Hintergrund
Eigentlich galt BMW als „Streber“ unter den deutschen Autobauern. Doch nun streichen auch die Münchner Tausende Stellen. Warum BMW wohl doch kein Sonderfall ist.
Zunächst schien es, als ob BMW in der derzeitigen Autokrise noch recht unbeschadet davonkommt. Zwar leiden auch die Münchner unter rückläufigen Verkäufen und Gewinnrückgängen. Doch von größeren Stellenstreichungen oder gar von möglichen Werksschließungen wie beim VW-Konzern war bislang nicht die Rede.
Das hat sich nun geändert. Im Vorfeld einer Betriebsversammlung in München informierten der Vorstandsvorsitzende Milan Nedeljkovic und der Chef des Gesamtbetriebsrats Martin Kimmich die Beschäftigten über die Abbaupläne. Per Video waren die anderen Standorte in Deutschland zugeschaltet.
BMW plant freiwilliges Abfindungsprogramm
Laut Unternehmenskreisen wird es in den nächsten Monaten ein freiwilliges Abfindungsprogramm geben, das bis Ende nächsten Jahres laufen soll. Es richtet sich nicht an die Mitarbeitenden in der Produktion, sondern nur an die Beschäftigten im sogenannten indirekten Bereich, also in der Verwaltung, im Vertrieb und in der Entwicklung. Es soll auch keine Listen geben, sondern allen Mitarbeitern in diesem Bereich angeboten werden.
Die Rede ist von rund 40.000 bis 50.000 Beschäftigten in Deutschland. Diese sollen sich freiwillig entscheiden können, ob sie das Angebot annehmen oder nicht. Auf diese Weise und mit anderen Maßnahmen sollen weltweit rund 8.000 Stellen gestrichen werden, wie es heißt.
Wer mit Schrot schießt, schießt ungenau
Während man im Unternehmen lobt, dass sich das Programm eben an alle Mitarbeiter im indirekten Bereich richtet, sieht das der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer kritisch. Das zeige, dass es keinen Abbauplan gebe, sondern mit Schrot geschossen werde. Und überall, wo mit Schrot geschossen werde, treffe man ungenau.
Offiziell gibt es noch keine Bestätigung über das Programm, weder vom Vorstand noch vom Betriebsrat. Offensichtlich sind auch noch einige Detailfragen zu klären. Weltweit hat BMW rund 154.000 Mitarbeiter, deutlich mehr als die Hälfte davon, nämlich mehr als 84.000, in Deutschland.
Vorstandschef verteidigt Sparpläne und kritisiert Politik
Wie Gesprächsteilnehmer berichten, hat der neue Vorstandsvorsitzende Nedeljkovic betont, dass es in der Branche gerade um eine substanzielle Veränderung der Spielregeln gehe. Und er gab auch der Politik mit die Schuld. Er sprach von marktfernen politischen Zielvorgaben. Weder der Protektionismus, noch die gravierenden Marktveränderungen würden wieder verschwinden. Daher müsse man jetzt – schnell und konsequent – die Strukturen und Prozesse verschlanken.
Unterstützung erhielt er vom bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern. In einer Pressemitteilung forderte dieser „bessere wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen auf Bundes- und EU-Ebene“. Die Unternehmen bräuchten endlich wieder verlässliche und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen. Die Arbeitszeitregelungen und die Lohnnebenkosten müssten international wettbewerbsfähig sein, sonst werde immer mehr Produktion ins Ausland verlagert, so Aiwanger.
Stellenstreichungen hatten sich angedeutet
Es gab bereits erste Anzeichen für einen größeren Stellenabbau. So hatte BMW bereits in seinem jüngsten Geschäftsbericht 2025 darauf hingewiesen, dass in diesem Jahr mit einer „leicht sinkenden Anzahl von Mitarbeitern“ zu rechnen sei. „Leicht“ heißt bei BMW zwischen einem und fünf Prozent. Das wären bei 154.000 Mitarbeitenden zwischen 1.500 und rund 7.500.
Der Vorstand unter Nedeljkovic hatte dann vor wenigen Wochen noch seine Gewinnziele für dieses Jahr nach unten korrigiert. Er rechnet nun mit leicht sinkenden Verkäufen und einem deutlichen Gewinnrückgang. Und dabei wurde auch angekündigt, dass die laufenden Kostensenkungen in diesem Jahr durch weitere Struktur- und Effizienzmaßnahmen intensiviert und beschleunigt werden sollen.
BMW hat erst seit kurzem einen neuen Chef. Und wie es bei Chefwechseln häufig zu beobachten ist, macht „der Neue“ auch bei BMW erst einmal reinen Tisch: Nedeljkovic erledigt unangenehme Aufgaben gleich zu Anfang – zumal die Zeit drängt.
Talfahrt in China zwingt zum Handeln
Einerseits scheint das Sparprogramm noch vergleichsweise mild auszufallen – im Gegensatz zu denen der anderen deutschen Autobauer: Mercedes, Porsche und allen voran von VW, wo gar über Werksschließungen diskutiert wird. Andererseits ist es ein weiteres Signal dafür, dass die Branche im Strukturwandel ist. Die Industrie hatte offenbar gedacht, dass sie noch etwas mehr Zeit hat.
Dies galt insbesondere für das China-Geschäft. Doch dort hat sich die Talfahrt zuletzt beschleunigt. Mercedes, Audi und BMW haben auf dem weltweit größten Automarkt in den vergangenen Monaten 20 bis 30 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft als im Vorjahreszeitraum. Und eine Besserung dort ist so schnell nicht in Sicht. Das bedeutet: Die Zeit drängt, wenn man nicht in die roten Zahlen rutschen oder gar den Anschluss verlieren will. Und das gilt eben auch für BMW.
Man habe die Münchner immer als Sonderfall gesehen, doch das seien sie eben nie gewesen. Der Münchner Autohersteller unterscheide sich nicht grundsätzlich von den anderen Herstellern hierzulande, meint Autoexperte Stefan Bratzel.
