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Startseite»Politik»Verhindert Israel humanitäre Hilfe im Gazastreifen?
Politik

Verhindert Israel humanitäre Hilfe im Gazastreifen?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 30, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 30.07.2026 • 16:12 Uhr

In Gaza werden sie dringend gebraucht – doch Israel lässt viele Güter für den Alltag nicht über die Grenze. Die Begründung: Die Hamas könnte sie militärisch nutzen. Hilfsorganisationen sehen das anders.

Jan-Christoph Kitzler

Noch laufen zumindest einige Maschinen von Atef Odeh in Gaza-Stadt. Odeh betreibt eine private Wasserentsalzungsanlage. Sein Wasser ist ein begehrtes Gut im flächendeckend zerstörten Gazastreifen, wo die allermeisten Menschen in Notunterkünften leben.

Sein Wasser läuft in große Behälter. 120 Kubikmeter Trinkwasser, also 120.000 Liter, will Odeh heute herstellen. Ob das klappt, weiß der Ingenieur noch nicht. Unter normalen Bedingungen könne er die Anlage 15 Stunden lang betreiben, sagt Odeh. Doch er habe kein Diesel für die Stromerzeugung durch Generatoren und auch kein Motoröl. Die Transportfahrzeuge hätten keine guten Reifen. „Die Lage ist äußerst dringlich.“

Weniger als sechs Liter Wasser pro Tag

Denn die Menschen in Gaza brauchen sein Wasser. Nach Angaben des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) hat die Mehrheit der Haushalte im Gazastreifen weniger als sechs Liter Trinkwasser pro Tag pro Person zur Verfügung. Das ist bei weitem nicht genug. Laut UN hat sich die Lage in den vergangenen Wochen nochmal verschlechtert. Menschen in Deutschland können im Durchschnitt mehr als 120 Liter am Tag nutzen.

Odeh beliefert mit seinem Wasser 27 Flüchtlingslager, manche davon täglich. Doch seine Maschinen sind am Limit – auch weil die nötigen Ersatzteile nicht in den Gazastreifen kommen. Deshalb kann er seinen Hauptgenerator gerade nicht nutzen.

Wasserkrise ist menschengemacht

Zudem brauche er dringend neue Filter, weil die Leistung seiner alten Filter um circa 50 Prozent nachgelassen haben. Die Qualität sinkt, die Kosten und Produktionszeit steigen. „Ich brauche mehr Zeit. Ich brauche mehr Diesel. Ich brauche mehr synthetisches Öl“, sagt Odeh.

Israel kontrolliert, was in den Gazastreifen hineinkommt. Die Wasserkrise ist also menschengemacht. Und was hineingelassen wird, ist ein ständiger Aushandlungsprozess. Israel will verhindern, dass Hilfsgüter auch von der Hamas zu Terrorzwecken genutzt werden. Diese Hilfen werden Dual-Use-Güter genannt, weil sie einen doppelten Nutzen haben könnten.

Was gehört zu den Dual-Use-Gütern?

Israel missbrauche die Dual-Use-Thematik, um die Versorgungslage im Gazastreifen schlecht zu halten, lautet der Vorwurf von Hilfsorganisationen. Doch die Definition, was Dual Use ist, ist nicht klar. Und die Verfahren sind nicht transparent. Mit dem Begriff haben auch Völkerrechtler wie Kai Ambos Schwierigkeiten. Ambos ist Professor an der Universität Göttingen und hat ein Buch mit dem Titel „Staatsräson nach Gaza“ veröffentlicht.

Laut Ambos ist das Problem, dass im Grunde alles missbraucht werden könne. „Ich kann ein Küchenmesser nutzen, um jemanden zu töten oder, um Kartoffeln zu schälen“, erklärt Ambos. Das stünde im Widerspruch mit humanitären Verpflichtungen.

Israel ist verpflichtet, Hilfen zuzulassen

Laut Ambos ist Israel als Besatzungsmacht eben verpflichtet, ausreichend Hilfen zuzulassen: „Wenn Menschen sterben, weil es kein sauberes Wasser gibt oder weil es eine Rattenplage gibt, dann ist das auf jeden Fall völkerrechtswidrig und unverhältnismäßig.“ Es könne nicht sein, dass Dual Use die humanitäre Hilfe komplett einschränke, fügt Ambos hinzu.

Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz haben einen Überblick, was im Gazastreifen benötigt wird und was immer wieder nicht in das Gebiet gelassen wird. Seife, Baumaterial, Zeltstangen und Medikamente: Immer wieder gebe es Probleme an der Grenze, sagt Patrick Griffith, Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Jerusalem.

Krankheiten könnten vermieden werden

Es müssten Reparaturen durchgeführt werden, mit welchen die Bevölkerung umfassend versorgt werden könne, so Griffith weiter. Auch die Wasserversorgung in Gaza könne dann deutlich verbessert und der Anstieg von Krankheiten wie Krätze vermieden werden.

Wir wissen, dass durch Wasser übertragene Krankheiten wie Durchfall im Gazastreifen Todesopfer fordern. Menschen sterben daran.

Patrick Griffith, Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Jerusalem.

Er führe diesbezüglich zahlreiche Gespräche mit verschiedensten Personen. Auch mit den israelischen Behörden und deren Verpflichtungen im Rahmen des humanitären Völkerrechts. Diese Arbeit stoße an Grenzen und sei frustrierend, so Griffith.

Ein vertriebener palästinensischer Jugendlicher auf der Suche nach Wasser

Jeden Tag droht der Totalausfall

Atef Odeh spürt die Folgen ganz direkt. Wichtige Teile für seine Entsalzungsanlage fehlten schon seit langem, jeden Tag drohe der Totalausfall. „Im Ernst: Es kann sein, dass ich den Betrieb ohne Vorwarnung einstellen und die Anlagen herunterfahren muss“, sagt er.

Für die Menschen, die auf sein Wasser warten, wäre das verheerend. Denn: „Wenn ich nicht komme und dieses Gebiet versorge, wird es sonst niemand tun.“ Dann werden im Gazastreifen möglicherweise noch mehr Menschen an Wassermangel, schlechten hygienischen Verhältnissen und sich ausbreitenden Krankheiten sterben als ohnehin schon.

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Dr. Heinrich Krämer
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