Ob Tripper oder Syphilis: Die Zahl sexuell übertragbarer Bakterieninfektionen hat in der Europäischen Union stark zugenommen. Dabei ist der Schutz ganz einfach: Kondome.
Ausfluss aus dem Penis, der Vagina oder dem Anus, Schmerzen beim Wasserlassen, beim Sex oder im Unterleib, das können Anzeichen für eine Infektion mit Chlamydien oder mit Gonokokken sein. Solche sexuell übertragbaren Krankheiten können tückisch sein, warnt Otilia Mardh: „Besonders bei diesen beiden Erregern können Infektionen ganz ohne Symptome oder sehr mild verlaufen. Bleiben sie unentdeckt, können Menschen sie an ihre Sexualpartner weitergeben, ohne es zu wissen.“
Otilia Mardh ist Fachfrau für öffentliche Gesundheitsfürsorge am Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten in Solna bei Stockholm, kurz ECDC. Die Behörde hat vor Kurzem gemeldet, dass sexuell übertragbare Bakterieninfektionen im Jahr 2024 auf einem Rekordniveau lagen. Das sind die neuesten Zahlen aus den EU-Ländern.
Es gibt lediglich eine positive Nachricht. „Bei den Chlamydien sehen wir einen Rückgang“, berichtet Mardh.
Dreimal so viele Fälle von Tripper wie 2015
Dennoch bleiben Chlamydieninfektionen die häufigste gemeldete Geschlechtskrankheit. Bei der Gonorrhö, oft Tripper genannt, verdreifachten sich aber die Zahlen seit 2015. Außerdem mehren sich die Anzeichen, dass die Bakterien dahinter Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln.
Die Zahlen der ECDC beunruhigen, denn eigentlich ist der Schutz vor diesen Krankheiten relativ einfach. „Jeder Fall hätte sich durch angemessenes Verhalten beim Sex verhindern lassen, etwa mit Kondom“, sagt Mardh. „Geschlechtskrankheiten sind ein Problem, weil eine unbehandelte Gonorrhö oder Chlamydien die Zeugungsfähigkeit beeinträchtigen können. Darum ist es wichtig, solche Folgen bakterieller Geschlechtskrankheiten zu kennen.“
Syphilis als Gefahr für ungeborene Kinder
Menschen, die häufig die Sexualpartner wechseln, haben ein besonders hohes Risiko. Etwa Männer, die Sex mit Männern haben, sagt die Expertin. „Außerdem steigen in den letzten Jahren die Zahlen bei jungen Menschen, besonders bei Gonorrhö“, berichtet Mardh. „Was uns aber besonders Sorge bereitet: Wir sehen einen Anstieg bei der Syphilis, sowohl bei Männern, die Sex mit Männern haben, als auch bei Frauen, die Kinder bekommen können. Deshalb gibt es mehrere Syphilisfälle bei Ungeborenen, auch in Deutschland gibt es diesen Trend, wenngleich nicht in dem Maße wie in einigen anderen Ländern.“
Stecken Schwangere ihre Ungeborenen mit Syphilis an, können die Föten schwere Fehlbildungen davontragen und sogar sterben. Darum fordert Otilia Mardh größere Achtsamkeit für sexuell übertragbare Krankheiten. „Wer Kontakt mit Infizierten hatte oder Symptome bei sich beobachtet, sollte sich testen und behandeln lassen“, sagt sie.
Experte fordert mehr Tests und frühe Aufklärung
Diese Forderung unterstützt Norbert Brockmeyer. Der Facharzt für Geschlechtskrankheiten ist Präsident der DSTIG, also der Gesellschaft zur Förderung der sexuellen Gesundheit. „Wir müssen – wo das RKI ja mit allen Kräften dabei ist – unbedingt schauen, dass wir eine sehr gute Surveillance haben. Und wir müssen alles das, was wir an Präventionsmöglichkeiten haben, einsetzen“, sagt Brockmeyer.
Neben der Überwachung fordert er mehr und systematischer zu testen. „Da ist sicherlich die Stärkung gerade auch der Gesundheitsämter ganz gefragt“, betont Brockmeyer. „Denn wenn wir sehen, dass wir so eine langsame Zunahme haben im heterosexuellen Bereich, was zumindest die Syphilis betrifft – aber ich denke, das ist bei der Gonorrhö genau das Gleiche – dann müssen wir dort sehen, dass wir diese Menschen erreichen.“
Und zwar nicht erst Jugendliche. „Wir müssen in den Schulen stärker eine kindgerechte Aufklärung bezüglich Sexualität machen“, findet Brockmeyer. „Und diese Aufklärung, diese Bildung, die muss sich durch das Leben ziehen – wie eigentlich eine insgesamt gesundheitliche Bildung. Dann hätten wir ganz, ganz viele Probleme, die wir haben, und auch Kosten für dieses Gesundheitssystem, sicherlich nicht. Und das muss gehen bis ins 60., 70. Lebensjahr.“
