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Betrugsmaschen

Verschwörungserzählungen: Folgen jenseits des Internets

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 11, 2026Keine Kommentare11 Minuten Lesezeit
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Anatomie einer Verschwörungswelt · Teil 5 von 5

Wie Menschen hineinkommen, warum sie bleiben und was daraus folgt. Vier Teile lang ging es um eine Facebook-Seite, ihre Sprache, ihre Follower und deren Shares. Im letzten Teil geht es um das, was davon übrig bleibt, wenn der Bildschirm aus ist.

Bis hierher könnte man den Eindruck bekommen, wir hätten eine besonders erfolgreiche Social-Media-Nische beschrieben. Eine Frau provoziert, Follower fühlen sich verstanden, alle haben ihren kleinen Kulturkampf, und am nächsten Morgen geht das Leben weiter. So harmlos ist es nicht. Denn irgendwann verlässt das, was auf solchen Seiten passiert, den Bildschirm. Ein Post über Chemtrails mag absurd sein. Ein Spruch über Bill Gates der hundertste Internetwitz. Aber dieselbe Seite, im selben Ton, verbreitet Behauptungen über Medikamente, Impfungen, Depressionen, Wahlen und angebliche geheime Tätergruppen – in Bereichen also, in denen falsche Überzeugungen reale Entscheidungen beeinflussen können. Vier davon schauen wir uns an.

Vier Orte, an denen es ankommt

Was auf der ausgewerteten Seite gepostet wurde – und wo es außerhalb von Facebook landet.

Die Arztpraxis

„Erdung statt Antidepressiva.“ „Statine verursachen Alzheimer.“ „Impfungen voller Schwermetalle.“

Ein Elternteil entscheidet über eine Impfung. Jemand mit Depressionen überlegt, ob er die Tabletten absetzt.

Kisa & Kisa, Scoping Review, 2025

Das Wahllokal

„Wahlen sind manipuliert.“ – ohne Beleg, als Glaubenssatz auf einer Liste.

Wer Verschwörungserzählungen glaubt, bewertet Wahlen als weniger frei und fair – in 29 europäischen Ländern, am stärksten dort, wo die Wahlen objektiv sauber sind.

Schnaudt, Public Opinion Quarterly, 2024, N = 42.084

Die Straße

„Die Welt wird von satanischen Pädophilen regiert.“ „Ist das die bunte Vielfalt, von der so geschwärmt wird?“

Aus Gegnern werden Monster, aus Einzeltätern eine gesteuerte Bedrohung. Feindbilder können verändern, welche Reaktionen als legitim erscheinen.

Thomas u. a., 21 Länder, N = 4.353

Das Wohnzimmer

„Wie alle wieder eskalieren und sich outen.“ – gilt auch für die Schwester, den Kollegen, den Partner.

Familiengespräche können zunehmend unmöglich werden. Partner berichten, dass immer mehr Themen bei der großen Täuschung landen.

Kamitz, Douglas u. a., 17 Interviews, 2025

Wir können nicht sagen, dass ein bestimmter Post eine bestimmte Entscheidung ausgelöst hat. Die Forschung zeigt Zusammenhänge mit Einstellungen und Verhalten – und in einigen Bereichen Hinweise auf Ursache und Wirkung.

In der Arztpraxis

Eine 2025 veröffentlichte Übersichtsarbeit zu gesundheitsbezogenen Verschwörungserzählungen fasst den Forschungsstand nüchtern zusammen: Sie gehen mit geringerem Vertrauen ins Gesundheitssystem einher, hängen mit Impfskepsis zusammen und können dazu beitragen, dass Menschen auf unbelegte Behandlungen ausweichen. Das ist keine Vermutung über Einzelne. Es ist das, was Dutzende Studien in der Summe zeigen – als Zusammenhang, nicht für jeden Einzelfall als Ursache.

Auf der Seite aus Teil 1 stehen die passenden Posts: „Erdung statt Antidepressiva“ auf der Liste vom Teich. „Ein perfektes, gesundes Baby wird geboren. Das erste, was dieses System plant, sind unzählige Impfungen voller synthetischer Stoffe und Schwermetalle.“ „Impfstoffe sind keine Gesundheitsversorgung, sondern ein Geschäft.“ Zusammen mehr als 20.000 Likes. Wir können nicht behaupten, dass einer davon eine konkrete Entscheidung in einem konkreten Haushalt verursacht hat; das wäre unseriös. Aber irgendwo unter den 41.000 Followern liest ein Elternteil mit, das gerade den Impfplan in der Hand hat. Und irgendwo jemand mit Depressionen, dem „Erdung statt Antidepressiva“ einleuchtender klang als das Beipackzettel-Deutsch seines Arztes.

An diesem Punkt reicht „Ich stelle doch nur Fragen“ nicht mehr. Wer öffentlich behauptet, Medikamente machten krank, Impfstoffe enthielten geheime Stoffe oder medizinische Behandlung ließe sich durch irgendeine natürliche Alternative ersetzen, verbreitet keine folgenlose Privatmeinung. Und wer 40.000 Menschen erreicht, bewegt sich nicht außerhalb jeder Verantwortung, nur weil unter dem Beitrag „Meinungsfreiheit“ steht.

Im Wahllokal

„Wahlen sind manipuliert“ steht auf der Liste vom Teich zwischen Cholesterin und Fluorid. Ohne Beleg, ohne Wahl, ohne Land. Ein Glaubenssatz. Wer konkrete Hinweise auf Wahlbetrug hat, soll sie veröffentlichen; Wahlen müssen überprüfbar sein, Beschwerden untersucht, Fehler korrigiert werden. Etwas völlig anderes ist es, ohne Belege immer wieder zu verbreiten, „die Wahlen“ seien gefälscht. Damit wird nicht ein möglicher Fehler kritisiert, sondern das Verfahren selbst unter Generalverdacht gestellt.

Dass das nicht bei Facebook bleibt, zeigt eine Studie mit Daten des European Social Survey aus 29 Ländern. Christian Schnaudt von der Universität Mannheim hat 2024 in Public Opinion Quarterly gezeigt: Menschen, die allgemeinen Verschwörungserzählungen zustimmen – „eine kleine geheime Gruppe trifft alle wichtigen Entscheidungen“, „Wissenschaftler fälschen Belege“ –, bewerten die Wahlen ihres Landes deutlich seltener als frei und fair. Das Bemerkenswerte: Der Zusammenhang ist am stärksten in Ländern, in denen die Wahlen objektiv sauber sind. Wo es echte Gründe für Zweifel gibt, braucht man keine Verschwörungserzählung, um Wahlen zu misstrauen. Wo es keine gibt, liefert sie sie. Experimente aus den USA zeigen zudem, dass schon unbelegte Betrugsbehauptungen prominenter Politiker das Vertrauen in Wahlen messbar senken, auch wenn Experten widersprechen.

Mimikama-Club - Communitybereich fuer Steady-Unterstuetzer:innen

Wie es anders geht, hat Österreich 2016 vorgeführt. Bei der Stichwahl um die Bundespräsidentschaft gab es reale Verfahrensfehler bei der Auszählung von Briefwahlstimmen. Die unterlegene Seite focht die Wahl an. Der Verfassungsgerichtshof prüfte, hob die Wahl auf, und sie wurde wiederholt. Das ist der Unterschied zwischen Skepsis und Generalverdacht: Ein Rechtsstaat kann Fehler finden und korrigieren – und daraus folgt gerade nicht, dass „die Wahlen manipuliert“ sind. Es folgt, dass das Verfahren funktioniert. Wer dagegen ohne Beleg „Wahlen sind manipuliert“ auf eine Liste schreibt, kritisiert keinen Fehler. Er stellt das Verfahren unter Generalverdacht – und wenn Wahlbehörde und Gericht, wie Teil 2 gezeigt hat, ohnehin „zum System“ gehören, kann in dieser Logik keine Überprüfung mehr etwas beweisen.

Auf der Straße

Noch problematischer wird es dort, wo aus abstraktem Misstrauen konkrete Menschen werden. „Die Welt wird von satanischen Pädophilen regiert“ erklärt politische Gegner nicht zu Korrupten, sondern zu Monstern. Der Post über „drei Afghanen“ und ein „bewusstloses 17-jähriges Mädchen“ endet mit der Frage „Ist das etwa die bunte Vielfalt, von der so geschwärmt wird?“ – 7.000 Likes, 1.770 Shares. Aus einer Straftat wird ein Beleg für ein Programm, aus Tätern eine Gruppe, aus der Gruppe eine gesteuerte Bedrohung.

Menschen, die glauben, ihre Regierung nutze Migration, um die Bevölkerung gegen den Willen der Bürger zu verändern, waren in allen 21 untersuchten Ländern eher bereit, konventionelle und auch gewaltsame Aktionen gegen Migration zu unterstützen.

Emma F. Thomas u. a., Communications Psychology, April 2025, 4.353 Teilnehmende – sinngemäß zusammengefasst

Das ist ein statistischer Zusammenhang, kein Beweis, dass jeder, der solche Posts liked, gewalttätig wird. Aber er zeigt, warum diese Erzählungen gesellschaftlich nicht folgenlos sind. Wer ständig hört, bestimmte Menschen seien Teil einer geheimen Bedrohung, verändert, wie über diese Menschen gesprochen wird – und was ihnen gegenüber als Reaktion legitim erscheint. Aus Gegnern werden Verräter. Aus Journalisten Propagandisten. Aus Migranten eine „Invasion“. Wer eine Gruppe als Teil einer existenziellen Bedrohung wahrnimmt, kann auch härtere Gegenmaßnahmen eher für legitim halten – genau das ist der Zusammenhang, den die 21-Länder-Studie misst. Das bedeutet nicht, dass jeder harte politische Post in Gewalt führt. Es bedeutet, dass Sprache nicht bedeutungslos ist.

Im Wohnzimmer

Die Folgen enden nicht bei Begriffen wie Demokratie und Institutionen. Sie landen in Familien. Menschen verlieren Freunde über Verschwörungserzählungen. Weihnachten wird zum Minenfeld. Partner erleben, dass jedes Gespräch irgendwann wieder bei Impfungen, Eliten oder der großen Täuschung ankommt. Eine Übersichtsarbeit von 2023 beschreibt, wie das passiert: Meinungsdistanz, die wächst, Stigmatisierung, Streit über Normen und Verhalten.

Eine Studie der Universität Kent ist 2025 noch näher herangegangen und hat siebzehn Partnerinnen und Partner von Menschen mit ausgeprägten Verschwörungsüberzeugungen interviewt. Sie beschrieben Konflikte, Kommunikationsabbrüche und erhebliche psychische Belastung; die meisten dieser Beziehungen zerbrachen. Die Studie sagt nicht, wie häufig das passiert – siebzehn Interviews sind keine Statistik. Sie zeigt detailliert, wie Partnerinnen und Partner solche Konflikte erleben. Der Titel der Studie ist ein Zitat aus den Interviews: „Man verliert den Menschen; er ist noch da, aber man erkennt ihn nicht mehr.“ Das sind keine lustigen Kommentarspalten mehr. Das ist ein Preis, den oft Menschen zahlen, die selbst nie an eine einzige Verschwörung geglaubt haben.

Misstrauen als Lebenshaltung

Was diese vier Orte verbindet, ist ein Muster, das Verschwörungserzählungen von gewöhnlicher Kritik unterscheidet. Sie greifen mit Vorliebe genau die Stellen an, die eine Gesellschaft braucht, um sich überhaupt über Wirklichkeit zu verständigen: Medizin lügt, Wissenschaft ist gekauft, Medien verschweigen, Gerichte gehören zum System, Wahlen sind manipuliert. Dieses Misstrauen kann sich von einer konkreten Entscheidung auf immer mehr Quellen und Institutionen ausweiten – bis grundsätzlich alles verdächtig ist, was dem eigenen Weltbild widerspricht.

Skepsis – und was sie nicht ist

Beides nennt sich „kritisch“. Der Unterschied liegt darin, ob es noch ein Verfahren gibt, das einen überzeugen könnte.

Skepsis

  • Ich zweifle an dieser Entscheidung – und sage, welcher Beleg mich überzeugen würde.
  • Wenn Behörde, Gericht und unabhängige Prüfung dasselbe sagen, wiegt das etwas.
  • Ich kann mich irren. Auch bei meiner Lieblingsquelle.
  • Kritik richtet sich gegen Institutionen, damit sie besser werden.

Generalverdacht

  • Ich zweifle an allem – und es gibt keinen Beleg, der zählen würde.
  • Wenn Behörde, Gericht und Prüfung dasselbe sagen, stecken sie unter einer Decke.
  • Irren können nur die anderen.
  • Kritik richtet sich gegen Institutionen, weil sie Feinde sind.

Eine Demokratie braucht Menschen, die Behörden kontrollieren und Medien kritisieren. Sie funktioniert aber nur, solange es noch ein Verfahren gibt, um zu klären, ob eine Behauptung stimmt.

Wenn jede Institution, die widerspricht, automatisch Teil der Verschwörung ist, verschwindet die gemeinsame Grundlage, auf der man überhaupt noch über Fakten streiten kann. Dann gewinnt nicht der bessere Beleg. Dann gewinnt die Quelle, der die eigene Gruppe vertraut. Und das ist am Ende die eigentliche Gefahr solcher Seiten – nicht, dass jemand an Chemtrails glaubt, sondern dass er verlernt, wie man herausfindet, ob etwas stimmt.

Was hier angerichtet wird

Die Frau auf dieser Seite ist am Ende nicht das Thema. Morgen gibt es eine andere, mit anderem Gesicht und schönerer Musik. Das Thema ist das System, das sich um solche Accounts bildet: Eine Person veröffentlicht eine Behauptung, Tausende bestätigen sie, Hunderte streiten darüber, andere tragen sie in ihre Netzwerke, und irgendwann begegnet sie Menschen, die den Account nie gesehen haben. Aus einer Falschbehauptung wird ein Gerücht, aus dem Gerücht etwas, das „man überall hört“. Und irgendwann wundern wir uns, warum Familien nicht mehr miteinander reden, Menschen ärztlichen Rat ablehnen oder Wahlergebnisse grundsätzlich nicht mehr akzeptieren. Das entsteht nicht durch einen Facebook-Post. Aber es entsteht auch nicht ohne die Tausenden, die solche Posts jeden Tag liken, kommentieren und weitertragen.

Die Serie in fünf Sätzen

Anatomie einer Verschwörungswelt

  • Man kommt wegen der Spritpreise. Die Verschwörung ist die Beilage, nicht das Hauptgericht.
  • „Denk selbst“ kennt nur ein zulässiges Ergebnis. Widerspruch wird nicht beantwortet, sondern übersetzt – in ein Gefühl, eine Person, eine Show.
  • Man bekommt ein Kompliment, eine Gruppe und eine Erklärung. Das wiegt oft schwerer als der Beleg, weil es Bedürfnisse bedient, die jeder hat.
  • Wer teilt, ist Verteiler. Nicht der Algorithmus trägt den Post in die Familie. Das machen Menschen, fünftausendfach.
  • Irgendwann ist der Bildschirm aus – und es ist noch da. In der Arztpraxis, im Wahllokal, auf der Straße, im Wohnzimmer.

Wir wissen nicht, ob die Betreiberin jeden dieser Mechanismen plant oder einfach gelernt hat, welche Inhalte funktionieren. Für die Wirkung ist dieser Unterschied irgendwann zweitrangig. Wer hunderttausende Reaktionen erzeugt und zehntausendfach geteilte Behauptungen verbreitet, bewegt sich nicht mehr im privaten Gespräch am Küchentisch. Reichweite schafft Verantwortung – auch dann, wenn man sich selbst nur als unangepasste Stimme versteht. Dasselbe gilt für die Follower. Wer etwas weiterträgt, trägt dazu bei, dass es beim nächsten Menschen ankommt.

Man kann die Regierung verachten, Impfungen hinterfragen und Milliarden für die Ukraine politisch falsch finden. Aber wer sagt „Denk selbst, glaub niemandem“, muss sich selbst diesem Anspruch stellen. Eine Facebook-Seite, die behauptet, die Wahrheit zu kennen, die alle anderen verschweigen, muss ihre Behauptungen genauso belegen wie jene Medien und Institutionen, die sie täglich angreift. Wer Skepsis nur in eine Richtung anwendet – gegen alles, was von oben kommt, nie gegen die Frau im Auto –, hat nicht aufgehört zu glauben. Er hat nur die Adresse gewechselt.

Quellen

  • Mimikama: Auswertung von 116 Beiträgen einer Facebook-Seite, Juni bis September 2026 –
  • Sezer Kisa, Adnan Kisa: Health conspiracy theories: a scoping review of drivers, impacts, and countermeasures, International Journal for Equity in Health, April 2025
  • Emma F. Thomas u. a.: Anti-immigration conspiracy beliefs are associated with endorsement of conventional and violent actions opposing immigration and attitudes towards democracy across 21 countries, Communications Psychology, April 2025 (N = 4.353)
  • Christian Schnaudt: Conspiracy Beliefs and Perceptions of Electoral Integrity: Cross-National Evidence from 29 Countries, Public Opinion Quarterly, 2024 (ESS-Daten, N = 42.084)
  • Nicolas Berlinski, Brendan Nyhan, Jason Reifler u. a.: The Effects of Unsubstantiated Claims of Voter Fraud on Confidence in Elections, Journal of Experimental Political Science, 2023
  • Verfassungsgerichtshof Österreich: Erkenntnis zur Aufhebung der Bundespräsidenten-Stichwahl 2016 –
  • Daniel Toribio-Flórez u. a.: Does Belief in Conspiracy Theories Affect Interpersonal Relationships?, The Spanish Journal of Psychology, 2023
  • Lea C. Kamitz, Karen M. Douglas u. a.: „You lose the person; they’re still there but you don’t recognize them“, British Journal of Social Psychology, Dezember 2025 (17 Interviews)
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Dr. Heinrich Krämer
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