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Politik

Reaktion auf CSD-Anschlag: „Queerfeindlichkeit beim Namen nennen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 28, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Interview

Stand: 28.07.2026 • 15:15 Uhr

Mehr Ehrlichkeit von der muslimischen Gemeinschaft – das verlangt Eren Güvercin von der Alhambra-Gemeinschaft nach dem CSD-Anschlag. Queerfeindlichkeit sei Realität. Darüber hinaus warnt er vor „enthemmten“ Islamisten in sozialen Netzwerken.

tagesschau24: Der Vater des mutmaßlichen CSD-Attentäters Abdul B. hat im Interview mit dem Spiegel den Verdacht geäußert, sein Sohn sei einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Losgelöst von diesem Einzelfall: Wie läuft so eine Gehirnwäsche ab?

Eren Güvercin: Insbesondere seit dem 7. Oktober 2023, nach dem schrecklichen Terrorangriff der Hamas auf Israel, können wir in den sozialen Netzwerken eine enthemmte islamistische Szene beobachten. Sie nutzen die Emotionalisierung des Nahost-Konflikts, um insbesondere junge Menschen mit ihrer Ideologie zu indoktrinieren und zu rekrutieren.

Das geht einher mit antisemitischen Narrativen, aber auch mit queerfeindlichen Einstellungen. Und das wird vor allem in den sozialen Netzwerken propagiert. Insbesondere von jungen Menschen mit gut produzierten Videos, die auch Elemente aus der aktuellen Jugendkultur verwenden. Also sie sind sehr modern unterwegs und versuchen dort junge Menschen zu indoktrinieren.

Alhambra-Gesellschaft

Die liberal-muslimische Alhambra-Gesellschaft wurde 2017 in Köln gegründet. Sie beschreibt sich als Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich zum Ziel gesetzt hat, jungen Muslimen einen Zugang zu politischer Bildung, Kunst und Kultur zu verschaffen. Die Gesellschaft veranstaltet unter anderem Diskussionen und Vortragsreihen. Eren Güvercin ist stellvertetender Vorsitzender. Aktuell arbeitet er in einen Islamismus-Präventionsprojekt.

„Täter werden immer jünger“

tagesschau24: Wer sind diese Leute, die Menschen so zu potenziellen Attentätern machen?

Güvercin: Es sind natürlich ganz unterschiedliche Leute. Wir haben immer noch den sogenannten Islamischen Staat, der zwar in Syrien und im Irak militärisch besiegt ist, aber der immer noch existiert, auch in anderen Regionen der muslimischen Welt. Sie versuchen, gezielt Ausschau zu halten nach jungen Menschen, die leicht beeinflussbar sind, die vielleicht schon islamistisch ideologisiert sind. Und dafür versuchen sie vor allem über Telegram-Gruppen junge Menschen gezielt anzusprechen, so dass sie Anschläge wie jetzt am Samstag in Europa, in Deutschland verüben.

Solche Fälle gab es in den letzten Jahren immer mehr. Und das Erstaunliche ist oder das Bemerkenswerte ist, dass die Täter auch immer jünger werden. Also wir müssen viel mehr die Aufmerksamkeit darauf richten, wie wir junge Menschen gerade auch im digitalen Raum resilienter machen können gegenüber islamistischen Akteuren, die versuchen, diese Menschen zu rekrutieren und zu ideologisieren.

„Akteure sind oft in Deutschland geboren und aufgewachsen“

tagesschau24: Schauen wir mal auf genau diesen Adressatenkreis. Wie kann es sein, dass sich Menschen, die hier in Deutschland geboren wurden, hier zur Schule gegangen sind, die deutsche Sprache sprechen, dass diese Menschen sich radikalisieren und gegen unsere offene Gesellschaft vorgehen, indem sie Attentate begehen?

Güvercin: Wir müssen, glaube ich, als Gesellschaft realisieren, dass Islamismus nicht nur ein Problem ist, was seit 2015 irgendwie in Erscheinung getreten ist. Natürlich gibt es auch unter den Geflüchteten Menschen, die bereits in ihren Heimatländern radikalisiert waren.

Aber wenn wir von den Schlüsselakteuren der islamistischen Szene bei uns sprechen, dann sind das in der Tat mehrheitlich Akteure, die häufig in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, hier sozialisiert sind. Das zeigt uns, dass wir gerade jungen Menschen Orientierung geben müssen. Und da sind wir auch als muslimische Community gefragt. Es kann nicht sein, dass wir nach jedem Anschlag sagen, das habe mit dem Islam nichts zu tun.

Das klingt gut und das beruhigt vielleicht im ersten Moment auch die Öffentlichkeit. Aber es hat durchaus etwas mit dem Islam zu tun. Denn die Attentäter – sei es gegen queere Menschen, Jüdinnen und Juden oder Synagogen gerichtet – rechtfertigen ihre Taten durchaus auch religiös. Und da brauchen wir aus der deutsch-muslimischen Community heraus eine kritische Perspektive darauf, eine kritische Auseinandersetzung. Man muss antisemitischen oder queerfeindlichen Narrativen nicht nur offensiv und öffentlich widersprechen, sondern man muss den Akteuren auch die religiöse Grundlage nehmen, damit sie nicht junge Menschen beeinflussen können. Und da ist sehr viel Luft nach oben.

Der Koordinationsrat der Muslime hat gestern eine Pressemitteilung veröffentlicht, darin wurden Terror und Gewalt in all ihren Formen auf Schärfste verurteilt. Aber die Opfer wurden nicht erwähnt. Es geht hier ganz gezielt um einen islamistisch motivierten Anschlag auf queere Menschen. Queerfeindlichkeit ist eine Realität in muslimischen Communities, und das müssen wir beim Namen nennen.

Und auch das Tatmotiv des Täters wurde mit keinem Wort erwähnt und das ist nicht die richtige Herangehensweise, wenn wir das Problem wirklich offensiv bekämpfen wollen.

tagesschau24: Aber warum tut sich der Islam mit Homosexualität so schwer?

Güvercin: Es gibt natürlich in den religiösen Grundlagen, in den religiösen Quellen Anknüpfungspunkte für islamistische Akteure, ihre homophoben Einstellungen, ihre queerfeindlichen Einstellungen und auch antisemitischen Einstellungen religiös zu legitimieren. Diese Quellen müssen wir historisch-kritisch einordnen. Jede Religionsgemeinschaft hat diese Aufgabe hinter sich bringen müssen. Es war auch kein einfacher Prozess für die christlichen Kirchen, sich mit Homosexualität als Realität auseinanderzusetzen. Das war ein langer, häufig auch ein sehr schmerzvoller Prozess.

Dadurch, dass muslimische Verbände dieses Problem gar nicht erst beim Namen nennen, werden wir des Problems nicht habhaft werden. Und es ist leider Realität in vielen Gemeindestrukturen, in Moscheegemeinden, dass queere Menschen ihre Identität verstecken müssen, sonst werden sie in den Gemeinden ausgegrenzt und anders behandelt als andere Gemeindemitglieder. Und mit diesen Realitäten müssen wir uns als Muslime selbstkritisch konfrontieren und das aufarbeiten.

Das Gespräch führte Carl-Georg Salzwedel. Es wurde für die schriftliche Fassung leicht gekürzt.

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