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Aktie mit 177 Prozent Kursplus: Ist der Moderna-Hype vorschnell?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 24, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Aktie mit 177 Prozent KursplusIst der Moderna-Hype vorschnell?

Die kalte Realität der Tumore könnte recht schnell die euphorisierten Anleger erwischen. (Foto: REUTERS)

Die ausführlichen Ergebnisse stehen noch aus – doch schon die ersten Ergebnisse versetzen Anleger in Hysterie. Der Börsenwert des Pharmaunternehmens verdreifacht sich beinahe – an nur einem Tag. Doch erste Experten bremsen. Der Forschungserfolg bedeutet längst keine Lizenz zum Gelddrucken.

Extreme Erzählungen waren schon öfter der Treibstoff für die Moderna-Aktie. Während der Pandemie wurde das Papier gehandelt, als ob die mRNA-Technologie die Medizin über Nacht revolutionieren würde. In der Spitze lag die Marktkapitalisierung bei fast 200 Milliarden US-Dollar. Dann kam die Ernüchterung: Die Impfstoffverkäufe brachen ein, und die Anleger stellten die Pipeline des Unternehmens infrage. Nun schwingt das Pendel wieder zurück – und schießt womöglich wieder einmal übers Ziel hinaus und an der Realität vorbei.

Am Mittwoch explodierte die Aktie. Moderna und Partner Merck hatten erfolgreiche Ergebnisse einer Spätphasenstudie für ihren personalisierten mRNA-Impfstoff gegen Melanome gemeldet. Für das Papier ging es in einer einzigen Handelssitzung um 177 Prozent in die Höhe. Es war der größte Tagesanstieg für ein S&P-500-Unternehmen seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Zum Ende der Woche hatte Moderna einen Marktwert von fast 60 Milliarden Dollar. Vor der Mitteilung zum Studienerfolg waren es rund 25 Milliarden Dollar gewesen. Zusammen mit Merck und Biontech, das einen eigenen personalisierten mRNA-Krebsimpfstoff testet, legte das Trio innerhalb von Tagen rund 80 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung zu, was auf eine umfassende neue Ära in der Krebsbehandlung hindeutet.

Die Ankündigung markiert einen großen Sprung in der personalisierten Onkologie. Obwohl die Studiendaten auf einer bevorstehenden Konferenz vorgestellt werden, teilten die Unternehmen mit, dass Patienten, die den personalisierten Impfstoff zusammen mit Keytruda von Merck erhielten, signifikant seltener ein Wiederauftreten des Melanoms erlebten als jene, die nur Keytruda bekamen. Als erste Validierung eines mRNA-Krebsimpfstoffs in einer späten Phase liefert dies ermutigende Beweise für das Potenzial der breiteren Krebsimpfstoff-Plattform von Moderna.

Doch die finanzielle Rechnung ist ernüchternd: Daina Graybosch, eine Analystin bei Leerink Partners, modelliert, dass die Therapie bis 2032 einen Jahresumsatz im niedrigen einstelligen Milliardenbereich generieren wird. Selbst in einem optimistischen Szenario, in dem der Impfstoff für die Partnerschaft einen Spitzenumsatz von zehn Milliarden Dollar pro Jahr erreicht, könnte dies einen zusätzlichen Marktwert von rund 40 Milliarden Dollar für beide Unternehmen zusammen rechtfertigen, sagt sie. Das ist weniger, als der Markt an einem einzigen Nachmittag hinzugewonnen hat.

Hauptgrund für die Skepsis: Der Erfolg bei Melanomen ist bei weitem kein Beweis dafür ist, dass der Ansatz auch bei anderen Krebsarten funktionieren wird. Jeder Tumor ist anders, und das Melanom ist für diese Therapie ungewöhnlich gut geeignet. Der Impfstoff analysiert den Tumor eines Patienten, wählt bis zu 34 Mutationen als Ziele aus und trainiert das Immunsystem, diese zu erkennen. Doch typischerweise erzeugen nur zwei oder drei eine nennenswerte Immunantwort, erklärt Graybosch. Beim Melanom gibt die Fülle an Mutationen dem Impfstoff mehr Ziele, mit denen er arbeiten kann, während die relative Empfindlichkeit des Tumors gegenüber der Immuntherapie diesen Zielen eine bessere Chance gibt, eine Immunantwort hervorzurufen.

Die Krebsarten, die Merck und Moderna als Nächstes ins Visier nehmen, sind hingegen weniger nachgiebig. Nierenkrebs hat weniger Mutationen, die als Ziel dienen können, während Blasenkrebs eine stärker unterdrückende Tumorumgebung aufweist. Und einige der am schwierigsten zu behandelnden Tumore, wie Bauchspeicheldrüsenkrebs, sind bekanntermaßen resistent gegen immunbasierte Behandlungen.

Dann ist da noch die Wirtschaftlichkeit des Medikaments. Traditionelle Medikamente werden in großen Mengen hergestellt. Dieser Impfstoff ist anders: Ein Chirurg entfernt den Tumor und schickt ihn in ein Labor, wo seine Mutationen sequenziert werden und ein Algorithmus die Ziele für einen personalisierten mRNA-Impfstoff identifiziert. Wie andere personalisierte Therapien ist dies eine weitaus teurere Art, ein Medikament herzustellen.

Die naheliegende Lösung ist, einen höheren Preis aufzurufen. Die Unternehmen haben sich nicht dazu geäußert wie hoch. Aber basierend auf vergleichbaren Therapien könnte die Behandlung etwa 300.000 Dollar kosten. Doch mit steigendem Preis stößt man in Europa auf Probleme, wo die Gesundheitssysteme aggressiv verhandeln. Und die Unternehmen könnten weniger Spielraum haben, von amerikanischen Patienten mehr zu verlangen als von Europäern, da die Regierung von Donald Trump eine Politik vorantreibt, die die US-Arzneimittelpreise enger an die in anderen reichen Ländern gezahlte Preise koppelt.

Das Ergebnis könnten wesentlich niedrigere Margen sein als bei herkömmlichen Medikamenten, die über 90 Prozent liegen können. Zumindest anfangs könnten die Bruttomargen zwischen 50 Prozent und 80 Prozent liegen, so Graybosch.

Das stellt die Moderna-Anleger vor eine schwierige Rechnung. Wie der Analyst Luca Issi von RBC Capital Markets erklärt, preist der Markt die Möglichkeit ein, dass der Impfstoff so etwas wie das nächste Keytruda oder Opdivo werden könnte – Medikamente, die die Revolution der Checkpoint-Immuntherapie einleiteten und sich bei einer Reihe von Krebsarten als wirksam erwiesen. Der Impfstoff könnte sich aber auch nur bei einer viel kleineren Gruppe von Tumoren als wirksam erweisen.

Das größere Versprechen der mRNA-Technologie könnte darin liegen, sie zur Krebsprävention bei Hochrisikopersonen einzusetzen, bevor die Krankheit ausbricht. Ein Impfstoff im wahrsten Sinne des Wortes, wie Graybosch es ausdrückt. Das könnte transformativ sein. Aber diese Grenze ist noch lange nicht erreicht.

Vorerst dürfte die Aufregung in dieser Woche auf die kalte Realität der Tumore und der Wirtschaftlichkeit stoßen.

Quelle: ntv.de, David Wainer, DJ

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