Ein ganz normales Foto. Mehr braucht es heute nicht, um eine Frau im Internet nackt darzustellen – ohne dass es dieses Nacktbild je gegeben hat. Das trifft längst nicht mehr nur Promis. Eine neue Studie zeigt, dass auch mehr als hundert Politikerinnen in der EU auf solchen Deepfake-Pornoseiten auftauchen.
Die deutsche Denkfabrik Agora Digitale Transformation hat dafür die Namen von 5.872 Abgeordneten aus allen 27 EU-Ländern gesucht. Gefunden wurden 138 Frauen und nur neun Männer. Die betroffenen Frauen sitzen in Parlamenten von 22 Ländern. Veröffentlicht wurde die Studie am 14. September 2026.
Das Wichtigste auf einen Blick
138
Politikerinnen gefunden
Was ist ein Deepfake-Porno überhaupt?
Ein Deepfake ist ein Bild oder Video, das mit künstlicher Intelligenz gefälscht wurde. Bei Deepfake-Pornos wird eine echte Person in eine Nackt- oder Sexszene gesetzt, in der sie nie war. Dafür braucht niemand ein echtes Nacktfoto. Bei Politikerinnen reicht das offizielle Porträt von der Parlamentsseite. Programme, die Menschen auf Fotos digital „ausziehen“, heißen Nudify-Apps – und die sind heute mit ein paar Klicks zu finden.
So wurde gesucht
Der Studienautor Benjamin Shultz hat dafür keine Bilder angeschaut und nichts heruntergeladen. Er hat die Namen der Abgeordneten automatisch über Google auf 160 bekannten Deepfake- und Nacktbildseiten gesucht, und zwar an fünf Tagen im Juli 2026. Auf 36 dieser Seiten gab es Treffer. Damit keine Zufallstreffer in der Statistik landen, hat er das Verfahren vorher mit 100 erfundenen Namen getestet. Bis auf ein paar Namensgleichheiten mit echten Pornodarstellern kam dabei nichts heraus.
Nicht jeder Fund ist ein Nacktbild
Das ist wichtig, damit die Zahl nicht falsch verstanden wird. Die Studie unterscheidet genau, was auf den Seiten gefunden wurde. Manchmal war tatsächlich ein gefälschtes Bild oder Video online, manchmal nur noch eine Spur davon.
Was „gefunden“ bedeuten kann
38
Abgeordnete: Das gefälschte Bild oder Video war online.
21
Abgeordnete: Eine Seite mit Name, Fotos und Link zu einem Nackt-Generator.
36
Abgeordnete: So eine Seite mit Link, aber noch ohne Fotos.

135
Abgeordnete: Nur noch eine Spur bei Google – der Inhalt war weg oder nie da.
Eine Politikerin kann in mehreren Zeilen vorkommen. Die Zahlen darf man deshalb nicht zusammenzählen.
Auswahl aus sechs Kategorien. Quelle: Agora Digitale Transformation, „Who Gets Deepfaked?“, September 2026.
Harmlos sind aber auch die anderen Fälle nicht. Eine Google-Spur verbindet den Namen einer Politikerin weiter mit einer Pornoseite. Und eine Seite mit Foto und Generator-Link ist im Grunde eine fertige Bauanleitung.
Name, Foto, drei Klicks
Genau solche Seiten nennt die Studie „Gateways“, also Eingangstore. Dort stehen der Name der Politikerin, ein paar ganz normale Fotos und Links zu ihren Social-Media-Konten. Gleich daneben ist ein Link zu einem Nackt-Generator. Manche dieser Seiten „bewerten“ sogar die Körper der Frauen. Gegenüber dem Magazin Wired sagte Shultz sinngemäß: Alles liegt bereit, nach drei Klicks kann man ein Bild erzeugen. Weil auf der Seite selbst oft noch gar kein Fake zu sehen ist, sind solche Angebote rechtlich schwer zu fassen.
Warum es Frauen so viel öfter trifft
138 zu 9 ist schon für sich deutlich. Die Studie hat aber auch Dinge wie Alter, Bekanntheit, politische Richtung und die Gesetze im jeweiligen Land herausgerechnet. Danach ist die statistische Chance für Frauen, auf solchen Seiten aufzutauchen, 33-mal so hoch wie für Männer. Dazu kommt: Je bekannter eine Politikerin ist, etwa als Ministerin oder Parteichefin, desto eher trifft es sie. Mit einer bestimmten Partei hat das wenig zu tun – Abgeordnete links und rechts der Mitte waren häufiger betroffen als jene aus der Mitte.
Gesetze und Löschen reichen nicht
Man könnte meinen, eigene Deepfake-Gesetze helfen. In der Studie schnitten Länder mit so einem Gesetz aber nicht besser ab. Entscheidend ist laut den Forschern, ob die Gesetze auch wirklich durchgesetzt werden. Viele Regeln greifen außerdem erst, wenn das Bild schon existiert und herumgeschickt wurde.
Auch das Abdrehen von Seiten hilft nur zum Teil. Kurz vor der Veröffentlichung der Studie hat die Staatsanwaltschaft in Manhattan acht solche Seiten beschlagnahmt, dadurch fielen die Funde bei 19 Abgeordneten weg. Bei einer anderen, schon länger beschlagnahmten Seite fand die Studie über Google aber noch einen Monat später 47 Einträge. Ganz gesichert ist das nicht, denn bei einer normalen Google-Suche ließ es sich nicht nachvollziehen. Und oft ziehen solche Inhalte einfach auf andere Seiten um.
Was die Studie nicht sagt
Die Studie zeigt, wer auf solchen Seiten auftaucht. Sie zeigt nicht, wer die Bilder gemacht hat oder warum. Ob jemand Politikerinnen gezielt einschüchtern will oder ob die Seiten einfach mit bekannten Gesichtern Klicks machen, weiß man daraus nicht. Außerdem ist sie eine Momentaufnahme vom Juli 2026 – was in privaten Chats oder geschlossenen Gruppen passiert, kommt darin nicht vor. Ob auch österreichische Abgeordnete betroffen sind, konnten wir aus der veröffentlichten Studie nicht herauslesen.
Und was heißt das für alle anderen?
Politikerinnen lassen sich nur besonders leicht zählen, weil ihre Namen und Fotos öffentlich sind. Das Problem betrifft aber jede Frau, von der ein Foto im Netz steht – auf Instagram, auf der Firmenseite oder im Vereinsnewsletter. Wie einfach das inzwischen geht, hat Mimikama Ende August gezeigt: Über Facebook-Werbung wurde ein Dienst beworben, der das „Entkleiden“ von Fotos als Bezahlfunktion verkauft. Wer so ein Bild sieht, sollte es deshalb nicht weiterschicken. Auch ein empörtes „Schaut euch das an!“ verbreitet die Fälschung weiter.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen, wenn dir so ein Bild begegnet
- Kann das gefälscht sein?Ja. So ein Bild kann heute aus einem ganz normalen Foto entstehen. Echt aussehen heißt gar nichts.
- Muss ich das weiterschicken?Nein. Auch wer es nur aus Empörung teilt, hilft der Fälschung, sich zu verbreiten.
- Was kann ich tun?Das Bild direkt auf der Plattform melden. Und der betroffenen Person nicht die Schuld geben.
