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Betrugsmaschen

Vorsicht: ARD-Redakteurin lockt mit kostenpflichtigen Medienpaketen!

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 4, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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Stand: 4. September 2026

Eine Literaturredakteurin des MDR schreibt, ihr Team bereite die Berichterstattung zur Frankfurter Buchmesse vor und schätze die Thriller der angeschriebenen Autorin „besonders dafür, dass sie nicht ausschließlich von überraschenden Wendungen leben“. Man würde sie gerne vorstellen. Der Name der Redakteurin stimmt, die Sendung gibt es, die Buchmesse steht vor der Tür. Für Autorinnen und Autoren ist das genau die Mail, auf die man wartet. Und genau deshalb funktioniert sie als Köder.

Die ARD hat am 1. September öffentlich vor dieser Masche gewarnt. Neu ist sie nicht: Das Börsenblatt berichtete bereits am 26. August, dass solche Mails seit Wochen kursieren, und ein Verlag nennt Juni als Zeitpunkt der ersten Fälschung. Betroffen sind nach diesen Berichten Kulturredaktionen von mindestens fünf ARD-Anstalten. Wer auf die Anfrage antwortet, bekommt Angebote für „Medienpakete“ zwischen 200 und 500 Euro.

Kurz gesagt

Das Wichtigste in drei Punkten

  • Unbekannte verschicken im Namen echter ARD-Kulturredakteurinnen und -redakteure Interviewanfragen zur Frankfurter Buchmesse an Autorinnen und Autoren. Die Mails sind persönlich formuliert und nehmen auf die Bücher der Angeschriebenen Bezug.
  • Wer Interesse zeigt, bekommt eine zweite Mail mit kostenpflichtigen Paketen zwischen 200 und 500 Euro. Die ARD stellt klar: Für redaktionelle Berichterstattung wird kein Geld verlangt.
  • Erkennbar sind die Fälschungen vor allem am Absender: private Adressen bei Gmail oder Yahoo. Dienstliche Anfragen verschicken ARD-Redaktionen nicht aus privaten Postfächern.

Die Rechnung kommt erst nach der Antwort

Die Masche arbeitet in zwei Schritten, und der erste ist harmlos. Die erste Mail bekundet nur Interesse: Die Redaktion bereite ihre Berichterstattung zur Frankfurter Buchmesse vor, das Werk der angeschriebenen Person komme dafür in Frage. Das Börsenblatt zitiert aus einer Fälschung im Namen der MDR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher, die unter anderem für „Druckfrisch“ arbeitet. Der Ton ist verbindlich, die Autorin wird mit Verweis auf ihre Bücher persönlich angesprochen, der Absender lautet auf ihren Namen vor einer Gmail-Adresse. Es gibt keinen Link, keinen Anhang, keine Dringlichkeit. Der Empfänger soll nur eines tun: antworten.

Erst dann kippt die Sache. Auf die Antwort folgt laut Börsenblatt eine zweite Mail mit drei kostenpflichtigen Paketen für den „Medienauftritt zur Buchmesse“. Das günstigste, „Essential Autor Feature“, kostet 200 Euro und verspricht eine „Veröffentlichung im Rahmen unserer Berichterstattung zur Frankfurter Buchmesse 2026″. Das teuerste, „Signature Autor Feature“, kostet 500 Euro und stellt ein „erweitertes redaktionelles Autorengespräch“ in Aussicht. Wer bis dahin schon ein paar freundliche Sätze über sein Buch geschrieben hat, sitzt psychologisch bereits mit am Tisch – das Gespräch läuft, die Gegenseite wirkt vertraut, und ein Paketpreis für einen Beitrag klingt in dieser Situation für manche vielleicht plausibel.

So läuft die Masche

Der Ablauf, wie ihn ARD und Börsenblatt beschreiben.

1

Die Anfrage

Eine persönlich formulierte Mail im Namen einer echten Person aus einer ARD-Kulturredaktion. Thema: Interview oder Podcast-Gespräch zur Frankfurter Buchmesse. Absender: eine private Gmail- oder Yahoo-Adresse.

2

Die Antwort

Die Autorin oder der Autor zeigt Interesse. Bis hierher wurde nichts verlangt.

3

Die Pakete

Eine zweite Mail mit drei „Medienpaketen“: von 200 Euro („Essential Autor Feature“) bis 500 Euro („Signature Autor Feature“).

Die ARD verlangt für Berichterstattung kein Geld. Wer eine solche Forderung bekommt, hat es nicht mit der ARD zu tun.

Empfängerkonten und der genaue Zahlungsweg sind nicht öffentlich dokumentiert. Quellen: ARD (1. September 2026), Börsenblatt (26. August 2026).

Fünf Anstalten, zehn Fälschungen allein bei einer Redakteurin

Aufgefallen ist die Masche, weil angeschriebene Autorinnen und Autoren oder ihre Verlage bei den echten Redakteurinnen nachfragten – die Mails kamen ihnen merkwürdig vor. Allein im Fall von Katrin Schumacher sind laut Börsenblatt zehn gefälschte Nachrichten bekannt geworden. Betroffen sind aber auch Kulturredaktionen von SWR, WDR, Radio Bremen und SR. Die ersten Fälschungen liefen laut Schumacher im Namen von Christine Westermann und Mona Ameziane vom WDR-Podcast „Zwei Seiten“, inzwischen seien ARD-weit Literaturformate in Mitleidenschaft gezogen. Die betroffenen Anstalten haben Anzeige erstattet; der Fall liege bei der Generalstaatsanwaltschaft.

Schumacher weist selbst darauf hin, dass man nur die Fälle kennt, in denen sich jemand gemeldet hat und nicht hereingefallen ist. Wie viele Autorinnen und Autoren tatsächlich bezahlt haben, weiß niemand. Auch die Verlage kennen das Problem: Droemer Knaur berichtet von einer gefälschten Anfrage im Namen von Mona Ameziane an einen seiner Autoren, die erste Mail habe den Verlag bereits im Juni erreicht. Bei Hanser bekam eine Autorin eine angebliche Interviewanfrage von SWR2 – auf Englisch, was ihr verdächtig genug vorkam, um beim Verlag nachzufragen.

Chronologie

Die Masche lief monatelang, bevor die ARD öffentlich warnte

Juni 2026

Erste gefälschte Anfrage erreicht laut Droemer Knaur den Verlag – im Namen einer WDR-Podcasterin.

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Sommer 2026

Betroffene Autorinnen und Autoren fragen bei den echten Redaktionen nach. Allein bei einer MDR-Redakteurin werden zehn Fälschungen bekannt. Die Anstalten erstatten Anzeige.

26. August

Das Börsenblatt berichtet erstmals ausführlich, der hr sendet einen Radiobeitrag. Der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels greift den Bericht am selben Tag auf.

1. September

Die ARD warnt auf LinkedIn öffentlich vor der Masche und nennt die Erkennungsmerkmale.

Warum die Mails so gut funktionieren

Massenphishing schießt breit und trifft selten. Hier ist es umgekehrt, und die Fachwelt hat dafür einen Namen: Spear-Phishing, also gezieltes Social Engineering gegen eine eng definierte Gruppe. Die Täter verwenden reale Namen von Redakteurinnen, die sich mit wenigen Klicks im Netz finden lassen, sie hängen sich an ein Branchenereignis, das in fünf Wochen stattfindet, und sie sprechen Menschen an, für die eine Redaktionsanfrage keine Überraschung wäre, sondern ein Erfolg. Wer gerade ein Buch veröffentlicht hat, rechnet mit so einer Mail.

Dazu kommt die Sprache. Die Mails sind laut Börsenblatt offenbar mit KI erstellt – auf konkrete Bücher zugeschnitten, freundlich, fehlerfrei. Die Pressesprecherin von Droemer Knaur nennt als Erkennungsmerkmal ausgerechnet das: die „übertrieben positiven, bestätigenden Formulierungen“, die man aus dem Alltag mit KI-Werkzeugen inzwischen kennt. Die klassischen Warnsignale fehlen dagegen. Kein Rechtschreibchaos, kein „Ihr Konto wird in 24 Stunden gesperrt“, kein verdächtiger Link im ersten Schritt. Der Betrug versteckt sich in einem normal wirkenden Mailwechsel und zeigt sich erst, wenn Geld ins Spiel kommt.

Auch die Buchmesse selbst wird als Absender missbraucht

Die ARD-Redaktionen sind nicht die einzigen, deren Namen derzeit verwendet werden. Die Frankfurter Buchmesse weist auf ihrer Website in einem Hinweiskasten darauf hin, dass ihr „erneut“ betrügerische Mails bekannt geworden seien, in denen sich Unbekannte als Mitarbeitende der Messe oder als deren Direktor Juergen Boos ausgeben. In einem aktuellen Fall seien Autorinnen und Autoren direkt zur Teilnahme an einem angeblichen Messeprogramm aufgefordert worden – inklusive Teilnahmegebühr. Angeboten würden „Author Packages“ beziehungsweise Programmplätze gegen Gebühren von beispielsweise 150 Euro oder 150 Pfund. Eine zweite Variante richtet sich an Aussteller: Mails im Namen der Messe fordern dazu auf, Rechnungsunterlagen zu senden oder Zahlungen umzuleiten.

Das ist nicht dieselbe Masche wie die ARD-Fälschungen, und ob dieselben Täter dahinterstecken, lässt sich von außen nicht sagen. Das Muster ist aber identisch: ein echter Name, ein aktueller Anlass, eine Gebühr für Sichtbarkeit. Und das Börsenblatt dokumentiert noch eine dritte Spielart, bei der es nicht um Geld geht, sondern um Manuskripte. Der Hanser Verlag erhielt eine Mail, die angeblich von einem befreundeten Kulturredakteur stammte und um das Vorab-Manuskript eines Bestsellerautors bat – angeblich für eine Rezension. Aufgeflogen ist der Versuch, weil der Absender den Redakteur dem falschen Medium zuordnete.

Woran man die Fälschung erkennt

Die ARD nennt zwei Merkmale, die für sich genommen reichen. Erstens die Absenderadresse: Die betrügerischen Mails kommen von privaten Konten bei Anbietern wie Gmail oder Yahoo. Aus dienstlichem Anlass schreiben ARD-Redakteurinnen und -Redakteure nicht aus privaten Postfächern. Zweitens die Geldforderung: Für redaktionelle Berichterstattung wird kein Geld verlangt – von niemandem. Wer sich trotzdem unsicher ist, ruft bei der Pressestelle der genannten Anstalt an, und zwar über die Kontaktdaten auf deren Website, nicht über die aus der Mail. Und wer eine solche Mail bekommen hat, kann sie beim eigenen Anbieter als Spam oder Betrug melden.

Screenshot des LinkedIn-Beitrags der ARD vom 1. September 2026 mit der Warnung vor gefälschten Mails im Namen von ARD-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, darunter die ARD-Grafik „Fakemails im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse“.
Die Warnung der ARD auf LinkedIn vom 1. September 2026. Screenshot: Mimikama

Eine Einschränkung gehört dazu: Fehlen diese Merkmale, ist eine Mail nicht automatisch echt. Absenderadressen lassen sich fälschen, und die nächste Variante der Masche kann anders aussehen als die jetzige. Entscheidend bleibt die Rückfrage bei der Redaktion selbst.

Was belegt ist – und was nicht

Bestätigt ist die Masche für das deutsche ARD-Umfeld, und zwar zweifach: durch die ARD selbst und durch die Recherche des Börsenblatts, das mit betroffenen Redakteurinnen und Verlagen gesprochen hat. Offen bleiben die verwendeten Empfängerkonten, die Zahl der tatsächlich Geschädigten und die Frage, wer hinter den Mails steckt. Ob die ARD-Fälschungen, die falschen Buchmesse-Mails und die Manuskript-Anfragen zusammenhängen, ist nicht bekannt.

Ob auch Autorinnen und Autoren in Österreich oder der Schweiz angeschrieben werden, wissen wir nicht. Der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels hat die Warnung am 26. August auf seiner Website übernommen, eigene österreichische Fälle nennt er nicht. Meldungen zu vergleichbaren Mails im Namen von ORF oder SRG liegen uns ebenfalls nicht vor. Ausschließen lässt sich das nicht: Die Buchmesse ist international, Verlage aus Österreich und der Schweiz sind dort selbstverständlich vertreten, und wer eine Namensliste deutscher Kulturredaktionen missbraucht, kann dasselbe mit anderen Sendern tun.

Wer eine solche Mail erhalten hat, kann sie uns gerne weiterleiten – möglichst als Originalmail samt Header, nicht als Screenshot. Absenderadresse, Empfängerkonto und der Text der zweiten Mail sind die Details, mit denen sich die Masche weiter einordnen ließe.

Was Betroffene tun sollten

Wer lediglich geantwortet, aber weder Geld überwiesen noch Dateien oder sensible Daten übermittelt hat, muss nicht automatisch einen Schaden erlitten haben. Die Antwort bestätigt den Absendern allerdings, dass die Adresse aktiv ist und dass jemand auf Redaktionsanfragen reagiert. Der Kontakt sollte deshalb sofort abgebrochen, Nachfassmails ignoriert und die Mail beim Anbieter als Betrug gemeldet werden. Wer bereits überwiesen hat, kontaktiert umgehend die eigene Bank und erstattet Anzeige. Und wer ein Manuskript oder andere vertrauliche Unterlagen verschickt hat, informiert seinen Verlag – dort weiß man, welche Folgen das haben kann.

Zum Mitnehmen

Drei Fragen bei jeder Medienanfrage

  • Passt die Adresse zum Absender?Redaktionen schreiben von Redaktionsadressen. Ein bekannter Name über Gmail ist ein Warnsignal.
  • Soll ich für Berichterstattung zahlen?Journalistische Berichterstattung kostet die berichtete Person nichts. Sonst ist es Werbung – oder Betrug.
  • Habe ich die Redaktion selbst gefragt?Ein Anruf bei der offiziellen Pressestelle klärt in zwei Minuten, ob die Anfrage existiert.
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Dr. Heinrich Krämer
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