Belagerungen im WestjordanlandExtremistische Siedler dringen in Haus palästinensischer Familie ein
Radikale jüdische Siedler blockieren im Westjordanland seit einiger Zeit immer wieder Wohnhäuser von Palästinensern, um diese zu vertreiben. Beim jüngsten Vorfall dringen die Siedler in ein Haus ein, während die Familie vor Ort ist – und verbarrikadieren sich.
Dutzende israelische Siedler haben in einem Dorf im Westjordanland das Haus einer palästinensischen Familie besetzt, während diese sich noch darin befand. Wie die „Times of Israel“ unter Berufung auf das israelische Militär berichtet, wurden bei dem Eindringen in das Haus mehrere Palästinenser verletzt, darunter eine Frau, die in ein Krankenhaus gebracht werden musste.
Soldaten und Beamte der israelischen Grenzpolizei wurden in das Dorf Kusra entsandt, nachdem Dutzende „israelische Randalierer“ das Dorf gestürmt und Bewohner angegriffen hatte, wie die Armee mitteilte. Kusra war in den vergangenen Wochen bereits in die Schlagzeilen geraten, weil dort radikale Siedler die Häuser mehrerer palästinensischer Bewohner belagerten.
Die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa meldete unter Berufung auf den Dorfvorsteher Abdul Asim al-Wadi, dass die Betroffenen weiterhin ihre Häuser nicht verlassen könnten. Demnach sind Lebensmittel und einige Medikamente bereits knapp. Ein Angehöriger der Bewohner sagte jüngst, diese blieben in ihren Häusern aus Angst, Siedler könnten sie andernfalls besetzen. Der siedlerfreundliche US-Botschafter Mike Huckabee nannte die Siedler in Kusra zuletzt „israelische Terroristen“.
Bei dem jüngsten Vorfall bemühten sich israelische Soldaten nach Angaben der Armee darum, die Randalierer, die sich in dem Haus verbarrikadiert hatten, aus dem Gebäude zu entfernen. Auch sollen mehrere Fahrzeuge der Siedler beschlagnahmt worden sein, mit denen diese in das Dorf gekommen waren. Dem Bericht zufolge setzt das israelische Militär seine Einsätze in Kusra und Jalud – wo Siedler ebenfalls Außenposten errichtet, die Bewohner angegriffen und Häuser belagert haben – fort. Damit sollen „Ausschreitungen“ verhindert werden, wie die Armee mitteilte.
Das israelische Militär steht in der Kritik, weil Soldaten in Kusra dabei gefilmt worden waren, wie sie zu Beginn der Belagerungen mit den radikalen Siedlern beteten, anstatt gegen sie vorzugehen. Den Siedlern gelingt es trotz der Armee-Präsenz immer wieder, die Einheimischen zu terrorisieren.
Das Beispiel von Kusra veranschaulicht nach Ansicht von Kritikern ein breiteres Muster: Siedler blockieren Wohnhäuser von Palästinensern, um sie zum Ausziehen zu zwingen, damit sie selbst die Gebäude übernehmen können. Sie kappen Strom und Wasser, Sicherheitskräfte gehen kaum dagegen vor. Wenn die Palästinenser sich wehren, riskieren sie ihr Leben.
Die israelische Expertin Tammy Caner vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) spricht von einer „tiefgreifenden strukturellen Veränderung der Kontrolle und Verwaltung Israels“ im besetzten Westjordanland. Es handele sich um eine gezielte Politik, die im letzten Schritt eine Annexion des gesamten Gebiets anstrebe.
Die rechtsreligiöse Regierung von Benjamin Netanjahu setze de facto die Pläne des rechtsextremen Finanzministers Bezalel Smotrich um. Smotrich wolle im gesamten Westjordanland israelische Souveränität erreichen und damit die Bestrebungen der Palästinenser nach staatlicher Unabhängigkeit begraben. All dies werde mit Sicherheitserwägungen begründet.
