deutschen Politik, in denen man morgens auf sein Smartphone schaut, durch die Eilmeldung scrollt und sich erstmal vergewissern muss, nicht versehentlich in einem alten Twitter-Chat zwischen Jan Böhmermann, Georg Restle, Carola Rackete, Diether Dehm und Kevin Kühnert gelandet zu sein: Jens Spahn muss zurücktreten!

Ein kurzer Faktencheck zeigte jedoch zweifelsfrei: Es stimmt. Nach 9999-Euro-Spendendinner, Fiege-Kumpanei, Millionen-Immobilien und Maskendeals bedeutet ausgerechnet diese Breaking News das Ende des Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion: „Spahn und Ehemann Daniel Funke sind erstmals Eltern geworden!“ Ein für politische Glaubwürdigkeit ungünstiges Detail: Das Kind stammt aus einer in den USA ausgetragenen Leihmutterschaft. Leihmutterschaft ist in Deutschland gesetzlich verboten. Das Embryonenschutzgesetz stellt künstliche Befruchtung und Embryonenübertragung unter Strafe bei einer Frau, die das Kind anschließend dauerhaft Dritten überlassen soll.

Das hätte er sich Spahn können!

Plötzlich stellen sich sogar Unionspolitiker die Frage: Ist Jens Spahn Anti-Fußballfan? Ist die schönste Nebensache der Welt für ihn nicht Fußball, sondern Moralbingo? Immerhin hatte Spahn sich zuvor gegen Leihmutterschaft ausgesprochen. Auch seine Partei lehnt sie ab. Dass die Wucht des daraus resultierenden Vorwurfs der Doppelmoral sowohl Spahn wie auch Friedrich Merz überrascht hat, wirft nicht unbedingt ein beruhigendes Licht auf die Frage, wie gut die Bundesregierung mit dem Empfindungsradius ihres eigenen Volkes synchronisiert ist.

Zumal die Kritik neben Spahns offenbar recht flexibler Messlatte zwischen politischen Standpunkten und eigenem Verhalten zusätzlich dadurch verschärft wurde, dass Leihmutterschaften aufgrund möglicher ökonomischer Ausbeutung von Frauen, Kommerzialisierung von Schwangerschaft und Kindeswohlfragen insgesamt ethisch umstritten sind. Auch dort, wo sie aktuell legal sind. Wie in einigen Bundesstaaten der USA beispielsweise.

In den Trümmern einer grotesk verfehlten Kommunikationsstrategie endet daher zumindest vorerst eine der erstaunlichsten politischen Überlebensgeschichten der Bundesrepublik. Die von Jens Spahn. Der Mann, der seit 2002 im Bundestag sitzt, drei Kanzler, sechs Bundestrainer und ungefähr 64 SPD-Vorsitzende erlebt hat, ist machtrelevant abgemeldet. Wobei: sein lukratives Bundestagsmandat behält er. Klar. Man muss es mit Rücktritten ja auch nicht gleich übertreiben.

Der Kanzler wird emotional

Feinstes Material für alle Kabarettisten, Experten und Richard David Precht also. Und als hätte Alfred Hitchcock das Drehbuch persönlich verfasst, liegt passgenau in derselben Woche auch noch: das Sommerinterview. Anders als der Name vermuten lässt, wird dabei leider nicht der Sommer interviewt, sondern Spitzenpolitiker. Sommerinterviews sind ZDF-Formate, in denen der jeweilige Kanzler vor dekorativem Grün sitzt und 25 Minuten lang erklärt, das Land befinde sich im Prinzip eigentlich fast genau in dem Zustand, den er im Koalitionsvertrag einst prophezeit hatte.

Traditionell stürzen sich Hauptstadtpresse und der Gelehrtenrat aus den Social-Media-Kommentarspalten dann sogleich genüsslich auf den Reigen an zitierfähigen Spezialaussagen, zu denen der Kanzler sich im Laufe des Gesprächs hinreißen lässt. Bei Merz sorgte besonders der Satz, er bekäme sehr viel Zustimmung, für zahlreiche komödiantische Begleitkommentare. Dabei hat Merz recht. Morgens beim Frühstück beispielsweise versichert ihm Ehefrau Charlotte regelmäßig aus erster Hand, er wäre ziemlich bombastisch unterwegs.

Der Rest des Sommerinterviews wurde aus tagesaktuellem Anlass zu einem öffentlich-rechtlichen Nachruf auf die Karriere von Jens Spahn. Merz bezeichnete den Rücktritt seines Fraktionsvorsitzenden sinngemäß als unvermeidlich, machte aber auch deutlich, dass die Dramatik der letzten Tage seiner Meinung nach mit Spahns Person zu tun gehabt hätten. Für Friedrich Merz schon beinahe ein emotionaler Ausbruch.

Spahn ist weg, Thorsten ist Frei

Und Merz blieb in Geberlaune. Überraschend schloss er beispielsweise eine Kabinettsumbildung nicht aus. Was zunächst etwas verblüffend klingt. Spahn war ja gar nicht im Kabinett. Und auch der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig. Schwarz-Rot wollte in den kommenden Wochen eigentlich demonstrieren, nach einem Jahr Dauerstreit würde nun wieder seriös regiert. Stattdessen besteht die Wahrnehmung erneut überwiegend aus Krisensitzungen, Personaldebatten und der Frage, welcher Unionspolitiker morgens noch denselben Job hat wie am Abend zuvor.

Und auch wenn viele Spahn-Kritiker dieser Tage den Fanta 4 Hit „Jens ist er weg, weg, und Merz ist wieder allein, allein!“ auf den Lippen haben: Man sollte Jens Spahn noch nicht endgültig abschreiben. Er ist 46 Jahre alt. Für einen Spitzenpolitiker ist das praktisch Embryonalstadium. Merz wurde mit 69 Bundeskanzler. Spahn bleiben mehr als zwei Jahrzehnte für Comebacks, Memoiren, Aufsichtsratsposten, Podcasts und mindestens acht weitere Kandidaturen für diverse CDU-Ämter.

In der Zwischenzeit braucht Merz aber Ersatz. Das Anforderungsprofil: ein Konservativer mit gutem Draht zur SPD. Schnell dachte man: Warum dann nicht Boris Pistorius? Nach Absprache mit Schattenkanzler Markus Söder wird es nun aber ein anderer: Thorsten Frei übernimmt. Spahn kann derweil darüber nachdenken, wie aus einem 22-jährigen Bundestagsabgeordneten innerhalb von 24 Jahren einer der umstrittensten Politiker Deutschlands wurde. Mit einer Karriere voller Aufstiege, Affären, Comebacks und Krisen. Man könnte sagen: Jens Spahn hat in knapp einem Vierteljahrhundert Bundestag fast alles erlebt. Nur eines kannte er bislang nicht: politische Konsequenzen. Schön, dass man auch mit 46 noch etwas Neues lernen kann.

Quelle: ntv.de

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