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Startseite»Nachrichten»Weg Lenins – statt Haft und Tod: Nadeschdin war das Feigenblatt Putins, jetzt flieht auch er
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Weg Lenins – statt Haft und Tod: Nadeschdin war das Feigenblatt Putins, jetzt flieht auch er

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 5, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Weg Lenins – statt Haft und TodNadeschdin war das Feigenblatt Putins, jetzt flieht auch er

05.08.2026, 18:02 Uhr Von Artur Weigandt
Nadeschdin
Nadeschdin meldete sich bei Freunden und Followern zurück – per Video aus Paris. (Foto: Boris Nadeschdin / Telegram)

Mit Boris Nadeschdin ist der vielleicht letzte nahmhafte Kritiker der russischen Regierung ausgereist – dabei betrieb er keinesfalls Fundamentalopposition. Nun strebt er den „Weg Lenins“ an. Kann das funktionieren?

Anfang August steht ein 63-jähriger Mann vor dem Eiffelturm und filmt sich mit dem Handy. „Ich lebe und bin frei“, sagt Boris Nadeschdin in die Kamera. „Leider noch nicht in Russland.“ Er müsse sich jetzt umschauen und überlegen, wie es weitergehe. Es ist der 3. August 2026, und der Satz hat einen doppelten Boden: Nadeschdin ist nicht als Tourist in Paris.

Wochen zuvor hatte er seine Lage in einem russischen Podcast auf eine Formel gebracht, die viel über die russische Opposition dieser Jahre erzählt. Ihm blieben zwei Wege, sagte er: der Weg Lenins oder der Weg Nawalnys. Der eine führt ins Exil – und, so das historische Versprechen, eines Tages zurück. Der andere führt ins Straflager und, nicht nur im Fall Alexej Nawalnys, in den Tod. Nadeschdin hat sich für Lenin entschieden. Nur dass Lenin einst wiederkam, um eine Revolution zu machen, während „der Weg Lenins“ für einen herzkranken Mann von 63 Jahren vor allem ein höfliches Wort für Flucht ist. 

Geboren wurde Nadeschdin 1963 im usbekischen Taschkent, in eine russische Musiker- und Wissenschaftlerfamilie; die Mutter stammte aus einem ukrainisch-jüdischen Haus. Er wuchs in Dolgoprudny bei Moskau auf, studierte Physik mit Auszeichnung und später noch Jura. In der liberalen Szene Russlands ist er ein altes Schlachtross: seit über dreißig Jahren dabei, nie ganz oben angekommen. Unter Boris Jelzin beriet er den Vizeregierungschef Boris Nemzow und assistierte Ministerpräsident Sergej Kirijenko. Von 1999 bis 2003 saß er für die Union der rechten Kräfte in der Duma. 

Nie ein Systemfeind im Sinne Nawalnys

Diese beiden frühen Weggefährten markieren die Gabelung, an der sich das Schicksal russischer Liberaler entscheidet. Nemzow, dem Nadeschdin nahestand, ging in die Opposition und wurde 2015 vor dem Kreml erschossen. Kirijenko blieb im Apparat und ist heute stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung, einer der mächtigsten Männer des Landes. Nadeschdin steht dazwischen: ein Kritiker, aber nie ein Systemfeind im Sinne Nawalnys. An der sogenannten außersystemischen Opposition beteiligte er sich nie. Jahrelang gab er in den Polittalkshows des Staatsfernsehens die regierungskritische Stimme – bis er einmal sagte, man solle Putin abwählen. Danach lud man ihn nicht mehr ein. 

Nicht immer war seine Politik so sympathisch wie zuletzt. Um 2011 entdeckte ausgerechnet der in Taschkent geborene Nadeschdin, Sohn gemischter Herkunft, die „russische Frage“ für sich und wollte gegen die Zuwanderung ins Moskauer Umland ein Bündnis aus Liberalen und Nationalisten schmieden. Es kam bei keiner der beiden Seiten an. Nadeschdin ist ein Mann, der sich mehrfach neu erfunden hat, mal näher am Kreml, mal weiter weg – und lange als Feigenblatt für eine funktionierende Demokratie galt, das man vorzeigen konnte. 

Bekannt in ganz Russland wurde er trotzdem erst 2024. Sein Nachname klingt wie „Nadeschda“, das russische Wort für Hoffnung, und so trat er als „Kandidat der Hoffnung“ an – als einziger erklärter Kriegsgegner bei der Präsidentschaftswahl. Vor seinen Wahlkampfbüros bildeten sich in Moskau und anderen Städten stundenlange Schlangen von Menschen, die für seine Zulassung unterschreiben wollten. Es war eines der seltenen sichtbaren Zeichen einer Antikriegsstimmung im Land. Über 200.000 Unterschriften kamen nach seinen Angaben zusammen. Die Zentrale Wahlkommission ließ ihn nicht zu; die Listen enthielten angeblich zu viele Fehler, darunter Namen Verstorbener. Nadeschdin selbst ist bis heute überzeugt: Nicht die Unterschriften waren das Problem, sondern die Schlangen. Ein Kandidat mit zwei, drei Prozent wäre zugelassen worden. Einer, der in Umfragen bei zehn bis fünfzehn lag, nicht. 

Frieden, aber zu russischen Bedingungen

Zum reinen Helden taugt er dennoch nicht, und ein ehrliches Porträt muss das aushalten. Den Krieg wollte er beenden, ja – aber die annektierte Krim und die Hafenstadt Sewastopol, erklärte er im selben Winter, seien „keine Teile der Ukraine“ mehr; über die besetzten Gebiete solle ein weiteres Referendum entscheiden. Es ist die Haltung eines Mannes, der Frieden zu weitgehend russischen Bedingungen sucht. Und anders als Nawalny griff er Putin nie als Person an, nur dessen Politik. Aus Nawalnys Fehlern, sagte er einmal, habe er gelernt. 

Und doch liegt genau in dieser Zwitterstellung der Grund, warum man ihn – mit Vorsicht – den letzten Gegner Putins nennen kann. Nemzow ist tot, Nawalny ist tot. Wladimir Kara-Mursa saß in Haft, bis ein Gefangenenaustausch ihn außer Landes brachte; Michail Chodorkowski und Julia Nawalnaja führen die Opposition aus dem Ausland; die Partei Jabloko wird gerade zerschlagen. Wer Putin herausfordern wollte, ist seit Jahren tot, eingesperrt oder emigriert. Nadeschdin war der Letzte, der es anders versuchte: von innen, auf dem Stimmzettel, mit legalen Mitteln – und der Einzige, der dabei am Leben, in Freiheit und im Land blieb. Ob das Mut war oder die geduldete Rolle eines Mannes, den der Kreml lange für ungefährlich hielt, ist die eigentliche Frage. Wahrscheinlich war es beides. 

Genau das schützte ihn am Ende nicht. Im Juni 2026 kündigte er an, für die Duma zu kandidieren, im Wahlkreis Mytischtschi bei Moskau, unter dem Slogan „Frieden. Entwicklung. Ehrliche Wahlen. Starke Städte“. Wieder gingen Sammler von Tür zu Tür. Am 10. Juli erklärte ihn das Justizministerium zum „ausländischen Agenten“ – ein Etikett, das von Wahlen ausschließt. Es war das erste Mal in der Geschichte russischer Wahlen, dass ein Duma-Bewerber mitten im Wahlkampf so gebrandmarkt wurde. Als er dennoch weitermachte, erfolgte am 13. Juli die Festnahme und wenige Tage später das Urteil: „Verbreitung extremistischer Symbolik“, weil in einem älteren Video von ihm zehn Sekunden lang ein Bild Nawalnys zu sehen war. Die Strafe betrug tausend Rubel, elf Euro. Lächerlich wenig – und doch war Vorstrafe genug, um ihm die Kandidatur endgültig zu versagen. Am 19. Juli beendete Nadeschdin die Kampagne. 

Zwei Herzinfarkte

Wer ihn so rasch zerlegte, hat die russische Redaktion Meduza recherchiert: nicht der innenpolitische Block des Kreml, sondern die Silowiki, der Sicherheitsapparat. Der Politblock hielt Nadeschdin für ungefährlich, fast nützlich – „Seht her, so unterschiedliche Leute treten bei uns an!“. Die Silowiki aber erinnerten sich an die Schlangen von 2024 und wollten eine „sterile“ Wahl, ganz ohne Risiko. Dieselbe Vorschrift zur „extremistischen Symbolik“ trifft derzeit auch die Jabloko-Partei; ihr Politiker Maxim Kruglow wurde im Juni zu sieben Jahren Lager verurteilt. Nadeschdin selbst sagte es weniger nüchtern: Manche Türme des Kreml wollten ihn ganz wegsperren, andere wollten, dass er wenigstens am Leben bleibe. 

Und Kirijenko? Der alte Chef sitzt an der Schaltstelle des Politblocks. In den 2010er Jahren hatten die beiden noch Kontakt. Als Nadeschdin zum Agenten erklärt wurde, rief er nicht an. Seit über fünf Jahren, heißt es, sprechen sie nicht mehr. 

Dass er die Drohung mit dem Straflager so ernst nahm, hat einen Grund. Zwei Herzinfarkte hat Nadeschdin hinter sich, er ist als Schwerbehinderter eingestuft. In einer stickigen Zelle, sagte er, würde er einfach sterben. Als es hart auf hart kam, entschied er, wie er es vorher angekündigt hatte: Bleibe ihm nur noch die Wahl zwischen Lager und Familie, rette er die Familie.

So steht er nun in Paris, filmt den Eiffelturm und schreibt seinen Anhängern: „Wir halten durch, wir verzagen nicht.“ Der Weg Lenins also. Aber Lenin war 47, als er 1917 zurückkehrte, und ein Land lag in Trümmern, bereit für ihn. Nadeschdin ist 63, herzkrank, und in Russland wird im September eine Duma gewählt, in der für Männer wie ihn kein Platz vorgesehen ist. Mit dem Video vor dem Eiffelturm ist auch der Letzte, der es von innen versuchte, in die Spalte der Emigranten gewechselt. Tot, eingesperrt oder im Exil. Eine andere Spalte hat der Kreml nicht übrig gelassen. Die Hoffnung, die seinen Namen trägt, ist vorerst ins Ausland gegangen. Ob sie zurückkommt, weiß niemand. Am wenigsten der Mann vor dem Eiffelturm. 

Quelle: ntv.de

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