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Startseite»Politik»Palästinensergebiete: Siedlergewalt im Westjordanland eskaliert
Politik

Palästinensergebiete: Siedlergewalt im Westjordanland eskaliert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 29, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Reportage

Stand: 29.07.2026 • 11:05 Uhr

Tote, Brandanschläge und zerstörte Häuser: Ein Zwischenfall mit zwei getöteten Israelis und vier Palästinensern hat eine neue Eskalation der Gewalt in Gang gesetzt. Die israelische Armee lässt die radikalen Siedler offenbar gewähren.

Bettina Meier

Was auf dem Handy-Video zu sehen ist, wirkt verstörend: Etwa 200 Siedler kommen von einem Hügel im von Israel besetzten Westjordanland herab, zünden im palästinensischen Dorf Sarra unweit von Nablus Autos an, legen im Haus von Mohammad Turabi Feuer.

Seine Kinder sind im Obergeschoss. Turabi hat die Schlafzimmertür abgesperrt. Die Brandschäden im Haus und sein völlig verkohltes Auto nennt er Glück im Unglück: „Sie hatten Molotowcocktails dabei. Ihr Ziel war es, zu töten. Sie haben mein Auto verbrannt, das verschmerze ich. Das Wichtigste ist, dass meinen Kindern nichts passiert ist.“

Eskalation nach Zwischenfall in Tell bei Nablus

Die Siedler seien durch die offenen Türen im Haus gelaufen und hätten in allen Zimmern Feuer gelegt, erzählt er weiter. „Ich habe drei Jungs und ein Mädchen. Mein Ältester ist elf Jahre alt. Ich danke Gott, dass niemand gestorben ist.“

Die Angriffe in Sarra seien ein Racheakt Hunderter jüdischer Siedler gewesen, sagt Turabi. Seit am vergangenen Freitag im Nachbarort Tell ein Siedler, ein Soldat und vier palästinensische Dorfbewohner getötet wurden, ufert die Gewalt im Westjordanland aus. Turabi berichtet, dass die Siedler bei ihrem Angriff auf Sarra etwa 10.000 Olivenbäume mit Bulldozern entwurzelten. Die Lebensgrundlage vieler im Dorf sei zerstört.

„Sie haben mein Auto verbrannt, das verschmerze ich. Das Wichtigste ist, dass meinen Kindern nichts passiert ist“, sagt Mohammad Turabi.

Israel will Militäreinsätze ausweiten

Das Militär hat Zufahrtsstraßen in der Region gesperrt. Israels Premier Benjamin Netanjahu kündigte eine Ausweitung der Militäreinsätze an. In Tell wurden Häuser durchsucht, Dutzende Palästinenser verhaftet.

Auch Mitglieder der Familie Ramadan aus Tell wurden verhört, erzählt Ihab Ramadan. Sein Bruder Farouq wurde bei der Auseinandersetzung zwischen Siedlern und Dorfbewohnern erschossen. „Farouq versuchte, unseren Ort vor den Siedlern zu schützen, die hierherkamen“, berichtet er. „Hier leben Kinder, Frauen, junge Leute. Farouq wollte die Jugendlichen im Dorf von den Siedlern fernhalten.“

Der kleine Ort Tell liegt südwestlich von Nablus im Westjordanland.

Dennoch sei es zu einem Gerangel gekommen. Als die israelische Armee eingetroffen sei, seien die Siedler zunehmend aggressiv geworden. Ihab Ramadan ist sich sicher: „Wären sie allein gewesen, wären sie geflüchtet. Aber mit der Armee im Rücken fühlen sie sich stark, schlagen und schießen. Sie machen, was sie wollen. Farouq wollte seinem Cousin helfen, der an der Hand verletzt war. Farouq hat rot gesehen.“

Sein Bruder habe an der Waffe eines Siedlers gerissen, in die Luft gefeuert, sei vom Militär erschossen worden, drei seiner Cousins ebenfalls. Auf Videos, die Dorfbewohner gefilmt haben, ist zu sehen, wie ein israelischer Siedler mit erhobener Waffe auf die Palästinenser zugeht, ein Mann entreißt ihm die Waffe. Ein anderes zeigt, wie israelische Soldaten auf Männer schießen.

Zwischenfall in Tell noch nicht aufgeklärt

Auf Nachfrage der ARD gibt die Armee an, es seien Schüsse auf beiden Seiten gefallen, ein „palästinensischer Terrorist“ habe einem Sicherheitsbeamten die Waffe gestohlen. Ein Soldat und ein Wachmann seien getötet worden sowie vier Palästinenser. Der Vorfall ist nicht aufgeklärt.

Die Armee nennt ihr Vorgehen einen „Anti-Terroreinsatz“, Farouq Ramadan einen „Terroristen“. Damit begründe sie, dass seine Wohnung demoliert werden soll, erzählt sein Bruder Ihab.

Unser Telefon klingelte um drei Uhr nachts. Es war die Armee. Sie sagten: ‚Wir sind an eurer Tür. Nehmt die wichtigsten Dinge aus der Wohnung von Farouq. Kleidung für seine fünf Kinder, seine Mutter, nicht mehr.‘ Wir wollten alles rausholen, aber sie erlaubten es nicht. Als es hell wurde, haben sie Farouqs Wohnung mit rotem Wachs versiegelt, die Tür zugeschweißt. Sie verboten uns, ins Haus zu gehen bis zum Abriss. Sie sagten, sie würden das Haus abreißen.

Hausrat stapelt sich im Freien: Im Westjordanland wächst die Angst vor neuer Gewalt.

„Nicht die Täter getroffen“

25 Familienmitglieder von Farouqs Familie leben im Haus, sagt Ihab. Sollten Bulldozer es zerstören, muss die Familie ausziehen. Der israelische Sicherheitsexperte für Siedlungspolitik und Gründer der Nichtregierungsorganisation Kerem Navot, Dror Etkes, kritisiert, die Reaktion der Armee treffe nicht die Täter, sondern die palästinensische Bevölkerung.

Er warnt vor einem alarmierenden Muster: „Das israelische Militär unterstützt die Siedler, so wie in diesem Fall. Sie sehen zu und lassen die Siedler gewähren. Die Tatsache, dass Soldaten dort waren und zur Gewalt beigetragen haben, ist nicht neu.“ Das Westjordanland habe sich in den vergangenen drei Jahren völlig verändert.

Berichte über Drohungen von radikalen Siedlern

Im Innenhof der Familie Ramadan in Tell stapeln sich Matratzen, Kinderbett, zwei Kühlschränke, Spielzeug, Geschirr und Stühle. Alles, was die Familie bergen konnte, bevor die Armee die Wohnung von Farouq Ramadan versiegelte.

Auch Bürgermeister Walid Zidan ist da. „Sie haben uns gedroht, dass jeder, der etwas gegen Siedler unternimmt, bestraft wird“, sagt er. „Die Siedler sind in unser Dorf gekommen und haben uns bedroht. Das hier ist gemäß den Oslo-Vereinbarungen ein Gebiet, in dem wir Palästinenser die Kontrolle haben. Die Israelis unterscheiden nicht mehr. Alles steht zur freien Verfügung.“

Gerade hat Israels rechter Finanzminister Smotrich gedroht, die Oslo-Friedensverträge aufzukündigen. Bürgermeister Zidan fürchtet, dass nun in der Nähe von Tell ein neuer illegaler Siedleraußenposten entsteht. Dann dürfte die Gewalt weiter ausufern.

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