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Ein Stück „Friedensarbeit“: Junge Europäer pflegen Kriegsgräber

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 24, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Ein Stück „Friedensarbeit“Junge Europäer pflegen Kriegsgräber

Corsetti aus Venedig putzt mit Bürste und Wasser auf dem Westfriedhof den Grabstein für unbekannte Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. (Foto: picture alliance/dpa)

Junge Freiwillige aus ganz Europa schrubben Kriegsgräber in Magdeburg – zwischen Moos und Namenlosen wächst ein leises Verständnis für Vergangenheit, Verantwortung und Frieden. Was bewegt und verbindet sie?

Mehr als 20 Augenpaare sind auf die prall gefüllten Schubkarren gerichtet. Ein kurzer Check: Eimer, Schwämme, Bürsten und Lappen befinden sich in den Karren, zudem liegen Harken, Spaten, Handschuhe, Getränke und Snacks bereit. Dann geht es für die Gruppe schnellen Schrittes über den Magdeburger Westfriedhof zu einer Rasenfläche, auf der mehr als 130 Steinkreuze rechts und links eines Weges stehen. Eines wie das andere, mit Namen unterschiedlicher Anzahl beschriftet und ohne jeden Grabschmuck.

„Soldaten 1939/1945“ ist auf einem alten Schild am Weg zu lesen. Die Kreuze mahnen – in ihrer ganzen, präsenten Einfachheit. Nach einer kurzen Einweisung in englischer Sprache verteilen sich viele junge Menschen mit den Arbeitsutensilien auf dem Grabfeld. Es werden Unkräuter entfernt, Grasnarben begradigt und Moos und Dreck mit klarem Wasser von den Steinoberflächen der Kreuze geschrubbt.

Das ist anstrengend, aber die Stimmung ist gut. Niemand daddelt auf dem Handy, alle packen an und helfen einander. Es wird allein oder in kleinen Teams gearbeitet. Allesamt eint sie die aktive Auseinandersetzung mit den Schicksalen hinter den Grabstätten und mit einer Gedenk- und Erinnerungskultur im Umbruch.

Guillaume Krezdorn kommt aus Tours in Frankreich. Der 19-jährige Student der Politikwissenschaften gehört zur Gruppe des internationalen Workcamps „Magdeburg international“, das der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert hat. Ein Projektschwerpunkt liegt auf der praktischen Arbeit auf dem 62,5 Hektar großen, denkmalgeschützten Magdeburger Westfriedhof, wo Gräber von Kriegstoten und Opfern von Gewaltherrschaft gepflegt werden. „Friedensarbeit“ nennt es Dieter Steinecke, der bis 2023 Vorsitzender des sachsen-anhaltischen Landesverbandes im Volksbund war. „Gerade junge Leute müssen ein klares Signal setzen“, betont der 82-Jährige.

Praxisarbeit, Exkursionen und Austausche

23 Jugendliche und junge Erwachsene aus mehreren Ländern sind vom 11. bis 24. Juli in Magdeburg. Guillaume will vor allem etwas lernen, sagt er. „Über die Weltkriege und wie andere Städte und Menschen damit umgehen und darüber denken.“ Neben der praktischen Arbeit auf dem Friedhof stehen auch Austausche und Exkursionen an, etwa zur Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelegen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus Deutschland, Rumänien, der Türkei, Ungarn, Frankreich, der Ukraine und Italien. Das Camp-Motto lautet „Erinnern verbindet“, auf den Shirts der Freiwilligen ist der Slogan „together for peace“ (gemeinsam für den Frieden) zu lesen. 

Valentina Corsetti ist die einzige Italienerin und mit 25 Jahren eine der ältesten im Camp. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr 1937 geborener Opa war als Kleinkind mit den Eltern auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. „Es ist für mich ein bisschen wie Familienrecherche“, erzählt Corsetti über ihren persönlichen Bezug zur Geschichte. „Wir alle hier kennen die Theorie über die Grausamkeit von Krieg, aber hier haben wir so etwas wie die Praxis.“ 

Etwa 15 Minuten braucht die aus Venedig stammende Studentin der Deutschen Sprachwissenschaft für die Reinigung eines Grabkreuzes. Jeden Bürstenstrich führt sie behutsam aus, entfernt jeden Schmutz- und Moosrest aus den in Stein gemeißelten Schriftzügen. Manchmal sind es die Gräber Namenloser, die sie und die anderen pflegen. Dann steht nur „unbekannter Soldat“ auf dem steinernen Kreuz. Corsetti benutzt das Wort „Postmemory“, das das Verhältnis der Nachfolgegeneration zu den Traumata der Vorgängergeneration beschreibt. „Das hier ist Vergangenheit, aber die Wirkung zeigt sich bis heute.“ 

Historisch-politische Bildungsarbeit seit 1953

Internationale Jugendbegegnungen und Workcamps haben beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Tradition. Er ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. 1953 fing auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Lommel alles an, der als der größte deutsche Soldatenfriedhof des Zweiten Weltkriegs im westeuropäischen Ausland gilt. Es war die Geburtsstunde des Leitmotivs „Versöhnung über den Gräbern“.

Bei der Organisation des Workcamps ist es den Verantwortlichen beim Volksbund wichtig, eine möglichst große Multinationalität und viele Perspektiven hineinzubringen. „Für Magdeburg gab es eine freie Ausschreibung für 16- bis 25-Jährige im Internet“, sagt Anne Schieferdecker aus dem Hauptstadtbüro des Volksbundes in Berlin. Für das Magdeburger Camp sind den Angaben zufolge Teilnahmegebühren in Höhe von 200 und 150 Euro fällig – je nach EU- oder Nicht-EU-Herkunftsland. Für zwei Wochen sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einer Herberge des Europäischen Bildungswerks für Beruf und Gesellschaft in Magdeburg-Westerhüsen untergebracht. „Um die Anreise hat sich jeder selbst gekümmert“, sagt Schieferdecker.

30 Projekte und Veranstaltungen in diesem Jahr

Die 42-Jährige arbeitet seit 2016 im Referat Internationale Jugendbegegnungen. „In diesem Jahr stehen europaweit etwa 30 Workcamps und andere Veranstaltungen der Jugendarbeit auf dem Plan. In den meisten Projekten arbeiten wir mit internationalen Partnerorganisationen zusammen.“ Geleitet werden die Camp-Akteure immer von sogenannten Teamern. Sie arbeiten als Betreuer und waren zuvor oft selbst als Teilnehmer dabei. „Der klassische Weg“, sagt Schieferdecker. In Magdeburg kümmern sich vier Teamer aus Deutschland und Rumänien um die Gruppe.

Die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt war schon mehrmals Gastgeberort für ein Volksbund-Jugendcamp. Für den Landesvorsitzenden Andreas Arnsfeld hat das entscheidend mit dem Schicksal der Stadt zu tun, die 1631 im Dreißigjährigen Krieg und 1945 im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstört wurde. „Friedhöfe sind nicht nur Orte des Erinnerns, sie sind auch Orte des Lernens“, sagt Arnsfeld. „Sie helfen uns, Geschichte zu verstehen und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.“ Arnsfeld lobte den Austausch von Meinungen und Perspektiven, die ein solches Camp mit sich bringe. „Ich habe an die jungen Menschen appelliert: Nutzt diese Zeit gut. Stellt Fragen, hört aneinander zu und lernt voneinander.“

Quelle: ntv.de, Sabrina Gorges, dpa

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