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Startseite»Nachrichten»Neuroplastische Anpassung?: Wie sich das Gehirn bei chronischem Tinnitus verhält
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Neuroplastische Anpassung?: Wie sich das Gehirn bei chronischem Tinnitus verhält

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 4, 2026Keine Kommentare3 Minuten Lesezeit
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Neuroplastische Anpassung?Wie sich das Gehirn bei chronischem Tinnitus verhält

Tinnitus wird individuell verschieden wahrgenommen, kann aber zu Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen oder Angstzuständen führen. (Foto: IMAGO/CHROMORANGE)

Tinnitus ist keine eigenständige Krankheit, sondern vielmehr ein Symptom, das im hochkomplexen Zusammenspiel zwischen Ohr und Gehirn entsteht. Forschende schauen sich deshalb die Aktivitätsmuster in Gehirnen von Betroffenen genauer an.

Das Gehirn passt sich nach einer gewissen Zeit an ein ständiges Geräusch im Ohr an. Das hat ein Forschungsteam von der Soochow-Universität im chinesischen Suzhou herausgefunden. Die Ergebnisse der Untersuchung deuten darauf hin, dass Tinnitus verschiedene Stadien durchläuft. Das könnte nach langfristigen Symptomen dazu führen, dass das Gehirn mit bestimmten Entlastungsmechanismen reagiert.

Als Tinnitus wird ein Symptom bezeichnet, bei dem Betroffene Geräusche wahrnehmen, denen keine äußeren Schallquellen zugeordnet werden können. Die Ohrgeräusche können individuell sehr verschieden sein und sich in Form von Pfeifen, Klingeln, Rauschen, Klicken, Summen oder als tiefes Brummen äußern. Sie können immer mal wieder kurzzeitig auftreten oder ständige Begleiter sein und dabei nur auf einem Ohr oder beidseitig zu hören sein. In Deutschland wird der Tinnitus als chronisch bezeichnet, wenn das Ohrgeräusch länger als drei Monate ununterbrochen besteht.

Verschiedene Aktivitäten in den Netzwerken

Für die Untersuchung konnten insgesamt 45 Studienteilnehmende gewonnen werden. 15 davon litten seit weniger als sechs Monaten unter akutem Tinnitus, 15 hatten bereits länger als sechs Monate Tinnitus und 15 waren tinnitusfrei und bildeten dementsprechend die Kontrollgruppe. Alle Tinnitus-Betroffenen hatten keinen erkennbaren Hörverlust. Mittels Elektroenzephalografie, kurz EEG, wurde bei allen Probanden und Probandinnen, während sie ruhten, zehn Minuten lang die Gehirnaktivität gemessen.

Auf diese Weise wollte das Team um Meng-Fang Gong feststellen, welche Hirnregionen aktiviert und wie großflächige Hirnnetzwerke ein- und ausgeschaltet werden. Bisher ging man davon aus, dass die fortwährenden Ohrgeräusche zu einer Art erhöhtem Erregungszustand im Gehirn führen, der auf emotionaler Ebene als Bedrohung eingestuft wird und deshalb zu Stress führt.

Veränderungen bei lang anhaltendem Tinnitus

Bei der Auswertung der Daten zeigte sich dieser Erregungszustand bei denjenigen, die unter einem akuten Tinnitus von weniger als sechs Monaten litten. Im Gehirn dieser Probandengruppe sahen die Forschenden eine deutlich höhere Aktivität im sogenannten Salienznetzwerk, einem System, das Reize filtert. Bei Tinnitus stuft dieses Netzwerk die Ohrgeräusche als dauerhaft wichtig oder gefährlich ein. Das ist auch die Ursache dafür, warum Betroffene das Geräusch nicht ausblenden können. Gleichzeitig war bei diesen Studienteilnehmern die Aktivität im zentralen Exekutivnetzwerk reduziert. Dieses System hilft dabei, Aufgaben zielgerichtet zu lösen und Ablenkungen zu ignorieren.

Dieses Aktivitätsmuster änderte sich jedoch bei denjenigen, die länger als sechs Monate unter Tinnitus litten. Statt im Erregungszustand zu bleiben, schien es, als würden sich die Netzwerke in ein stabileres Muster austarieren. Die Forschenden sehen darin eine neuroplastische Anpassung des Gehirns, die auf die lang anhaltenden Ohrgeräusche mit einer Art Reorganisation der Aktivitäten im Gehirn reagiert.

Diese Reorganisation hat nicht zur Folge, dass die Ohrgeräusche bei Betroffenen verschwinden oder leiser werden. Sie liefert vielmehr einen Hinweis darauf, dass es innerhalb des Gehirns zu einer Art der Anpassung an eine neue Normalität kommt. Das Gehirn von chronisch Betroffenen reagiert mit einer Art Ausgleichsmechanismus, schreiben die Forschenden zu ihren Ergebnissen, die im aktuellen Fachjournal „iScience“ veröffentlicht wurden. Auch wenn die Ergebnisse keine Beweise liefern, sind sie doch Hinweise darauf, dass für neue Tinnitus-Therapien auch die Dauer der Symptome herangezogen werden muss.

Quelle: ntv.de, jaz

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