Aktuell kursiert auf Facebook ein Video, das Katzen- und teils auch Hundebesitzer vor Nobivac NXT HCPChFeLV warnt. Die Sprecherin nennt reale Punkte: Der Impfstoff ist neu in der EU zugelassen, richtet sich gegen mehrere Katzenerreger und enthält bei der FeLV-Komponente selbstamplifizierende RNA.
Irreführend ist dabei das Gesamtbild. Das Video stellt offene Detailfragen so dar, als sei über Sicherheit, Verteilung und Langzeitwirkung praktisch nichts bekannt. Das stimmt so nicht: Die EU-Zulassungsbehörden bewerteten das Nutzen-Risiko-Verhältnis positiv, und es liegen Studien zu Sicherheit, Wirksamkeit, Ausscheidung und Übertragung vor.
Nicht die ganze Impfung ist saRNA
Nobivac NXT HCPChFeLV ist ein Kombinationsimpfstoff für Katzen. Das Kürzel benennt die Erreger, gegen die er eingesetzt wird:
- H und C stehen für felines Herpesvirus und felines Calicivirus, zwei Erreger des Katzenschnupfen-Komplexes.
- P meint das feline Panleukopenievirus, also Katzenseuche.
- Ch steht für Chlamydia felis, eine bakterielle Infektion, die unter anderem Augen- und Atemwegsbeschwerden verursachen kann.
- FeLV bezeichnet das feline Leukämievirus, besser bekannt als Katzenleukose.
Wichtig ist: Nicht die gesamte „Fünffachimpfung“ besteht aus selbstamplifizierender RNA. Die saRNA-Technologie betrifft nur die FeLV-Komponente gegen Katzenleukose. Die anderen Bestandteile beruhen auf abgeschwächten Erregerstämmen.
Auch das Datum wird im Video ungenau dargestellt. Die zentrale EU-Zulassung erfolgte Ende Juli 2026, nicht erst exakt am 1. August. Dass ein Impfstoff zugelassen ist, bedeutet außerdem nicht automatisch, dass er seit diesem Tag flächendeckend in jeder Tierarztpraxis eingesetzt wird.
Die RNA wird nicht zu einem Virus
Im Video heißt es, die RNA könne sich in der Zelle vervielfältigen. Das ist im Kern richtig. Gemeint ist aber nicht, dass sich im Körper der Katze ein neues Virus vermehrt.
Vereinfacht gesagt funktioniert die FeLV-Komponente so: Der Impfstoff bringt eine Bauanleitung in einzelne Zellen. Diese Bauanleitung sorgt vorübergehend dafür, dass die Zelle ein bestimmtes Eiweiß des Katzenleukosevirus herstellt. Daran soll das Immunsystem lernen, den Erreger später zu erkennen.
Bei selbstamplifizierender RNA wird diese Bauanleitung in der Zelle vervielfältigt. Dadurch kann mit einer geringeren Ausgangsmenge mehr von diesem Ziel-Eiweiß gebildet werden. Genau dieser Mechanismus wird im Video als „massiver Eingriff in die Zelle“ bezeichnet.
Diese Formulierung ist jedoch eine Wertung, kein Nachweis für einen Schaden. Entscheidend ist: Die RNA wird mithilfe eines Transportpartikels in die Zelle gebracht. Dieser Partikel kann sich aber nicht wie ein echtes Virus vermehren oder sich von Zelle zu Zelle ausbreiten. Ihm fehlen dafür die nötigen Bestandteile.
Offene Fragen bedeuten nicht automatisch Gefahr
Einige Fragen aus dem Video sind nachvollziehbar. Öffentlich ist zum Beispiel nicht für jede Detailfrage genau angegeben, wie viele Stunden oder Tage die RNA in Katzenzellen aktiv bleibt oder wie viel von dem FeLV-Eiweiß zu welchem Zeitpunkt gebildet wird.
Das ist aber etwas anderes als die Behauptung, die Technologie sei unkontrolliert oder unbegrenzt aktiv. Der Wirkmechanismus ist darauf ausgelegt, dass die RNA vorübergehend in den Zellen aktiv ist und dort das entsprechende FeLV-Protein herstellen lässt. Aus den öffentlich verfügbaren Unterlagen lässt sich allerdings nicht für jedes Gewebe und jeden Zeitpunkt eine exakte Persistenz- oder Expressionsdauer ableiten.
Auch zur Frage, ob das Replikonpartikel ausgeschieden oder auf andere Tiere übertragen wird, liegen Untersuchungen vor. Bei Katzen wurde geprüft, ob der Partikel nach der Impfung in Abstrichen aus Maul, Nase, Auge oder Enddarm nachweisbar ist. Das war nach den vorliegenden Angaben nicht der Fall. Auch gemeinsam gehaltene Kontrollkatzen zeigten keinen Hinweis auf eine Weitergabe.
Was diese Daten nicht liefern, ist eine vollständige Karte aller Gewebe und Zeitpunkte. Sie sprechen aber gegen den Eindruck, es gebe zu Ausscheidung und möglicher Übertragung überhaupt keine Erkenntnisse.
„Keine Langzeitdaten“ greift zu kurz
Der Satz, es lägen „keine Langzeitdaten“ vor, ist zu pauschal. Man muss unterscheiden, welche Art von Daten gemeint ist.
Zur Dauer des Impfschutzes liegen je nach Impfstoffkomponente Angaben von ein bis drei Jahren vor. Dabei muss allerdings zwischen Grundimmunisierung und Wiederholungsimpfung unterschieden werden:
Für FHV, FCV und FeLV ist nach der Grundimmunisierung zunächst eine Schutzdauer von einem Jahr angegeben. Nach einer Wiederholungsimpfung innerhalb dieses Zeitraums wird für diese Komponenten ein Schutz von bis zu drei Jahren angegeben. Für Panleukopenie beträgt die Schutzdauer bis zu drei Jahre, für Chlamydia felis ein Jahr.
Auch zur Sicherheit liegen Labor- und Felddaten vor. Das bedeutet: Vor der Zulassung wurde nicht einfach nur theoretisch angenommen, dass der Impfstoff wirksam und verträglich ist.

Was es noch nicht geben kann, ist eine viele Jahre umfassende Erfahrung aus der breiten Anwendung in der EU. Der Kombinationsimpfstoff wurde erst 2026 zugelassen. Sehr seltene Nebenwirkungen können wie bei anderen neuen Arzneimitteln oft erst dann besser erkannt werden, wenn ein Präparat über längere Zeit bei vielen Tieren eingesetzt wurde.
Die genauere Formulierung wäre daher: Es gibt bereits Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten, aber noch keine langjährige breite EU-Markterfahrung mit diesem konkreten Kombinationsimpfstoff.
Wirksamkeit wurde geprüft
Das Video fragt, wie wirksam diese neue Technologie sei, und verweist dabei auf einen früheren „Versuch mit einer mRNA-Impfung“, bei dem trotzdem viele erkrankt seien. Worauf sich diese Aussage bezieht, bleibt allerdings unklar: Aus dem Video geht nicht hervor, welcher Impfstoff oder welche Studie gemeint ist. Ein solcher unspezifischer Vergleich lässt daher keine Aussage über die Wirksamkeit von Nobivac NXT zu.
Entscheidend ist stattdessen, welche Endpunkte bei diesem konkreten Katzenimpfstoff geprüft wurden. Bei FeLV, also Katzenleukose, wird nicht versprochen, jede Infektion in jedem Fall zu verhindern. Der Impfstoff ist unter anderem dafür zugelassen, eine persistierende Virämie und klinische Symptome infolge einer FeLV-Infektion zu reduzieren.
Die Studien zeigten, dass die Impfung die für FeLV untersuchten Folgen – anhaltende Virämie und klinische Symptome – reduzieren kann. Das heißt nicht: Die Impfung wirkt immer vollständig. Es heißt aber: Die Wirksamkeit ist nicht bloß Spekulation, sondern wurde in kontrollierten Untersuchungen geprüft.
Für Hunde ist die Warnung irreführend
Das Video richtet sich auch an Hundehalter. Für diesen Teil gibt es keinen passenden Bezug: Nobivac NXT HCPChFeLV ist für Katzen zugelassen, nicht für Hunde.
Hundehalter müssen wegen dieses konkreten Katzenimpfstoffs also nicht davon ausgehen, dass derselbe Impfstoff bei ihrem Hund eingesetzt wird. Die Frage nach passenden Impfungen für Hunde betrifft andere Präparate und sollte getrennt davon mit der Tierarztpraxis geklärt werden.
Was Katzenhalter beachten sollten
Eine sinnvolle Impfentscheidung hängt nicht allein von der Technologie ab. Entscheidend sind Alter, Gesundheitszustand, Haltung, Kontakt zu anderen Katzen, Freigang und regionales Infektionsrisiko.
Bei FeLV ist außerdem wichtig: Die Produktinformation empfiehlt, Katzen vor einer FeLV-Impfung auf FeLV-Antigenämie zu testen. Bereits FeLV-positive Katzen haben von dieser Impfung keinen Nutzen.
Wer unsicher ist, sollte in der Tierarztpraxis konkret nachfragen: Welcher Impfstoff wird verwendet? Welche Komponenten sind enthalten? Ist FeLV für die eigene Katze aufgrund von Haltung und Risiko überhaupt angezeigt? Genau dafür ist die Tierarztpraxis der richtige Ort: Dort kennt man im Idealfall das Tier, seine Vorgeschichte und eventuelle Risiken – unabhängig davon, um welches Medikament oder welche Behandlung es geht.
Viele Halter vertrauen ihrer Tierärztin oder ihrem Tierarzt seit Jahren bei Behandlung, Vorsorge und Impfentscheidungen. Dieses Vertrauen muss bei einer neuen Technologie nicht blind sein, aber es ist ein guter Ausgangspunkt für Fragen. Ein Video in sozialen Medien kann Anlass sein, sich genauer zu informieren. Es sollte aber nicht die endgültige Grundlage für Entscheidungen sein, die am Ende die Gesundheit des eigenen Tieres betreffen.
Das ist eine echte Nutzen-Risiko-Abwägung – nicht die pauschale Gleichung „neu gleich gefährlich“.
Bewertung: Irreführend. Das Video nennt reale Fakten zur saRNA-Komponente, lässt aber wesentlichen Zulassungs-, Sicherheits- und Wirksamkeitskontext weg.
FAQ zu Nobivac NXT und saRNA bei Katzen
Ist Nobivac NXT ein mRNA-Impfstoff für Katzen?
Nobivac NXT nutzt bei der FeLV-Komponente selbstamplifizierende RNA. Das ist eine RNA-Technologie, aber nicht identisch mit jedem bekannten mRNA-Impfstoff.
Besteht die ganze Fünffachimpfung aus saRNA?
Nein. Die selbstamplifizierende RNA betrifft die FeLV-Komponente. Die übrigen Komponenten sind abgeschwächte lebende Bestandteile gegen andere Katzenerreger.
Kann sich daraus ein vermehrungsfähiges Virus bilden?
Nein. Die RNA wird nur in Zellen eingeschleust, damit dort vorübergehend ein bestimmtes Eiweiß gebildet wird. Daraus kann kein vollständiges, vermehrungsfähiges Virus entstehen.
Gibt es schon Langzeitdaten zu Nobivac NXT?
Es gibt bereits Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten sowie Angaben zur Schutzdauer. Was noch fehlt, sind viele Jahre Erfahrung aus der breiten Anwendung, weil der Impfstoff erst 2026 zugelassen wurde.
Müssen Hundehalter wegen Nobivac NXT „aufpassen“?
Nein, dieser Impfstoff ist für Katzen zugelassen. Für Hunde sind andere Impfstoffe und andere Impfentscheidungen relevant.
1. September 2026
European Medicines Agency (EMA)
17. April 2026
Europäische Union / EUR-Lex
31. August 2026
European Medicines Agency (EMA)
17. April 2026
European Medicines Agency (EMA) – Committee for Veterinary Medicinal Products (CVMP)
17. April 2026
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