Der Ablauf ist unspektakulär und funktioniert trotzdem. Auf einem einschlägigen Portal steht ein Inserat, ein paar Nachrichten später läuft der Kontakt über Telegram, ein Treffen wird vereinbart. Kurz davor kommt eine Bedingung: erst zahlen, dann ist der Termin verbindlich. Bezahlt werden soll mit Guthabenkarten, in den aktuellen Fällen etwa Transcash. Danach passiert nichts mehr – oder, in einem Teil der Fälle, deutlich zu viel.
Das Versprechen im Chat ist dabei immer dasselbe: Anzahlung jetzt, Termin fix. Es stimmt nicht. Nach den Erkenntnissen der Polizei kommt es nach der Zahlung nicht zum Treffen, und hinter den Profilen stehen nicht einmal die Personen, die auf den Bildern zu sehen sind. Neu ist an der Grundidee wenig, Vorschussbetrug mit Fake-Profilen gibt es seit Jahren. Auffällig ist die Kombination: der Wechsel auf Telegram, die kaum rückholbare Zahlungsart – und das, was bei manchen Betroffenen nach der Zahlung erst beginnt.
Ein Inserat, ein Messengerwechsel, eine Bedingung
Auf einschlägigen Online-Portalen bieten angebliche Prostituierte sexuelle Dienstleistungen an. Interessenten melden sich, man wird sich einig, ein Treffen wird vereinbart. Für den weiteren Kontakt nutzen die Täter nach Angaben der Behörde vermehrt Telegram. Bevor es zum Termin kommt, verlangen die vermeintlichen Anbieterinnen eine Vorauszahlung, damit der Termin verbindlich werde – als Beispiel nennt die Polizei ausdrücklich Transcash-Karten.
Danach kommt das Treffen nicht zustande. Hinter den Profilen stehen nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei auch nicht die Personen, die auf den Bildern zu sehen sind. Wer da schreibt, bleibt offen. In ihren allgemeinen Ratschlägen nennt die Behörde zusätzlich Anzahlungen, Kautionen und Sicherheitsleistungen als typische Formulierungen, mit denen bei solchen Kontakten Druck aufgebaut wird. Für die konkreten Fälle im Kreis Borken beschreibt die Mitteilung die Vorauszahlung für den verbindlichen Termin.
Vier Schritte, immer dieselben
So beschreibt die Kreispolizeibehörde Borken die derzeit auffallende Masche.
Das Inserat
Auf einschlägigen Online-Portalen werden sexuelle Dienstleistungen angeboten.
Der Wechsel
Der weitere Kontakt läuft vermehrt über Telegram. Ein Treffen wird vereinbart.
Die Bedingung
Vor dem Termin wird eine Vorauszahlung verlangt, zum Beispiel über Transcash-Karten.
Danach
Kein Treffen. Teils weitere Forderungen, teils die Bitte um Fotos.
Mitteilung vom 11. September 2026. Wie viele Fälle dahinterstehen, nennt die Behörde nicht.
Warum es ausgerechnet Guthabenkarten sein sollen
Bei Guthaben- und Geschenkkarten ist der aufgedruckte Code das Geld. Die Polizei formuliert es nüchtern: Ein einmal weitergegebener Code kann von den Tätern in der Regel unmittelbar eingelöst werden. Es gibt keine Empfängerkontonummer, keinen Namen, keine Rückbuchung. Wer den Code weitergibt, hat den Betrag praktisch bar übergeben – nur eben an jemanden, den er nicht kennt und nicht finden wird.
Genau deshalb steht diese Zahlungsart in fast jeder Betrugswarnung. Sie taucht beim falschen Microsoft-Support auf, bei angeblichen Behörden, beim Enkeltrick per Messenger und nun eben bei angeblichen Sex-Dates. Dasselbe gilt für Kryptowährungen und andere schwer nachvollziehbare Zahlungswege. Das beweist nicht, dass jede Zahlung per Gutscheincode Betrug ist. Es erklärt aber, warum die Frage danach so verlässlich auftaucht.
Und dann kommt die Bitte um Fotos
Bei einem Teil der Fälle endet die Sache nicht mit der ausgebliebenen Verabredung. Die Polizei beschreibt, dass die Täter anschließend versuchen, weitere Zahlungen zu erlangen. Zum Teil bitten sie zuvor um Fotos der Interessenten und nutzen diese danach als Druckmittel für weitere Geldforderungen. Welche Art von Fotos gemeint ist, bleibt offen – das Muster erinnert an Sextortion, die Behörde legt sich in diesem Punkt aber nicht fest. Wir bleiben deshalb bei dem, was belegt ist.
Für Betroffene macht das ohnehin wenig Unterschied. Sobald ein Bild beim Gegenüber liegt, ist es ein Hebel, und der zweite Teil der Forderungen funktioniert nach derselben Logik wie der erste: Es soll schnell gehen, es soll unauffällig bleiben, es soll niemand mitbekommen. Bezahlen beendet das nicht. Die Polizei rät ausdrücklich, den Kontakt abzubrechen, wenn immer neue Geldforderungen gestellt werden.

Wie weit das reicht, ist offen
Belastbar dokumentiert ist diese Masche bislang durch die Warnung aus Nordrhein-Westfalen. Fallzahlen nennt sie nicht, ebenso wenig, in welchen weiteren Bundesländern dieselbe Infrastruktur beobachtet wird. Die Behörde schreibt lediglich, das Phänomen zeige sich überregional. Mehr gibt die Quelle derzeit nicht her.
Für Österreich und die Schweiz konnten wir keine aktuelle behördliche Warnung finden, die genau diese Kombination aus Telegram, Transcash und anschließenden Forderungen mit Fotos beschreibt. Das heißt nicht, dass es diese Fälle hier nicht gibt. Vorschussbetrug hält sich selten an Staatsgrenzen, und ein Messenger schon gar nicht. Es heißt nur: Bestätigt ist es für den DACH-Raum bislang nicht, und wir ziehen die Warnung deshalb nicht größer auf, als die Belege es zulassen.
Wenn schon gezahlt wurde
Sofort
Fünf Schritte nach einer Zahlung
Nichts mehr zahlen. Die nächste Forderung ist kein Abschluss, sondern die nächste Stufe.
Chat nicht löschen. Chatverlauf, Nutzername, Telefonnummer, Profilbilder, Zahlungsaufforderungen und Zahlungsbelege sichern.
Bank oder Zahlungsdienst kontaktieren, und zwar so schnell wie möglich. Bei Guthabencodes sind die Chancen gering, aber nicht in jedem Fall null.
Anzeige erstatten. In Österreich bei jeder Polizeiinspektion, in Deutschland bei der örtlichen Polizei oder online.
Keine weiteren Fotos schicken, auch nicht, um Ruhe zu bekommen. Jedes zusätzliche Bild vergrößert nur den Hebel.
Der eigentliche Hebel heißt Scham
Die Polizei schreibt einen Satz, der bei dieser Masche wichtiger ist als jeder technische Hinweis: Die Täter setzen darauf, dass Geschädigte wegen des persönlichen Hintergrunds auf eine Anzeige verzichten. Genau das ist der Geschäftsplan. Wer sich geniert, meldet sich nicht, und wer sich nicht meldet, taucht in keiner Statistik auf und löst keine Ermittlung aus.
Deshalb an dieser Stelle ganz unaufgeregt: Worum es bei dem Kontakt ging, ist für die Anzeige nebensächlich. Angezeigt wird jemand, der Geld genommen und nichts geliefert hat – und der anschließend womöglich mit Bildern Druck macht. Das ist ein Betrugsfall wie jeder andere, und die Beamtin am Schalter hat diese Geschichte mit ziemlicher Sicherheit nicht zum ersten Mal gehört.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, bevor Geld fließt
- Lässt sich diese Zahlung zurückholen?Guthabencodes, Geschenkkarten und Kryptowährungen sind weg, sobald sie weitergegeben sind.
- Weiß ich, wer da schreibt?Fotos, Profile und Bewertungen lassen sich kopieren oder erfinden. Laut Polizei stehen hinter den Profilen nicht die abgebildeten Personen.
- Wächst die Forderung?Kommt nach der ersten Zahlung eine zweite, ist die Sache entschieden. Dann hilft nur abbrechen und sichern.
